Pflanzenbau läuft heiss – wie lange halten das die Kulturen aus?

Hitze und Trockenheit stressen Ackerkulturen und Futterbauflächen. Der Weizen geht in Notreife, die Gerste ist wohl davongekommen und bei Kartoffeln sowie Wiesen gilt es, abzuwägen.

Seit einer Woche wird die Schweiz von einer aussergewöhnlich starken Hitzewelle überrollt. Laut dem Bundesamt für Klimatologie und Meteorologie Meteo Schweiz hält sie noch bis mindestens zum Wochenende an. Grund für die Temperaturen über 30 Grad bis gegen 40 Grad sind subtropische Luftmassen. Wenn sich das Hoch verabschiedet, dürften teils kräftiger Regen und Gewitter auftreten.

«Wir steuern auf ein 2003 zu»

Das Niederschlagsdefizit ist vielerorts «gross» bis «extrem». Unter Trockenheit und Hitze leiden die Kulturen sichtbar. «Die Schäden im Weizen sind schon angerichtet», sagt Andi Distel, Leiter Pflanzenschutzdienst und Feldbau am LZ Liebegg. Er erinnert an den Hitzesommer vor über 20 Jahren: «Wir steuern auf ein 2003 zu. Damals war es ähnlich, nur ist es jetzt noch heisser.» 

Temperaturen über 30 Grad stressen Pflanzen extrem, hält Andi Distel fest. Sie fahren ihr Wachstum herunter und ihr Stoffwechsel wird blockiert. Bei Wassermangel und Hitze aktiviert reifendes Getreide das Notfallprogramm. «In der finalen Phase des Getreidewachstums – der Kornfüllung – benötigt die Pflanze sehr viel Wasser. Wenn es fehlt und extreme Temperaturen herrschen, schliesst das Getreide seine Spaltöffnungen.» 

Das vermeidet Feuchtigkeitsverlust über die Blätter und verhindert das Vertrocknen, stoppt aber auch die Fotosynthese. In der Folge werden Nährstoffe aus Blättern und Halmen abgezogen und das Korn reift in Rekordzeit ab, um die Fortpflanzung via Samen noch zu sichern. «Das ist besser als keine Samenproduktion, führt aber zu Schrumpelkörnern und Ertragsverlust.»

Im Gegensatz zum Weizen konnte die Gerste vor der Hitzewelle ihre Kornfüllungsphase vielerorts abschliessen. Teilweise wurde bereits gedroschen. «Die Gerste sollte von der aktuellen Trockenheit und Hitze nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden sein», schätzt Andi Distel. Er gehe nicht von einer Rekordernte aus, aber von einer ordentlichen.

Kühle Nächte ermöglichen Kartoffeln das Weiterwachsen

Auf den Kartoffeläckern werden Unterschiede zwischen bewässerten und unbewässerten Parzellen gerade sehr deutlich. «Wir haben letzte Woche mit einer Sonderbewilligung der Gemeinde unsere Versuche mit 30 mm bewässert», schildert Sonja Basler vom Fachbereich Ackerbau am Strickhof. Der Streifen Agria neben dem Versuchsteil, welcher ebenfalls von der Beregnung profitiert hat, weise deutlich grössere Stauden mit einer gesunden Farbe auf als die unbewässerte Restfläche. «Dank der Bewässerung wurde der Bestand geschlossen, was im Rest des Feldes nicht der Fall ist.» 

Ob die Stauden die Reihen schliessen und die Dämme so im Schatten der Pflanzen liegen, hat einen grossen Einfluss auf die Temperaturen im Bestand. «Sobald die Sonne braunen Boden sieht, wird die Hitze extrem», so Basler. Für ein optimales Wachstum der Knollen wäre eine Bodentemperatur von rund  20 Grad ideal. Bei Hitze kommt es auch in dieser Kultur zum Wachstumsstopp. «Wir hatten aber bisher nicht so viele Tropennächte», bemerkt die Beraterin. Die kühleren Nachttemperaturen scheinen jenen Stauden, die  genügend Wasser zur Verfügung haben, ein Weiterwachsen zu ermöglichen.

Naturgemäss mehr Sorgen als der Zustand der oberirdischen Pflanzenteile macht man sich um die Knollen im Boden. Sie haben einen hohen Wassergehalt und brauchen entsprechend auch viel Wasser, um die geforderten Kaliber zu erreichen. Im Kulturverlauf sichern die ersten Bewässerungsgaben vor allem den Knollenansatz, weitere fördern die Vitalität der Stauden und zuletzt geht es um die richtige Grösse der Kartoffeln und deren Qualität bzw. das Vermeiden von Wachstumsrissen. Ausserdem ist die Bewässerung bei Kartoffeln eine gute Schorfprävention, was bei Speisekartoffeln besonders wichtig ist.

