«Zuerst dachte ich: So ein ekliges Tier», sagt Sabrina Mathis rückblickend. «Doch als ich sah, was es zustande bringt, änderte ich meine Meinung.» Die Seidenraupe sei eine Topsportlerin, zu vergleichen mit einer 140 000er-Kuh. Mit Milchvieh kennt sich die Landwirtin vom Margler-Hof in Watt bei Regensdorf ZH schon lange aus, sie ist eine begeisterte Holsteinzüchterin. Vor zwei Jahren kam die Seidenraupenaufzucht dazu.
Eine alte Tradition wurde neu belebt
Den Tipp dazu hatte Sabrina Mathis erhalten, als sie die Bäuerinnenschule am Strickhof besuchte und man im Rahmen der Textilkunde auf Seidenraupen zu sprechen kam. Der Zeitpunkt war günstig, wie sie feststellt: «Die alte Obstanlage wollten wir nicht ersetzen, ein weiterer Betriebszweig als Ergänzung zur Milchproduktion war willkommen.»
Mathis begann, sich über die Seidenraupenzucht zu informieren. So erfuhr sie etwa, dass die Seidenproduktion in der Schweiz einst weitverbreitet war. Als die Textilindustrie im 20. Jahrhundert mehr und mehr günstige Seide aus dem Ausland importieren konnte, verlor der Wirtschaftszweig an Bedeutung. Heute ist die Tradition im kleinen Stil wieder zum Leben erwacht. Vor rund 20 Jahren wurde der Verein «Swiss Silk» gegründet, dem derzeit rund 15 Produzenten angeschlossen sind (siehe Kasten).
Raupenraum mit Lüftung eingerichtet
Sabrina Mathis entschloss sich zum Einstieg in die Seidenraupenaufzucht und trat dem Verein bei. Dabei wird jeder Einsteiger beratend von einem «Götti», einem erfahrenen Seidenraupenproduzent, begleitet. «Weil alles neu ist, sind wir froh um diese Möglichkeit», sagt Sabrina Mathis, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann Christian und den Eltern Heinz und Conny führt. Vor zwei Jahren begannen sie, die notwendigen Investitionen für das Projekt umzusetzen – allem voran den Einbau eines Raupenraums mitsamt Lüftung sowie die Pflanzung der ersten 120 Maulbeerbäume. «Wenn wir etwas machen, versuchen wir das möglichst professionell, oder wir lassen es», so die Zürcherin, die auf dem Betrieb für das Projekt Seidenraupen zuständig ist.

Das 10 000-Fache des Anfangsgewichts
Nun läuft die Seidenproduktion auf dem Margler-Hof bereits im zweiten Jahr. Die Saison dafür ist jeweils von Mai bis Oktober, wenn die Weisse Maulbeere Blätter trägt – das unverzichtbare Alleinfutter für die Raupen. Anfang Juni ging es los: Nach ihrer Ankunft aus Italien kommen die bestellten Eier in den Brutschrank. Nach rund 10 Tagen schlüpfen über 5000 Raupen.
Die eigentliche Arbeit beginnt mit dem mehrmaligen Füttern pro Tag. Zudem wechseln sie bald vom Brutschrank ins 8 m 2 grosse Raupenbett, wo sie bis zum Einspinnen bleiben. Dies, weil die Raupen innert kurzer Zeit mächtig zulegen: «Zu Beginn verzehren die Raupen täglich insgesamt einige hundert Gramm fein geschnittene Blätter, drei Wochen später sind es bereits 12 Kilo», erklärt Sabrina Mathis.
Ihr Vergleich mit dem Spitzensport kommt nicht von ungefähr: Die Eier haben die Grösse von Mohnsamen, nach 25 Tagen erreichen die Tiere eine Länge von rund 10 Zentimeter und bringen rund 5 Gramm auf die Waage – das 10 000-fache ihres anfänglichen Gewichts.

Die Blattschneidemaschine ist eine Hilfe
Die Maulbeerblätter pflückt Sabrina Mathis frühmorgens frisch von Hand. Beim Schneiden der Blätter auf die gewünschte Grösse hilft ihr eine Blattschneidemaschine, welche die Blätter mit 15 mm Schnittlänge schneidet. Je nachdem, wie gross die Blatteile sein sollten, werden sie ein- oder mehrmals maschinell geschnitten. «Die Raupen brauchen einen Blattrand, um mit dem Fressen beginnen zu können. Je grösser sie sind, desto grösser können auch die Blatteile sein.» Inzwischen hat die Familie Mathis 240 Maulbeerbäume. Bis auf die äussersten Blätter an den Trieben werden alle Blätter geerntet – Beeren entwickeln sich somit nicht.

