AktualisiertVideo-InterviewWenn das Littering Überhand nimmt: «Wir können nicht mehr ‹bure› hier»Donnerstag, 10. November 2022 Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über etwas Erfreuliches in eigener Sache berichten. Aber das Schicksal von Paloma hat mich dazu bewogen, meine Pläne kurzfristig zu ändern und stattdessen meinem Ärger und Unverständnis Luft zu machen. Dem Ärger über Palomas Tod. Sie ist nicht etwa altershalber verstorben, sondern absolut unnötig durch abgrundtiefe menschliche Dummheit elendiglich verendet. 

An den Song «Paloma» erinnert

Ich habe Paloma nicht gekannt, sondern unlängst erstmals im Kontext der Bericht­erstattung über ihr Schicksal in den Medien von ihr gelesen. Ihr Name hat mich unweigerlich an den Song «La Paloma» erinnert, der mich als kleiner Junge immer leicht melancholisch stimmte: «La Paloma ade» klang irgendwie nach bittersüssem Abschied.

Aber das Ableben von Paloma hat nichts mit Schlagerromantik zu tun, sondern ist bittere Realität: Die vierjährige Kuh verblutete – im fünften Monat trächtig – als Folge innerer Verletzungen, nachdem sie Metallteile aus weggeworfenem Abfall gefressen hatte.

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Was sind das für Leute?

Unfassbar, dass dies immer noch und immer wieder passiert. Wie kann man das stoppen? Bessere Aufklärung? (Für etwas an sich Selbstverständliches …) Konsequente und härtere Bestrafung? (Von der geringen Anzahl sanktionierter Fälle und den dabei verhängten moderaten Ordnungsbussen geht aktuell keine präventive Wirkung aus.)

Und: Wer tut überhaupt so was? Was sind das für Leute? Was ist falsch gelaufen mit ihrer Erziehung und Bildung? Alle, die ich frage, sagen, dass sie niemanden kennen in ihrem Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis, der seinen Müll einfach achtlos auf einer Wiese entsorgen würde.

Bauernverband Aargau und die IG saubere UmweltGemeinsame Aktion gegen LitteringFreitag, 3. September 2021 Alle kennen niemanden und niemand kennt jemanden, dem man so etwas Hirnrissiges zutraut. Kennen wir dann einfach die «besseren» Menschen oder unterliegen wir am Ende gar einer Fehleinschätzung? Nun, für meine Freunde und Bekannten würde ich diesbezüglich meine Hand ins Feuer legen – undanschliessend die ihre, sollte ich mich je täuschen …!

Mehr Verständnis für die Landwirtschaft dank Agriviva

Aber ich denke, in dieser Hinsicht kann ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen. Dieses sagt mir unter anderem auch – und damit komme ich doch noch kurz zurück auf die gute Nachricht, über die ich ursprünglich hier ausführlich berichten wollte –, dass Jugendliche, welche mit Agriviva (dem früheren Landdienst) Bauernhofluft geschnuppert haben, ihren Abfall nicht auf der Weide entsorgen.

Das waren im vergangenen Jahr 1400 Jugendliche, die an über 21'000 Tagen ihre Gastfamilien nach Massgabe ihrer Möglichkeiten unterstützt und den bäuerlichen Alltag kennengelernt haben. Über die gute Nachricht, dass wir ausgerechnet im 75. Vereinsjahr von Agriviva einen Teilnehmer(innen)-Zuwachs verzeichnen konnten, haben wir uns gefreut.

Sensibilisierung im Kollegenkreis

AboVergnüglich gingen die Vereinsmitglieder nach der Generalversammlung zum Apéro über. GeneralversammlungAgriviva setzt auf die Sozialen MedienMontag, 6. Juni 2022 Für mich ist kaum denkbar, dass die Jugendlichen, welche erlebt haben, wie aufwendig und vielseitig der Beruf der Bäuerinnen und Landwirte ist, nach ihrem Einsatz noch auf die Idee kommen, ihren Müll auf dem Feld zu entsorgen. Möglich aber, dass diese oft aus urbanem Umfeld stammenden Jugendlichen zukünftig intervenieren, sollten sie jemanden aus ihrem Kollegenkreis beim Littering erwischen. Dann hätten wir nebst dem Brückenbau zwischen Stadt und Land noch ein weiteres Ziel erreicht. 

Nur kommt dies zu spät für Paloma. Möge sie in Frieden ruhen.

«La Paloma ade!

Wie die wogende See

So ist das Leben ein Kommen und Gehen

Und wer kann es je verstehn?»

Zum Autor

Ueli Bracher ist Geschäftsführer von Agriviva. Er schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.