«Regenerative Landwirtschaft für eine gesunde Zukunft», so lautet der Untertitel des Buchs «Die Erde ist, was du isst», von Daniel Bärtschi. Anders als es der Titel vermuten lässt, ist der Inhalt keine genaue agronomische Anleitung, wie regenerativ auf Bauernbetrieben gearbeitet werden kann. Das würde auch nicht dem entsprechen, was Bärtschi anstrebt. Vielmehr zeichnet er das Bild eines ganzen regenerativen Systems, das teilweise deutlich anders funktioniert als das heutige. Wir haben dem Autor einige Fragen dazu gestellt.

Sie machen in Ihrem Buch Vorschläge für Verbesserung in Bildung und Beratung, Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft – Ist der Titel Ihres Buchs nicht etwas zu eng gefasst?
Daniel Bärtschi: Es widerspiegelt meinen Ansatz, vom Boden bis zum Magen zu denken. Ich möchte das bisherige Bild der Regenerativen Landwirtschaft erweitern, denn es geht nicht nur darum, regenerative Methoden anzuwenden. Es braucht auch eine Änderung im Denken. 

Gehört dazu auch die Idee, das Gesamtsystem ausgehend von der Landwirtschaft von unten nach oben zu verändern?
Es geht vor allem darum, das Potenzial zu nutzen, das jeder Bauernbetrieb hat – und zwar ohne ihm ein neues System aus Vorgaben überstülpen zu wollen.

Trotzdem arbeitet der Verein Agricultura Regeneratio an einer Auslobung für regenerative Produkte. Wie soll das gehen?
Wir wollen kein Label, sondern eher eine Marke. Dazu definieren wir einige rote Linien (z. B. um Pflanzenschutzmittel mit erhöhtem Risiko auszuschliessen, inklusive  Kupfer und Spinosad). Der Fokus liegt aber auf dem Endergebnis, z. B. einer positiven Humus- und Klimabilanz. Der Weg dorthin ist dem Landwirt überlassen und muss klar zum Betrieb passen. Sicher werden keine Stallmasse oder Dergleichen vorgegeben.

Was soll die Marke sonst noch auszeichnen?
Jeder Betrieb soll ein öffentlich zugängliches Profil haben, wo Konsumentinnen und Konsumenten sich über dessen Massnahmen und Ziele informieren können. Über einen QR-Code auf jedem Produkt wäre das Profil aufrufbar. Eine passende Plattform ist bereits in Arbeit.

Sie betonen im Buch die Wichtigkeit der Direktvermarktung. Soll der Verkauf auch über die erwähnte Plattform laufen?
Im Prinzip soll sie ein digitaler Hofladen sein, ähnlich wie Farmy vor seinem grossen Wachstum. Die Plattform wird aber vernetzen und informieren und keine Logistik übernehmen. Sie hat zwei Ziele: 1. Emotionalität: Das heisst, Konsumenten und Produzenten sollen näher zueinander kommen. So könnte für jeden Betrieb eine Art Community entstehen, die vielleicht auch einmal den Hof besucht oder mithilft. 2. Transparenz: Anders als etwa im Detailhandel soll der Kunde detailliert in die Produktion Einblick nehmen können. Realität statt Gotthelf-Romantik.

Stichwort Gotthelf – Regenerative Landwirtschaft klingt nach Rückschritt und etwas angestaubt.
Im Gegenteil, wir kombinieren altes Wissen mit moderner Technik. Beispiele sind Jätroboter, Drohnen, Sensoren für die Messung des Kohlenstoffgehalts im Boden, Satellitendaten oder Elektrofahrzeuge. «Zurück zum Alten und dann ist alles gut» – das ist eine Illusion.

Inwiefern möchten Sie Sensoren- oder Satellitendaten nutzen?
Nur daran zu glauben, dass etwas funktioniert, bringt nichts. Daten sollen die Wirksamkeit von Massnahmen bestätigen. Wir wollen nicht einfach sagen, No-Till ist gut und der Pflug schlecht, sondern die Wirkung verschiedener Methoden anschauen. So sind etwa die Ansätze des Bodenkurses von Dietmar Wenz und Friedrich Näser sinnvoll, damit endet die Geschichte aber nicht. Es braucht weitere Arbeit, man muss schauen, was wo funktioniert.

Es ist also ein grosses Ausprobieren. Welche Hilfestellungen können Sie Bäuerinnen und Bauern dabei geben?
Der Verein dient vor allem als Vermittler und macht auf Neuigkeiten aufmerksam. Ausserdem führen wir jeden Monat ein Webinar durch. Es gibt auch eine Whatsapp-Gruppe von regenerativen Bauern, die sich so über praktische Fragen austauschen. Das ist aber eher eine offene Diskussion. Neben Schulungen soll es in Zukunft auch Coaching und Beratung - online - geben.

