Vier Kinder verloren: «Nach jedem Schlag muss man sich aufraffen», sagt Bäuerin Emanuela Schneeberger

Der Wunsch nach Kindern begleitete Emanuela Schneeberger und ihren Mann Thomas lange. Doch nach vier Kindsverlusten während der Schwangerschaft entschieden sie, die Familienplanung abzuschliessen. Offen spricht die Bäuerin aus Täuffelen BE über Abschiedsrituale, das Weiterleben nach dem Unfassbaren und erzählt, wie sie auf dem Hof neuen Sinn gefunden hat.

Es gibt Lebensgeschichten, die verlaufen geradlinig. Und es gibt jene, die von Brüchen geprägt sind. Die Geschichte von Emanuela Schneeberger gehört zur zweiten Kategorie. Sie ist geprägt von Verlusten, die kaum in Worte zu fassen sind, aber auch von der Fähigkeit, immer wieder aufzustehen. «Nach jedem Schlag muss man sich aufraffen», sagt die 48-Jährige, die mit ihrem Mann Thomas den «Hof under dr Chilche» in Täuffelen BE betreibt. «Aber jeder Schlag wurde schlimmer.»

Viermal war Emanuela Schneeberger schwanger. Viermal mussten sie und ihr Mann Abschied nehmen. Heute spricht sie offen über ihren unerfüllten Kinderwunsch und die Verluste. Die Trauer ist nicht völlig verschwunden, aber die Bäuerin hat gelernt, damit zu leben.

«Es sollte einfach nicht sein», sagt sie bei unserem Gespräch. Der Satz klingt nüchtern für etwas, das sie über Jahre begleitet hat, gleichzeitig sind ihr Blick und ihre Stimme emotional dabei.

Schon als Kind zog es sie zu den Tieren

Emanuela Schneeberger ist als Tochter italienischer Eltern in der Stadt Bern aufgewachsen. Sie spricht die Sprache, kennt das Land aber vor allem aus den Ferien. Sie war schon als kleines Mädchen von Tieren begeistert. Kein Wunder zog es sie später zum Wohnen aufs Land. Arbeiten ging sie jedoch weiterhin in der Stadt; der Bank blieb sie nach dem KV viele Jahre treu. Einige Zeit verbrachte sie im Tessin, wohin sie sogar ihr Pferd mitnehmen konnte. Kinder waren für Emanuela Schneeberger immer ein Wunsch gewesen, doch der passende Partner fehlte noch.

Zurück aus dem Tessin traf sie «Thömu» wieder, den sie bereits von früher aus dem Freundeskreis kannte. Emanuela Schneeberger hatte sich in der Zwischenzeit stark verändert. «Meine Version 2.0 war nach einer Magenbypass-Operation halb so schwer und viel selbstbewusster», erzählt sie. «Nun merkten wir, dass wir doch ganz gut zusammenpassen würden.»

Als die beiden zusammenkamen, waren sie Anfang dreissig. 2011 zog Emanuela Schneeberger der Liebe wegen nach Täuffelen. Nach der Hochzeit wollten sie nicht länger warten. Bereits nach einem halben Jahr wurde Emanuela Schneeberger zum ersten Mal schwanger. Die Freude war gross – bis sie das Kind, einen Sohn namens Marco, in der 15. Schwangerschaftswoche verlor.

Noch einen letzten Versuch wagen

Es folgten drei weitere Verluste. Das zweite Kind verlor sie in der neunten oder zehnten Woche. Beim dritten Kind hörte das Herz in der zwölften Schwangerschaftswoche auf zu schlagen. Nach diesem Verlust wurde sie an eine spezialisierte Frauenärztin und eine Kinderwunschklinik überwiesen. Untersuchungen auf genetische Ursachen blieben ohne auffällige Befunde. Auch auf Thrombophilie wurde sie zweimal negativ getestet. Die Thrombosespritzen nahm sie trotzdem auf sich, auch wenn ihre Beine davon blau wurden.

Einen letzten Versuch wollte das Paar noch wagen, denn Emanuela Schneeberger war inzwischen im vierzigsten Lebensjahr. Die vierte Schwangerschaft verlief zunächst vielversprechend. Die kritische zwölfte Woche war überstanden, später auch die 16. Woche. Hoffnung keimte auf. Doch bei einer Kontrolle äusserte der Arzt Bedenken wegen der Plazenta. Die werdenden Eltern bereiteten sich auf das Gespräch vor, notierten viele Fragen und wollten sich auf alle Eventualitäten vorbereiten. «Wir wollten den Arzt regelrecht löchern.»

Beim Ultraschall dann die traurige Gewissheit. «Ich schaute auf den Bildschirm und sagte: Das Herz schlägt nicht mehr. Mein Mann meinte noch: Warte doch jetzt mal. Aber der Arzt sagte: Nein, Ihre Frau hat recht.»

«Soraya hat uns die Entscheidung abgenommen»

Tochter Soraya starb in der 24. Schwangerschaftswoche. «Sie hat sich entschieden – oder sie hat uns die Entscheidung abgenommen», sagt die Mutter heute.

Die Geburt musste eingeleitet werden. Diesmal wurden die Eltern anders begleitet als bei den vorherigen Verlusten. Beide konnten ihre Tochter sehen, Zeit mit ihr verbringen und bewusst Abschied nehmen. Beim ersten Verlust von Marco hatte es die Klinik versäumt, Thomas rechtzeitig zur Geburt anzurufen und zu informieren. Niemand erklärte ihnen, wie bedeutsam Abschiedsrituale sein können oder dass es hilfreich sein kann, das Kind zu sehen.