Insektizide in den Maulbeerbäumen sind tabu
«Die Bäume sind empfindlich auf Spätfröste, ansonsten jedoch sehr robust», so die Produzentin. «Allerdings sind in der Maulbeerbaumanlage Insektizide absolut tabu. Das überleben die Raupen nicht.» Ausserdem sind die Tiere vor verschiedensten Keimen wie etwa der bakteriellen Erkrankung Flacherie zu schützen, auch reagieren sie irritiert auf Störungen wie Luftzug oder Geräusche. Die ideale Temperatur im Raupenraum liegt zwischen 22 und 26 Grad. «Da die Raupen hochempfindlich sind, muss man sie aufmerksam beobachten», sagt Sabrina Mathis. Dazu nehme sie sich vor allem morgens Zeit. Dabei habe sie realisiert, dass die Tiere gar nicht so ruhig sind, wie es den Anschein macht: «Am schönsten ist das Geräusch der Raupen beim Fressen.»
Die Entwicklung der Seidenraupen synchronisieren
Während ihrer Entwicklung häuten sich Seidenraupen viermal. Bestimmte Anzeichen kündigen jeweils an, dass es bald so weit ist: So hören die Tiere unter anderem auf zu fressen, recken sich hoch und die Haut beginnt zu glänzen. «Es ist wichtig, die Raupen bei den Häutungen mithilfe der Fütterung zu synchronisieren, damit sich am Ende alle Raupen innert 1 bis maximal 2 Tagen in einen Kokon verpuppt haben», sagt Sabrina Mathis. Daher entfernt sie Raupen, die den restlichen Tieren bei der Häutung entwicklungsmässig hinterher sind. Nach jeder Häutung ist es zudem an der Zeit, das «Bett» zu reinigen: Dabei werden die Raupen mit Futter auf Netze gelockt und versetzt, damit die Unterlage von Kot und Futterresten gesäubert werden kann.
Ein einziger Seidenfaden ist bis zu 2 km lang
Während der letzten drei Tage der Aufzucht spinnen sich die Raupen in ihre Kokons ein. Diese bestehen aus einem einzigen Seidenfaden, der bis zu 2 km lang ist und aus den Proteinen Sericin und Fibroin besteht. Nach drei Wochen im Kokon schliesst sich der Kreislauf: Die Raupen schlüpfen, um sich zu paaren und Eier zu legen. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Sabrina Mathis die Kokons bereits an Swiss Silk geliefert, welche die Rohseide zur Herstellung von Kosmetika sowie von Textilien (z.B. für Schals) aus der eigenen Manufaktur einsetzt. Ausserdem sind die Proteine in der Medizin gefragt, etwa als Bestandteile von Implantaten.

Die Führungen machen die grösste Wertschöpfung aus
Auf dem Margler-Hof hätte es Kapazität von jährlich zwei Aufzuchten mit je 25 000 Raupen. Doch Sabrina Mathis will nicht gleich aufs Ganze gehen, sondern dieses neue Handwerk lieber zuerst gründlich lernen. Sie rechnet damit, dass der Betriebszweig nach etwa 5 Jahren in die schwarzen Zahlen kommt. Bereits ist im Hofladen eine Reihe von Seidenprodukten im Angebot. «Die grösste Wertschöpfung machen jedoch die Führungen aus, die wir während der Raupenaufzucht anbieten», sagt sie.

Die nächsten Führungen können vom 21. Juni bis 8. Juli 2027 gebucht werden. Infos: www.margler-hof.ch
Schweizer Seidenproduzenten
Die Vereinigung der Schweizer Seidenproduzenten Swiss Silk wurde 2009 von inländischen Bauern und Textilunternehmen gegründet. Sie koordiniert die Seidenproduktion in der gesamten Schweiz, von der Aufzucht der Raupen bis hin zur Vermarktung der verschiedenen Produkte. Die Bauern ziehen auf ihren Betrieben Seidenraupen auf, die Seidenkokons spinnen. Diese werden von Swiss Silk in Bolligen BE zu hochwertigem Seidenfaden verarbeitet, der danach zu Stoffen und Pflegeprodukten veredelt wird.
Betriebsspiegel Margler-Hof
Watt bei Regensdorf ZH
Name: Sabrina und Christian Mathis, Heinz und Conny Mathis
Ort: Watt bei Regensdorf
LN: 33 ha
Tierbestand: 50 Milchkühe (Red Holstein, Holstein, Brown Swiss), 18 Plätze für Grossviehmast, 200 Legehennen, saisonal 5000 Seidenraupen
Kulturen: Winterweizen, Wintergerste, Wintertriticale, Silomais und Kunstwiese, Naturwiesen, extensive Wiesen.
Vermarktung: Seidenprodukte und eigene Produkte (z.B. Eingemachtes, Pasta, Risotto) im Hofladen.