Ein wichtiger Aspekt für regenerative Betriebe ist gemäss Ihrem Buch ein Leitbild. Was ist darunter zu verstehen?
Damit legt sich eine Bauernfamilie Ziele fest. Z. B., «wir wollen bis in 10 Jahren pestizidfrei arbeiten», oder «wir möchten Betreuungsplätze auf dem Hof anbieten». Zum Leitbild gehört auch, sich Gedanken über Werte zu machen, sei es im Umgang mit der Familie, Besuchern oder Mitarbeitenden. Am besten zeichnet man das Leitbild auf und hängt es an die Wand. Wichtig dabei: Es soll Freude bereiten und glücklich machen. So definiert man seine Ziele selbst, unabhängig von der Agrarpolitik und dem, was gerade gefördert wird.

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«Die Aussage, man produziere das, was der Markt verlangt, ist ein Witz. Oder eine Ausrede.»

Damit wären wir bei den Direktzahlungen. Stattdessen schlagen Sie ein Auftragssystem vor: Der Bund vergibt Aufträge für ökologische Dienstleistungen, etwa zum Erhalt der Biodiversität anhand der Angebote von Betrieben. Nach einer Überprüfung der Wirkung wird dann entsprechend die Leistung bezahlt. Kann das funktionieren?
Das ist eine Frage des richtigen Preises und beim CO2 funktioniert es auf ähnliche Weise. Natürlich, für dieses Auftragssystem braucht es noch einiges an Denkarbeit. Aber seien wir ehrlich, Direktzahlungen sind kaum förderlich fürs Selbstwertgefühl von Bäuerinnen und Bauern, sie sind eine Krücke. Und ich möchte nicht mein Leben lang mit einer Krücke herumlaufen.

Sie betonen das Unternehmerische, Bauern sollen unabhängig arbeiten. Aber die Produktion muss doch auch zum Markt passen?
Die Aussage, man produziere das, was der Markt verlangt, ist ein Witz. Oder eine Ausrede. Der Markt lässt sich beeinflussen, deshalb gibt es ja auch Aktionen im Detailhandel. Ausserdem gibt es verschiedene Beispiele, wie Bauern sich selbst eine Herausforderung gesetzt und ihre neuen Produkte erfolgreich verkaufen konnten. Z. B. Stephan Müller aus Steinmaur ZH mit seinem Ingwer.

Dabei soll auch die vermehrte Direktvermarktung helfen, die sie fördern wollen?
Genau, denn auch die Konsumseite muss sich anpassen. Kundinnen und Kunden sollen sich informieren können, wie etwas hergestellt worden ist und entsprechend wählen. Die bereits erwähnte Plattform soll das vereinfachen. Ausserdem wollen wir auch angeben, wie viel von einem Produkt noch an Lager ist. Das gehört zur Transparenz, unterstreicht die Exklusivität der Angebote und fördert das Verständnis für agronomische Zusammenhänge. Der Detailhandel braucht Margen für seinen Umsatz, leere Regale kann er sich nicht leisten.

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Der Erfolg von Stephan Müller mit Ingwer nennt Daniel Bärtschi als Beispiel dafür, dass der Markt beeinflussbar ist. (Bild Ruth Bossert / lid)

In Ihrer Vision sollen Produktpreise nach Qualität statt Gewicht oder Kalorien festgelegt werden. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich finde es sehr bedenklich, dass die Nährstoffdichte unserer Lebensmittel z. T. drastisch gesunken ist. Kundinnen und Kunden sollten schätzen, was drin ist und darum etwas kaufen – nicht, weil ein Label draufklebt.

Mit Refraktometer oder Nahinfrarotspektroskopie kann man die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln analysieren. Denkbar wäre auch eine Bepreisung nach Produktionsweise, wenn diese nachgewiesenermassen besonders nahrhafte Lebensmittel hervorbringt. Bei Bio ist das fliessend und der Nährwert muss nicht besser sein.

Für die Regenerative Landwirtschaft muss man nicht Bio-zertifiziert sein. Wie stehen Sie denn zum Pestizidverbot, über das wir am 13. Juni abstimmen?
Wie diese Abstimmung ausgeht, spielt für mich keine Rolle. In 8 bis 10 Jahren sind wir mit der regenerativen Landwirtschaft sowieso frei von umweltschädlichen Pflanzenschutzmitteln. Es geht darum, ein System zu schaffen, in dem für die Umwelt schädliche Pflanzenschutzmittel überflüssig sind. 

Dann darf ein regenerativer Bauer spritzen?
Das Schwarz-Weiss-Denken ist keine Lösung. Man sollte sich auch hier auf die Wirkung konzentrieren: Kupfer kann in Bezug auf das Bodenleben schlechter sein als ein ausgereiftes chemisches Produkt. Man darf sich beim Pflanzenschutz keine Scheuklappen anlegen und denken, nach einem Pestizidverbot ist alles gut. Ich sehe Pflanzenschutzmittel wie Medikamente, die man in der Hinterhand hat. Aber klar am Ende einer Kaskade anderer Massnahmen.

