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Der Freiberger und das Fremdblut – ein Streit, der nicht endet

Seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert kämpft der Freiberger um seine Identität. Mal war Fremdblut die Rettung, mal das Problem. Heute sterben Linien aus und die Grundfrage bleibt unbeantwortet.

Alte Fotos zeigen den Freiberger auf dem Hof: am Pflug auf dem Acker, vor dem Wagen, auf der Weide. Ein stämmiges, braunes Quadratpferd, eher 1,50 denn 1,60 Meter gross, muskulös und ausdauernd. Das Arbeitstier des Schweizer Bauern – und das einzige typisch schweizerische Pferd, das bis heute überlebt hat. Neben dem Freiberger gab es bis vor mehreren Jahrzehnten noch den Erlenbacher, den Einsiedler, den Burgdorfer und den Entlebucher. Alle verschwunden.

Dass der Freiberger überlebt hat, ist das eine. Das andere ist die Frage, als was er überlebt hat. Denn seit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert dreht sich in der Freibergerzucht jede Debatte um dasselbe Thema: Wie viel Fremdblut verträgt diese Rasse – und ab wann ist der Freiberger kein Freiberger mehr?

Fremdblut von Anfang an

Das Freiberger Pferd hat seinen Ursprung im Gebiet des heutigen Kantons Jura. Es stammt von den Landrassenstuten des Juras ab – einer Population von Arbeitspferden, die seit Jahrhunderten in den weiten Wiesen und Wäldern des Nordwestschweizer Gebirges gehalten wurden.

Im 19. Jahrhundert war der Hengstbestand in einem beklagenswert schlechten Zustand. Die erste Schweizerische Pferdeausstellung 1865 in Aarau zeigte das deutlich: Die Nachkommen waren für ein Arbeits- und Zugpferd zu leicht, zu kurzhälsig, mit Rückenproblemen und Gliedmassenmängeln.

Wer heute verstehen will, wie die Freibergerzucht zu dem wurde, was sie ist, tut gut daran, eine 30 Jahre alte Diplomarbeit aufzuschlagen: Gérard Aebi legte sie 1995 an der Schweizerischen Ingenieurschule für Landwirtschaft in Zollikofen – der heutigen HAFL – vor. Er dokumentierte darin die Entstehung und Entwicklung der Rasse anhand historischer Quellen und Zuchtstatistiken. Vieles, was er damals beschrieb, liest sich wie eine Zustandsbeschreibung von heute.

Die Lösung, die man im 19. Jahrhundert fand, war Fremdblut: Ab 1879 wurden regelmässig Anglo-Normannen aus Frankreich importiert. Die Kreuzungsresultate überzeugten: bessere Körperformen, mehr Wuchs, tauglichere Zugpferde.

Die Freiberger vor rund 75 Jahren waren mit kürzeren Beinen ausgestattet, was sich auch auf ihr Gangbild auswirkte. Kaum jemand sprach damals von Elastizität und einer damit verbundenen Rittigkeit. Kraft, Robustheit und auch eine gewisse Kooperation und Unerschrockenheit waren wichtiger.(Bild: Familienarchiv Peter Barth)

Aus dieser Zeit stammen die beiden Stammväter der heutigen Rasse, die Gérard Aebi in seiner Diplomarbeit beschreibt: der 1891 in Saignelégier geborene Hengst Vaillant, der englisches Halbblut, Anglo-Normannenblut und französisches Vollblut in sich trug, und der 1889 importierte Anglo-Normanne Imprévu. Der Freiberger war also von Anbeginn keine reinblütige Rasse, sondern das Ergebnis gezielter Kreuzung.

1904 legte die Eidgenössische Pferdezuchtkommission offiziell zwei Zuchtziele fest: ein Wagen- und Reitpferd im Typ eines mittelschweren Halbblutes, und ein Zugpferd im Typ des Freibergers. Das erste Stammzuchtbuch erschien 1924, herausgegeben vom damaligen Sekretär der bernischen Landwirtschaftsdirektion Julius Gloor – Gérard Aebi zitiert ihn als zentrale historische Quelle. Es enthielt 14 Hengstfamilien. Von diesen 14 haben sich bis heute bekanntlich nur zwei gehalten: die Linie Vaillant und die Linie Imprévu.