Jetzt die Bewässerung zu beginnen, kann kontraproduktiv sein

Die Frage, ob sich ein Bewässerungsstart jetzt noch lohnt, ist aber trotz verbreiteter Trockenheit nicht pauschal zu beantworten. «Es ist wichtig, den Entwicklungsstand der Kultur zu prüfen», empfiehlt Sonja Basler. Wenn der Trockenstress schon länger andauert oder die vorzeitige Abreife bereits eingesetzt hat, könne eine Bewässerung auch kontraproduktiv sein. «Es besteht das Risiko, dass die bereits gebildeten Knollen eine neue Knollengeneration bilden oder die Knollen nach einer Bewässerung Wachstumsrisse ausbilden.» Weiter gilt es, die Bodeneigenschaften und die Wasserverfügbarkeit zu beachten. Wasser aus dem Trinkwassernetz könne mit bis zu drei Franken pro m³ zu Buche schlagen. «Das macht bei einer Gabe von 30 mm schon 900 Franken – reine Wasserkosten, ohne die Verteilung», rechnet Basler vor. Einen allfälligen Kühlungseffekt durch die Bewässerung schätzt sie als klein oder zumindest sehr kurzfristig ein – zumal bei derart hohen Lufttemperaturen.

«Eigentlich entscheidet man schon im Winter, ob man die Kartoffeln bewässern will», findet Sonja Basler. Wenn die Entscheidung erst im Sommer fällt, werde es schwierig. Dies auch angesichts knapper werdender Wasserressourcen und Einschränkungen aufgrund hoher Gewässertemperaturen. Hier wäre die (teurere) Tröpfchenbewässerung von Vorteil: «So kann man die Kultur mit einer kleineren Menge Wasser, die vielleicht noch erhältlich ist, ausreichend versorgen.»

Gras leidet mehr unter dem aktuellen Wetter als Leguminosen oder Kräuter. Generell wächst aber gerade wenig.(Bild: Jil Schuller)

Besonders das Raigras leidet

Im Futterbau hält der Wassermangel schon seit dem Frühling an, beobachtet Strickhof-Futterbauexperte Hanspeter Hug. In seinem Beratungsgebiet seien die Erträge bisher eher bescheiden gewesen – vor allem dort, wo der erste Schritt zu früh erfolgte. Jetzt kommt die Hitze zur Trockenheit hinzu. «Vor allem Raigräser leiden sehr stark darunter», sagt Hug.

Italienisch Raigrastypen versuchten, sich noch schnell mit einer Ährenanlage zu erhalten – analog zum Getreide, das in Notreife geht. «An südexponierten Stellen kann es sicherlich zu Raigrasausfällen kommen.» Das Ausmass lasse sich momentan nicht abschätzen. Sowohl Mähen als auch Weiden hält der Berater angesichts des Stresses durch Hitze und Trockenheit für einen Fehler.

Was für die Kartoffeldämme gilt, gilt auch für die Futterbauflächen. «Je weniger Pflanzenaufwuchs vorhanden ist, desto heisser erwärmt sich der Boden und trocknet weiter aus», schliesst sich Hanspeter Hug den Ausführungen Sonja Baslers an. Frisch geschnittene Bestände würden deutlich mehr leiden. Der Kleeanteil nehme momentan stark zu, weil Kleearten klar hitze- und trockentoleranter seien als Gräser. Kräuter leiden auch weniger. Profiteure vom Ganzen sind allerdings Hirsearten, die sich in geschwächten Futterbaubeständen bei hohen Luft- und Bodentemperaturen bestens etablieren können. «Ebenfalls leidet das Ausläuferstraussgras wenig und kann sich als Ungras gut entwickeln.» 

Vielleicht Übersaat ab Mitte August

Hanspeter Hug rät jenen, die jetzt nicht geschnitten haben, vor dem Wetterwechsel zu mähen. «Andere müssen zuerst warten, bis es wieder etwas Futter hat.» Sobald das der Fall ist, werde ein Schnitt fällig, um Unkräuter und ährentragende Halme zu schneiden. Düngen sei im Moment zwecklos. «Ab Mitte August ist dann zu entscheiden, ob allenfalls mit einer Übersaat der Bestand wieder verbessert werden könnte.» 

Neben Getreide, Kartoffeln und Futterbauflächen lassen auch Sonnenblumen und Zuckerrüben ihre Blätter hängen. «Unsere hiesigen Kulturen sind nicht gemacht für solche extremen Heiss- und Trockenphasen», konstatiert Andi Distel. Das Notfallprogramm schalte sich bei den meisten Nutzpflanzen langsam ab etwa 30 Grad ein. «Bei starker Hitze über 35 Grad drohen zudem irreversible Gewebeschäden.»