Pflanzenschutz ist also ein Mittel zur Risikominderung?
Ja. Wenn es eine alternative Versicherungslösung für Ernteausfälle gäbe, bräuchte es das auch nicht. So funktionieren etwa Solawis: Man definiert zusammen, wie produziert werden soll und trägt das Anbaurisiko und etwaigen Schaden gemeinsam.

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Allgemein haben Sie wenig Vertrauen in die Politik. Dabei sah die AP 22+ eine Humusförderung vor und das CO2-Gesetz geht in eine ähnliche Richtung.
Das sind erfreuliche Entwicklungen, aber die Politik kommt immer zu spät. Viele Landwirte fördern den Humusaufbau seit Jahrzehnten. Ausserdem gibt es im Ausland schon funktionierende Abgeltungssysteme dafür, die Schweiz ist da im Hintertreffen. Politik braucht es, aber sie löst keine Probleme.

Wo steht denn die Schweiz auf dem Weg zur Regenerativen Landwirtschaft oder einem solchen Gesamtsystem?
Wir haben viele gute Voraussetzungen, etwa eine starke Forschung, gute Betriebsstrukturen und eine ziemlich intakte Natur. Zudem gibt es in keinem anderen Land einen Dachverband für die Regenerative Landwirtschaft wie Agricultura Regeneratio, in dem die gesamte Wertschöpfungskette zusammenkommt. Was die Tierhaltung im regenerativen System angeht, könnte die Schweiz eine Führungsrolle einnehmen.

Bei der Tierhaltung fordern Sie, dass Hühner, Kühe, Schweine und Co. möglichst ganzjährig draussen gehalten werden sollen. In diesem Szenario gäbe es aber deutlich weniger Nutztiere in der Schweiz, oder?
Ich denke, ausserhalb der Landwirtschaft herrscht Konsens darüber, dass es hierzulande zu viele Tiere gibt. Wir müssen die Tierzahl auf ein ökologisch sinnvolles Mass reduzieren. Sowieso ist die Wertschöpfung wichtiger als die Anzahl Tiere. Besser sollte man den Tieren ihr natürliches Verhalten ermöglichen und dafür einen doppelten Preis fürs Fleisch verlangen können.

Trotzdem gehören Tiere ihrer Meinung nach fest zur Regenerativen Landwirtschaft dazu, sind Teil des Systems.
Es gibt immer mehr Freilandschweine und -hühner, z. B. in Hühnermobilen. Den Trend zur Weidehaltung gilt es, ernst zu nehmen – zumal sie nachweislich die Humusbildung fördert und Kohlenstoff in den Boden bringt. Wir müssen uns lösen von starren Konzepten und beispielsweise Hühner in einer Obstanlage scharren lassen. Dort können Sie nebenbei Schädlinge reduzieren.

Vorbild Amerika

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Es gibt mehrere erfolgreiche Praxisbeispiele für die Regenerative Landwirtschaft in den USA, die mehrheitlich aus der Not heraus entstanden. Die Schweiz hat gute Voraussetzungen für ein regeneratives System, findet Daniel Bärtschi. (Symbolbild 12019 / Pixabay)

Der US-Farmer Gabe Brown erklärt die Probleme, die durch Kunstdünger und synthetischen Pflanzenschutz entstehen und wie er seinen Grossbetrieb erfolgreich verändert hat: 

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Man soll flexibel bleiben und sich nicht mit grossen Investitionen wie etwa einen Stall auf Jahre festlegen. Wie passt das dazu, seine eigenen Ziele verfolgen zu wollen?
Das Leitbild gibt die Richtung vor, aber man darf sich nicht irgendwo verrennen, wo man nicht mehr hinauskommt. Vielleicht ist in 10 Jahren etwas ganz anderes gefragt. Zudem möchte man seinem Nachfolger Flexibilität ermöglichen – nicht, dass die nächste Generation gezwungen ist, 30 Jahre lang dasselbe zu machen, um alte Investitionen abschreiben zu können.

Wie sieht Ihr eigenes Leitbild aus?
Das habe ich auf Linkedin ziemlich klar formuliert: Meine Vision ist eine Welt, in der Menschen im Einklang mit der Natur leben und das Leben in seiner ganzen Fülle genießen können. Meine Mission ist es, das Ernährungssystem vom Bauernhof bis zur Gabel, vom Boden bis zum Magen regenerieren zu helfen und nachhaltige Systeme zu fördern. Ich unterstütze Landwirt(Innen) und Unternehmen dabei, mit der Natur und für die Natur zu arbeiten, und die Wiederherstellung von Ökosystemen zu fördern. Ich setze mich für eine transparente Kommunikation an Konsumierende ein.

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