Die letzten Tage und Wochen waren schweizweit die Mähdrescher im Einsatz. Vorgängig hatte der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV) zur Entlastung der Sammelstellen geraten, bei Bedarf Lieferungen zu verspäten. Denn die Lagerbestände aus dem Vorjahr seien auf enorm hohem Niveau. Ausserdem erwartete Swiss Granum eine durchschnittliche Ernte 2026.
Sowohl Fenaco GOF als auch der Verband der Getreidesammelstellen Schweiz (VGS) haben gegenüber der BauernZeitung bestätigt, dass es hilfreich sein könne, die Ware vorübergehend auf dem Betrieb zu behalten – in Absprache mit der jeweiligen Sammelstelle. Wie sieht die Lage nun vor Ort aus? Eine kleine Umfrage zeigt ein gemischtes Bild.
Ernte startet mit vollen Lagern – Getreide vorerst auf dem Betrieb behalten?
Der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV) empfiehlt, die Sammelstellen zu entlasten. VGS und Fenaco GOF betonen, das Vorgehen sei gut abzusprechen. Bei einer Lagerung auf dem Betrieb muss zudem auf Hygiene geachtet werden.Trockenheit hat Ertrag gekostet, aber Qualität überzeugend
«In unserem Einzugsgebiet sind 80 bis 90 Prozent des Getreides geerntet», schätzt Remo Schenkel, Leiter SGF Agrar Landi Aare. Beim Brotweizen seien die Erträge in diesem Jahr durchschnittlich bis gut, je nach Bodenverhältnissen. Höhere Humusgehalte – allenfalls abhängig von der Kombination mit Tierhaltung auf dem Betrieb bzw. vom Hofdüngereinsatz – zeigten sich nach Schenkels Beobachtung durch bessere Trockenheitsresistenz der Kultur.
Notreife Posten gab es in der Sammelstelle in Worb BE nicht. Tatsächlich war die Qualität der bisher abgelieferten Brotweizen-Posten laut Remo Schenkel «super». Wenn es weniger trocken gewesen wäre, hätte der eine oder andere wohl einen höheren Ertrag eingefahren, meint er. Dafür seien Mykotoxine heuer kaum und Mutterkorn nur vereinzelt – bei Gräserdurchwuchs – ein Thema.
Warteliste für TOP-Weizen IP-Suisse
Vielmehr beschäftigen derzeit volle Lager. Die Sammelstelle Worb führt seit Kurzem eine Warteliste für Anlieferungen von TOP-IPS-Weizen. «Wir suchen laufend neue Kapazitäten», schildert Remo Schenkel, «das ist anspruchsvoll.» Mancherorts könnten Futtermühlen aushelfen und eine Mühle aus der Region unterstütze gerade sehr. Trotzdem müssen einige Produzenten ihr Getreide vorerst im Kipper auf dem Betrieb behalten.
Die Reaktionen darauf würden unterschiedlich ausfallen, sagt Remo Schenkel. Zumal Verzögerungen beim Abliefern und Wartelisten ungewohnt seien. «Wir können pro Tag 50 t bis 100 t auslagern. Angesichts der angemeldeten Mengen ist das aber ein Tropfen auf den heissen Stein», gibt er zu bedenken. Wann sich die Lage grundsätzlich verbessere, könne er nicht sagen. Man versuche das Möglichste, damit die Warteliste bis Ende Woche abgearbeitet sei.
Wirtschaftlich ein Vorteil gegenüber Zwischenlager
Es sei aber wichtig zu verstehen, dass ein verzögertes Abliefern schlussendlich für die Produzenten von Vorteil sei: «Das ist besser, als wenn es Zusatzkosten gibt, um letzterntiges Getreide in ein Zwischenlager zu transportieren und dort weiter aufzubewahren.» Dessen seien sich viele im Stress der Erntezeit nicht bewusst.
Die Lage präsentiere sich jedoch mitunter unterschiedlich, je nach Region und Erntefortschritt, ergänzt der Berner. «Wir schauen von Tag zu Tag, was möglich ist.»
Rekordjahr bezüglich Hektolitergewicht
Die Qualität des Brotweizens sei sehr gut, vielleicht schon äusserst gut, und 2026 eventuell in dieser Hinsicht ein Rekordjahr, sagt Adrian Meyer in Bezug auf das Hektolitergewicht. «Wir haben 87er-Weizen», bemerkt der Mitinhaber der Neumühle AG in Grosswangen LU. Hingegen sei der Proteingehalt nicht besonders hoch. «Bei Klasse-I-Weizen ist er gut, beim TOP zum Teil im Abzugsbereich», schränkt er ein. Teilweise werde nun TOP zu Klasse I deklassiert. Dafür bekomme man im Endeffekt aber nicht viel weniger, wie für TOP mit Abzügen wegen zu tiefem Proteingehalt. Mit dem neuen Proteinzahlungssystem werden für TOP-Weizen seit dieser Ernte 12 Prozent Protein vorausgesetzt. In Klasse I und II sind es jeweils 11 Prozent.
Die Neumühle AG hatte heuer nicht mit notreifem Weizen zu tun, wenn auch bisweilen als Folge der Trockenheit Schrumpfkörner oder Bruch auftraten. Die angelieferten Mengen seien insgesamt durchschnittlich bis gut, hält Adrian Meyer fest.
Vor der Ernte die Lager geleert
Vor der Ernte habe man alle Zellen leeren können, sagt der Mühlen-Mitinhaber. «Wir hatten die Ware schon verkauft und die Abnehmer haben das Getreide vor dem Erntebeginn abgeholt», so Adrian Meyer. Die Neumühle AG arbeite seit Jahren mit denselben Abnehmern, führt er aus. Angeliefertes Futtergetreide geht direkt an die Futtermühle in Ruswil LU. Aussergewöhnliche Verzögerungen für die Produzenten, die ihr Getreide in die Sammelstelle bringen möchten, gebe es nicht, fasst der Luzerner zusammen.
Zahlreiche Labels – die Planung braucht Vorlauf
Markus Raschle, Geschäftsführer der Getreide Mittelthurgau AG in Märstetten TG, schätzt, dass in seinem Einzugsgebiet etwa 70 Prozent des Getreides gedroschen sind. Die Qualität sei grundsätzlich gut, die Menge durchschnittlich. «Aber der Proteingehalt liegt eher unter dem Durchschnitt», so Raschle. Notreife Posten oder Probleme mit Fusarien und Mutterkorn seien bis heute nicht aufgetreten.
Zu den Lagerkapazitäten sagt Raschle, man schaue im Rahmen seiner Möglichkeiten, Getreide anzunehmen und gleichzeitig an die Abnehmer auszulagern. Das sei nicht aussergewöhnlich, in anderen Jahren habe es die Getreide Mittelthurgau AG ebenso gehandhabt. Eine frühzeitige Anmeldung der Posten und Vorlauf für die Planung braucht der Betrieb unabhängig von Lagerkapazitäten und Erntemengen. «Wir haben zahlreiche Labels, von ÖLN bis Demeter», gibt Raschle zu bedenken. Da gelte es, die richtigen Reihenfolgen einzuhalten. Sofortiges Abliefern nach der Anmeldung wäre schwierig – allenfalls muss das nächste Annahmefenster für die jeweilige Ware abgewartet werden. Zumal, wie Raschle beobachtet, heuer sehr viel in kurzer Zeit geerntet worden ist.