Die Mechanisierung und ihre Folgen

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Freiberger das Pferd der Schweizer Landwirtschaft – am Pflug, am Wagen, beim Holzrücken im Wald. Mit dem Mechanisierungsboom der 1960er Jahre brach die Nachfrage nach Zugpferden dramatisch ein. Man bangte um das Überleben der Rasse.

Die Antwort war erneut: Fremdblut. Da die Nachfrage nach einem gutmütigen Freizeitreitpferd stieg, versuchte man durch Einkreuzungen mit Voll- und Halbblutarabern sowie Schwedenhengsten dem Freiberger bessere Reiteigenschaften zu geben. Gérard Aebi mass die Folgen anhand der Zuchtstatistiken: 1971 gehörten lediglich 11 Prozent der Zuchthengste den neuen Kreuzungslinien an. Bis 1994 war dieser Anteil auf 32 Prozent gestiegen, also fast eine Verdreifachung in zwei Jahrzehnten. Die ursprüngliche Vaillant-Linie sank im gleichen Zeitraum von 68 auf 50 Prozent der Zuchthengste.

Federführend bei diesen Einkreuzungen war nicht der Schweizerische Freibergerverband, sondern der Bund selbst: Das Schweizer Nationalgestüt in Avenches war bis 1997 wesentlich an der Zucht der Freibergerrasse beteiligt und stellte die Warmbluthengste auf. Die Zuchtverantwortung ging erst per 1. Januar 1998 – zusammen mit der Schliessung des Herdebuchs – an den SFV über. Das Fremdblut, das die Rasse bis heute prägt, ist also auf dem Mist des Bundes gewachsen. Das hat Konsequenzen, die bis heute nachwirken.

Gérard Aebi stellte 1995 die Frage, die seither nicht beantwortet wurde: «Ist der Freiberger noch Freiberger?» Sein Fazit war nüchtern: Die Freibergerrasse scheine aus einer Vielfalt von Voll-, Halb- und Kaltblutrassen entstanden zu sein. Eine eigenständige, überlebensfähige Population «reiner» Freiberger könne es aufgrund der kleinen Tierzahlen gar nicht geben. Er empfahl, die Rasse auf dem damaligen Stand neu zu definieren, bevor weitere Veredelungskreuzungen sie vollständig veränderten.

Die IGOFM als Reaktion und der RRFB als noch härtere Antwort

Genau diese Entwicklung war es, die 1996 zur Gründung der Interessengemeinschaft zur Erhaltung des Original-Freiberger-Pferdes führte. Die IGOFM hält auf ihrer Website fest, was den Anlass gab: Seit rund 40 Jahren wolle man den Original-Typ mit Warmblütern und Arabern veredeln. Freiberger aber gebe es nur in der Schweiz, Warmblüter genug auf der ganzen Welt. Die IGOFM warnte ausserdem vor gesundheitlichen Folgen der Einkreuzungen: Strahlbeinlahmheit und Sommerekzem seien früher in der Rasse unbekannt gewesen. Mit der Einkreuzerei würden zudem Gutmütigkeit, Verkehrssicherheit, Robustheit und Gesundheit verloren gehen.

An ihrer Hauptversammlung vom 3. Mai 1998 definierte die IGOFM, was ein Original-Freiberger ist: ein Pferd, dessen Fremdblutanteil zwei Prozent nicht übersteigt. Diese Definition übernahm der Schweizerische Freibergerverband später als Kategorie «Basis» in seine Herdebuchordnung. Pferde mit einem Fremdblutanteil unter vier Prozent tragen das Prädikat «Faktor Basis».

