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Davids gegen Goliaths – zwei Landwirte sorgen für ein weiteres Wunder in Bern

Fabian Staudenmann gewann vor mehr als 27 000 Zuschauern das Bernisch-Kantonale im Wankdorf und feierte seinen 70. Kranz. Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgten zwei Bauern: David Scheuner und David Lüthi bodigten Schwingerkönig Armon Orlik und sicherten sich damit ihren zweiten Stern. Der König reiste ohne Kranz nach Hause.

Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr: Wo sonst die Young Boys um Punkte kämpfen, liegt Sägemehl auf dem Kunstrasen. Fünf Ringe, 40 Tonnen Sägemehl und ein eigens verlegtes Schutzvlies verwandeln das Fussballstadion in eine Schwingarena. Anlass ist das Bernisch-Kantonale Schwingfest, das der Bernisch-Kantonale Schwingerverband (BKSV) zu seinem 125-Jahr-Jubiläum ausgerechnet an diesen geschichtsträchtigen Ort im Wankdorf geholt hat.

Genau hier ereignete sich am 4. Juli 1954 das legendäre «Wunder von Bern», als die deutsche Nationalmannschaft im WM-Finale gegen die haushoch favorisierten Ungarn nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2 gewann.

Das Kantonale füllt fast das Stadion

Aber zurück zum Schwingen. Auch ein Eidgenössisches hat im Wankdorf bereits stattgefunden: Am 30. August 1998 ist dort der damals erst 19-jährige Jörg Abderhalden im Schlussgang gegen Werner Vitali zum Schwingerkönig gekrönt worden.

Dass nun aber schon ein «blosses» Kantonalfest das Stadion beinahe zu füllen vermag – damit hat bei Beginn der Planung wohl niemand wirklich gerechnet. Statt der ursprünglich erwarteten 15 000 Zuschauer rechnen die Verantwortlichen zuletzt mit rund 27 000 Personen im Stadion – ein Rekord für ein Bernisch-Kantonales.

Die Ausgangslage: Ein König unter Beobachtung

Zum Jubiläum hat der BKSV die Elite der übrigen Teilverbände in die Bundesstadt geladen – angeführt von Schwingerkönig Armon Orlik, der seinen Titel im vergangenen Herbst am ESAF 2025 in Mollis GL geholt hat. Neben den Ostschweizern reisen auch die Nordwest- und die Südwestschweizer mit ihrer Spitze an; einzig die Innerschweizer haben abgesagt, weil am gleichen Sonntag ihr eigenes Teilverbandsfest in Arth SZ stattfindet.

Für die Berner geht es an diesem Tag auch um den Erhalt des Siegermunis «Friedrich Wilhelm» im eigenen Verbandsgebiet, für Orlik um den Beweis, dass er nicht nur auf heimischem Terrain, sondern auch gegen die geballte Berner Konkurrenz bestehen kann.

Das Anschwingen beginnt bereits mit einer Ansage: Michael Moser, der junge Emmentaler Titelverteidiger, legt den König im ersten Gang auf den Rücken. Doch die eigentlichen Sensationen des Tages kommen später – und sie kommen nicht von den Favoriten, sondern von zwei Namen, die auf dem Ranglistenzettel bislang eher unauffällig gestanden haben: die beiden Bauern David Scheuner und David Lüthi.

Zwei Bauern, zwei Siege gegen den König

Beide Schwinger sind gelernte Landwirte – und beide bringen im Verlauf des Tages den Schwingerkönig am Boden zur Strecke. David Scheuner gewinnt bereits im dritten Gang gegen Michael Ledermann und setzt im fünften Gang nach, als er auch den König bodigt. David Lüthi bezwingt Orlik schon im dritten Gang am Boden und legt im vierten Gang mit einem Sieg über den Eidgenossen Christian Gerber nach.

David Scheuner bodigte den König und holte sich damit seinen zweiten Stern.(Bild: Jasmin Lüthi)

Am Ende des Tages steht fest: Beide sichern sich mit je 57 Punkten den Kranz – Lohn für einen Auftritt, der ihnen gleichzeitig ihren zweiten Stern einbringt.

«Die beiden Davids haben dem Fest den Stempel aufgesetzt», sagt der vierfache Eidgenosse Roger Brügger, der für «Tele Bärn» am Mikrofon sitzt. Zwei Landwirte bringen an diesem Tag denselben König zu Fall, gegen den beide eigentlich als klare Aussenseiter angetreten sind. Der Vergleich mit David und Goliath drängt sich auf – und er trifft die Stimmung im Stadion ziemlich genau.

Orlik muss ohne Kranz heim

Für beide Schwinger bedeutet der Erfolg mehr als nur einen weiteren Kranz am Gestell: Es ist ihr erster Teilverbandskranz – und damit der Sprung vom einfachen zum doppelten Sternschwinger. Wer bislang nur einen Kantonalkranz vorweisen konnte, gehört nach diesem Tag offiziell zum Kreis der Teilverbandskranzschwinger. Ein Karrieresprung, den sich die beiden ausgerechnet im grössten Rahmen holen, den das Bernisch-Kantonale je gehabt hat.

Für König Orlik bedeuteten die beiden Niederlagen das Ende der Hoffnungen auf Eichenlaub: Er reise ohne Kranz nach Hause – eine seltene Erfahrung für den amtierenden Schwingerkönig, der in den vergangenen Saisons kaum je leer ausgegangen ist. Der König bleibt der König, doch an diesem Tag ist es im Wankdorf nicht um seinen Titel gegangen, sondern um das Fest selbst – und das hat den beiden Davids und einem Favoriten gehört.

Staudenmann holte sich seinen 70. Kranz

Die Spannung vor dem Schlussgang ist denn auch geladen: Auf der einen Seite Werner Schlegel, der Nordostschweizer, dahinter im Rücken der eigene Schwingerkönig – zur moralischen Unterstützung. Auf der anderen Seite Fabian Staudenmann, der an diesem Tag seinen 70. Kranz holen will. Die beiden bestreiten den Tag mit je fünf Siegen und stehen sich damit völlig verdient in der letzten Paarung gegenüber.

Staudenmann tritt alleine an, ohne seine Teamkollegen an seiner Seite, den Kaugummi im Mund. So zieht er hinaus in die Arena, die zur ganz grossen Mehrheit hinter ihm steht. Am Ende reicht ihm ein Gestellter: Fabian Staudenmann gewinnt das Bernisch-Kantonale Schwingfest im Wankdorf.

Der Wermutstropfen für Schlegel dürfte sein, dass ausgerechnet er das wohl brillanteste Notenblatt des Tages vorzuweisen hatte: Fünf gewonnene Gänge gegen fünf Eidgenossen – und dennoch hat es nicht zum Sieg gereicht.

Ein Fest der Superlative

Am Ende bleiben drei Bilder vom Bernisch-Kantonalen 2026: die Rekordkulisse von 26 000 Zuschauern in einem Fussballstadion, ein Schwingerkönig, der ohne Kranz abreist, und zwei Landwirte, die ihn gleich zweimal zu Fall bringen. Für David Scheuner und David Lüthi bedeutet der Tag den Sprung zum Teilverbandskranzschwinger, für Fabian Staudenmann den 70. Kranz seiner Karriere.