Nach der ersten Schwangerschaft holte sich Emanuela Schneeberger Unterstützung bei der Fachstelle Kindsverlust. Über die Organisation kam die Bernerin in Kontakt mit einer spezialisierten Hebamme, die sie fortan begleitete. «Sie hat uns gezeigt, was man uns damals nicht gesagt hat.» Bei Marco holten sie das Abschiedsritual einige Monate später nach. Die Hebamme unterstützte Emanuela Schneeberger nicht nur nach den Verlusten, sondern stand ihr auch während der weiteren Schwangerschaften zur Seite.

Tiefe emotionale Krisen

Die Fehlgeburten stürzten Emanuela Schneeberger immer wieder in tiefe emotionale Krisen. «Nach dem vierten Verlust habe ich zu meinem Mann gesagt: Ich gebe dich frei. Du bist schon über 40. Wenn du noch Kinder willst, kannst du dir noch eine andere Frau suchen.»

Für ihn kam das nie infrage. «Er sagte: Ich will nur dich. Hör auf mit diesem Blödsinn.» Ihr Zusammenhalt trug das Paar durch diese schwierigen Jahre. «Wir waren uns immer einig, wie wir weitermachen wollen und auch, dass wir dieses Kapitel nun abschliessen», sagt Emanuela Schneeberger. «Wir sind sehr ähnlich und ein gutes Team.» Schliesslich trafen sie die Entscheidung, die Familienplanung abzuschliessen. Sie nahmen chirurgische Massnahmen vor. «Ich wollte nie mehr schwanger werden», sagt Emanuela Schneeberger.

Die Kinder blieben in ihrem Leben präsent. Ihren Sohn Marco gaben sie an die Kindsverluststätte in Biel. Tochter Soraya wurde in Täuffelen beerdigt. Für beide Kinder steht ein Engel auf dem Grab in Täuffelen und das passende Gegenstück dazu zuhause.

Das Grab ist ein wichtiger Ort für Emanuela Schneeberger. «Manchmal gehe ich zweimal am Tag. Manchmal einen Monat lang gar nicht», erzählt sie. An besonderen Tagen wie den Geburts- und Todestagen ihrer Kinder besuchen sie das Grab als Paar.

Die Begleitung durch eine Fachstelle half Emanuela Schneeberger. Dort erfuhr sie, wie hilfreich Abschiedsrituale sein können.(Bild: christiane65 - stock.adobe.com)

«Alle waren in einem ähnlichen Boot»

Auch der Austausch mit anderen Betroffenen half ihr. Emanuela Schneeberger besuchte nach der letzten Schwangerschaft einen Rückbildungskurs speziell für Frauen nach einem Kindsverlust. «Dort konnte man wirklich reden», sagt sie. «Alle waren in einem ähnlichen Boot.»

Deshalb ermutigt sie andere Betroffene, sich Unterstützung zu holen. Die Fachstelle Kindsverlust und den Verein Stärnechind kann sie besonders empfehlen. «Wenn man mit anderen Leuten nicht darüber reden kann, dann sicher dort.»

Eine Adoption stand ebenfalls kurz im Raum. Der dafür nötige Papierkrieg und die Tatsache, dass zwischen den Adoptiveltern und dem Adoptivkind höchstens 40 Jahre Altersunterschied liegen dürfen, schreckten sie ab. «Wir hätten kein Baby bekommen, sondern einen Teenager oder ein schon etwas grösseres Kind mit einem eigenen Rucksäckli.»

Acht Jahre später geht es ihr gut

Nach Sorayas Verlust stürzte sich Emanuela Schneeberger in den landwirtschaftlichen Nebenerwerbskurs. Seither sind acht Jahre vergangen. «Heute geht es mir gut», sagt Emanuela Schneeberger. Sie findet Erfüllung in ihrem vielseitigen Alltag auf dem Hof.

Sie bewirtschaften 26 Hektaren Land, auf dem neben Ackerbau auch Aufzuchtrinder gehalten werden. Zusätzlich arbeitet die Kauffrau im Homeoffice als Geschäftsstellenleiterin beim Gemeindeverband Öffentliche Sicherheit Bielersee Süd-West.

Im Hofladen bietet Emanuela Schneeberger unter anderem Käse aus eigener Ziegenmilch, Gitzifleisch und Saucen auf Tomatenbasis an.(Bild: Jeanne Göllner)

Ihr eigenes Herzensprojekt sind seit dem Jahr 2020 die Milchziegen. Rund 15 Geissen der Rasse Gämsfarbige Gebirgsziegen melkt sie zweimal täglich mit der Maschine. Die empfindliche Ziegenmilch verarbeitet sie in der hofeigenen Käserei zu Frischkäse, Mutschli und halbharten Käsesorten, auch Gitzifleisch gibt es zu kaufen.

Als Hommage an ihre italienischen Wurzeln dürfen auch Saucen auf Tomatenbasis und gefüllte Papaccelle (Peperoncini) nicht fehlen. Kartoffeln und Kabis aus eigener Produktion ergänzen das Sortiment je nach Saison. Verkauft werden die Produkte im Hofladen, auf regionalen Märkten und teilweise auch über lokale Verkaufsstellen wie Landi.

Vom Gitzi bis zum fertigen Käse

Besonders schätzt Emanuela Schneeberger, dass sie den gesamten Weg begleiten kann: von der Geburt der Gitzi über die Pflege der Tiere und die Käseherstellung bis hin zum direkten Kontakt mit ihrer Kundschaft. «Ich sehe alles von A bis Z», sagt sie. «Das gibt mir unglaublich viel Freude und Sinn.» Auch Labradorhündin Leila, die seit 2018 zur Familie gehört, hat stark dazu beigetragen, die Lücke zu schliessen.

Website vom Hof under der Chilche