Während die Freiberger heute mehrheitlich Teil der Freizeitgesellschaft sind, waren sie Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch die Traktoren auf den Höfen.(Bild: Familienarchiv Peter Barth)

Das reichte manchen nicht. 2008 gründete sich der Eidgenössische Verband des reinrassigen Freiberger Pferdes, kurz RRFB. Dieser duldet gar kein nach 1950 eingeführtes Fremdblut – die Mitglieder setzen ausschliesslich auf sogenannte Nuller, Pferde mit einem Fremdblutanteil von 0 Prozent im Abstammungsschein.

Die Q-Linie – Fremdblut als Rettungsmassnahme des Bundes

Während die Zucht sich immer weiter ausdifferenzierte, versuchte das Nationalgestüt, das genetische Fundament der Rasse durch neue Linien zu sichern – ebenfalls mit Fremdblut, aber diesmal gezielt zur Erhaltung der Vielfalt. 1990 stellte das Nationalgestüt die Schweizer Warmbluthengste Noé und Qui-Sait auf, die Gérard Aebi in seiner Diplomarbeit als Halbbrüder beschreibt. Von Qui-Sait gingen die Söhne Quinoa, Queens und Quitus hervor: Die Q-Linie war geboren, als bewusste Massnahme gegen die Verengung des Genpools. Sie brachte altes Einsiedler-Blut und die Genetik des Anglo-Normannen Uran in die Rasse – eine Genetik, die in anderen Hengstlinien bereits ausgestorben war.

Noés Söhne führten den Anfangsbuchstaben N – und Noé selbst wurde zum prägendsten Hengst der modernen Freibergerzucht. So prägend, dass er das Problem verschärfte, das er lösen sollte: Von 153 im Jahr 2020 zuchtaktiven Hengsten stammten 37 väterlich von Noé ab, weitere 20 mütterlicherseits – das berichtete die BauernZeitung 2021. Ähnlich dominant war nur noch die H-Familie mit väterlich 39 Hengsten. Die Konzentration auf wenige Vaterhengste, die der Agroscope-Bericht von April 2025 als strukturelles Problem benennt, hat hier ihren Ursprung.

Fremdblut als Problem und Fremdblut als Lösung: Der Widerspruch ist struktureller Natur und zieht sich durch die gesamte Geschichte der Rasse.

Was Agroscope heute misst

Von April 2025 stammt der aktuellste Überblick zur Freibergerzucht: Agroscope und das Schweizer Nationalgestüt erarbeiteten ihn in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Freibergerverband, auf Anfrage der Pferdegenossenschaften der Veveyse und der Glâne. Der Bericht umfasst Daten von 2013 bis 2024.

Der Gesamtbestand liegt bei rund 18 700 Freibergerpferden in der Schweiz – knapp 17 Prozent des gesamten Schweizer Pferdebestands von rund 111 000 Tieren. Allein der Kanton Jura macht ein Drittel aller Geburten aus; zusammen mit den Kantonen Bern und Freiburg entfallen auf diese drei Kantone zwei Drittel der Gesamtgeburten.

Hinter diesen Zahlen liegen problematische Trends. Die Anzahl gedeckter Stuten ist zwischen 2013 und 2023 um 18 Prozent zurückgegangen, die Geburten sanken im gleichen Zeitraum um 13 Prozent. In der Decksaison 2023 deckten 154 Hengste insgesamt 2394 Stuten. 65 dieser Hengste hatten weniger als zehn Belegungen in der ganzen Saison. Die drei meistgenutzten Hengste erzielten zusammen so viele Decksprünge wie diese 65 zusammen – drei Hengste prägten damit ein Viertel der nächsten Generation.

Der durchschnittliche Inzuchtgrad der Freibergerfohlen ist laut dem Agroscope-Bericht in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen und lag 2023 bei 7,24 Prozent. Der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad innerhalb der aktiven Zuchtpopulation beträgt 14,8 Prozent.

Der Verwandtschaftsgrad der neu gekörten Hengste liegt in den letzten drei Jahren über dem Populationsdurchschnitt und steigt stärker als der Rest der Population. Agroscope empfiehlt explizit, neu gekörte Hengste mit möglichst geringem Verwandtschaftsgrad zur Stutenpopulation zu bevorzugen und Hengste mit starker Zunahme durch Belegungsbeschränkungen oder erhöhte Decktaxen zu bremsen.

