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Bäuerinnensicht von Sandra Bucher: Der Duft des Sommers

Der Duft von frischem Heu weckt Erinnerungen, die kein Foto festhalten kann: Sandra Bucher erzählt von Kindheitssommern auf dem Hof, vom Heuen am steilen Hoger und vom Eierbier der Grossmama.

Es gibt Düfte, die schaffen etwas, was kein Foto und kein Tagebuch vermögen. Kaum rieche ich frisches Heu, bin ich wieder zehn Jahre alt. Ich sitze mit meinem Zwillingsbruder, meiner Cousine und meinem Cousin im Schatten der alten Linde auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Wir schauen zu, wie «die Grossen» am Heuen sind. Damals schien mir ein Sommertag unendlich lang. Heute weiss ich, wie viel Arbeit dahintersteckte. Und trotzdem ist es nicht die Arbeit, an die ich zuerst denke. Es ist das Gefühl von Sommer.

Onkel Franz, Onkel Sepp und Onkel Ruedi

Der Hoger, ein stutziger Hang, den weder Mähwerk noch Traktor oder Ladewagen befahren konnten, schien uns Kindern riesig. Für die «Grossen» bedeutete er vor allem eines: viel Handarbeit. Der ganze «Blätz» wurde von Hand mit dem Motormäher gemäht und mit der Heuraupe gewendet. War das Heu dürr, kamen die Brüder meines Papas und halfen, das Heu einzubringen.

Ich sehe sie noch vor mir: Onkel Franz mit genagelten Schuhen und hochgekrempelten Pöstlerhosen. Onkel Sepp, fast immer mit einem Stumpen im Mund und der Handorgel im Kofferraum seines Autos. Onkel Ruedi, der so fein nach Sonnencreme roch und mir beim Zobig oft den «Ankebok» stibitzte.

Mittendrin wir Kinder. Unsere Aufgabe war klar: wir brachten z'Trinken aufs Feld, damit die hart arbeitenden Männer und Frauen ihren Durst löschen konnten. Es war ein spezielles Getränk, das Eierbier, das meine Grossmama zu Hause vorbereitete. Nebst Wasser, Eiern und Zucker enthielt es auch einen gehörigen Gutsch Schnaps. Unsere Grossmama wachte mit Argusaugen darüber, dass wir Kinder nicht davon tranken. Dass wir auf dem Weg zum Hoger heimlich davon probierten, war natürlich klar.

Der Geruch reicht – und die Bilder sind wieder da

Mit Heuraupe und Heugabeln wurde das Heu talwärts geschoben, wo es aufgeladen und eingebracht wurde. Und wir Kinder? Wir ruggeleten den Hoger hinunter, sprangen in die grossen Heuhaufen, lachten, jauchzten und waren staubig und verschwitzt von der Sommerhitze. Damals nahm ich den Duft des trockenen Heus kaum bewusst wahr. Heute genügt genau dieser Geruch, und all diese Bilder sind wieder da. Manchmal zogen dunkle Gewitterwolken auf, und plötzlich musste alles schneller gehen. Dann wurde gerufen, gerannt, geladen. Und oft genau dann streikte ausgerechnet die Heuraupe. Trotzdem schafften wir es meistens, das Heu trocken in die Scheune zu bringen.

Nach dem Heuet rief meine Mama zum Zföifi und alle sassen wir am grossen Tisch. Wir assen Beinschinken mit Kartoffelsalat und schon bald machte bei den «Grossen» auch ein richtiges Kaffi Schnaps die Runde. Es wurde geredet, plagiert, politisiert und viel gelacht. Später nahmen meine Onkel ihre Instrumente hervor und die Stubete nahm ihren Lauf.

Erinnerungen, die nie verblassen

Ich wohne schon lange nicht mehr auf diesem Hof. Mein Neffe hat diesen vor einiger Zeit von meinem Bruder übernommen. Eine neue Generation geht ihren eigenen Weg und führt weiter, was lange vor ihr begonnen hat. Trotzdem fühlt sich der Hof, wo ich aufgewachsen bin, immer noch nach «Deheime» an. Nicht, weil dort alles immer einfach oder perfekt gewesen wäre. Aber wenn ich daran denke, dass an diesem Hoger noch immer «gheuet» wird, wird mir warm ums Herz. Vielleicht, weil mich der Duft von frischem Heu für einen kurzen Moment in meine Kindheit zurückversetzt und mir Erinnerungen schenkt, die nie verblassen.

Unsere Kolumnistin bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann einen Landwirtschaftsbetrieb mit Mastschweinen, Ackerbau und Hochstamm-Obstgarten in Grosswangen LU. Sie ist Mutter von drei Kindern zwischen 13 und 16 Jahren.