Fremdblut rein, Fremdblut raus – und die Debatten gehen weiter

Das Fremdblut-Thema hat die Freibergerzucht nie losgelassen. 2015 scheiterte ein Einkreuzungsprojekt, weil weder das Bundesamt für Landwirtschaft noch das Nationalgestüt grünes Licht gaben. 2017 kam ein neuer Anlauf vor die Delegiertenversammlung und scheiterte erneut, diesmal mit 63 Nein- gegen 53 Ja-Stimmen. 2021 gab die Delegiertenversammlung der Zuchtkommission den Auftrag, ein neues Kreuzungsprogramm auszuarbeiten.

Der damalige SFV-Präsident Albert Rösti – heute Bundesrat – betonte gegenüber der BauernZeitung: «Bei diesem Projekt handelt es sich um einen sehr klaren Auftrag der Delegiertenversammlung, da wird nichts auf Eis gelegt.» Auf Eis gelegt wurde es trotzdem. Der Grund: Die Motion des Ständerats Beat Rieder verlangte ab 2022 eine verstärkte Förderung seltener einheimischer Rassen – zu denen auch der Freiberger zählt. Wer eine Einkreuzung plant, riskiert, diese Gelder zu gefährden.

Dann kam 2023 die Wendung: Per 1. Januar erklärte der Bund alle im Herdebuch eingetragenen Freiberger zu 100 Prozent reinrassig – unabhängig von ihrem tatsächlichen Fremdblutanteil. Die Begründung: Das Fremdblut war auf Initiative des Bundes eingeführt worden, eine spätere Bestrafung der Rasse dafür wäre widersprüchlich. SFV-Geschäftsführerin Pauline Queloz stellte gegenüber der BauernZeitung klar, dass der tatsächliche Fremdblutanteil weiterhin in den Papieren eingetragen bleibt. Biologisch hatte sich nichts geändert.

Doch wer einen RRFB-Hengst mit einer SFV-Stute kreuzt, produziert unter Umständen ein Fohlen ohne Zuchtberechtigung – einen züchterischen «Sans-Papiers», obschon es sich im Grunde um einen reinen Freiberger handelt.

Genetik verengt sich – auch ohne Liniendenken

Während all diese Debatten geführt wurden, verschwanden zwei Linien weitgehend. Die D-Linie fehlte bereits an der Hengstselektion 2022 in Glovelier. An der Nationalen Hengstselektion im Januar 2026 wurden von 40 vorgestellten Hengstanwärtern zwölf für den Stationstest in Avenches zugelassen – verteilt auf nur noch sechs väterliche Linien. Für die Q- und die D-Linie trat je ein einziger Kandidat an. Beide schafften die Qualifikation nicht.

Konfrontiert mit dieser Entwicklung liess das BLW gegenüber der BauernZeitung keinen Zweifel an seiner Haltung: «Das Konzept von Blutlinien ist veraltet und schränkt die genetische Diversität ein.» Konkrete Instrumente zur Erhaltung der Linienvielfalt existieren beim Bund nicht und sollen auch nicht existieren. Die Zuchtprogramme, so das BLW, lägen in der Verantwortung der Zuchtorganisationen.

Die Fohlen hatten einen grösseren Kopf und ein kräftigeres Fundament, als die Fohlen, die heutzutage an den Schauen präsentiert werden.(Bild: Familienarchiv Peter Barth)

Das eigentliche Problem ist grösser als die Linienfrage. 2024 flossen 4,08 Millionen Franken Steuergelder in die Erhaltung gefährdeter Schweizer Rassen, der Freiberger profitierte davon. Gleichzeitig sind die Geburten seit 2013 um 13 Prozent zurückgegangen, der Inzuchtgrad steigt seit 20 Jahren, und die drei meistgenutzten Hengste erzielten 2023 zusammen so viele Belegungen wie die 65 am wenigsten genutzten zusammen. Der Freiberger ist die letzte originale Schweizer Pferderasse und seine genetische Basis verengt sich, ob man das Liniendenken teilt oder nicht.