«Mut tut gut» – so lautete das Thema des diesjährigen Bäuerinnen-Treffs des Verbandes Bernischer Landfrauenvereine (VBL). Die Moderatorin Eva Schäfer erklärte im bernischen Zollikofen einleitend, dass Frauen tragende Säulen der Landwirtschaft seien und einen wichtigen Beitrag für die ganze Gesellschaft leisteten. Sie begrüsse es, dass die UNO 2026 zum Jahr der Bäuerinnen und Landfrauen ausruft. «Es ist höchste Zeit, dass die wichtige Arbeit ins Zentrum gerückt wird», betonte sie.
Die Frauen ernähren die Welt
Bevor drei Frauen all ihren Mut zusammennahmen, um humorvoll und auch berührend aus ihrem Leben zu berichten, hielt Nationalrätin Christine Badertscher ein Referat. Sie zeigte auf, dass die Frauen notwendig sind für die weltweite Ernährungssicherheit, auch wenn das nicht zu 100 Prozent gelinge. Denn seit 2017 nehme der Hunger wieder zu. «Frauen ernähren die Welt», betonte sie. Und dies trotz des Umstandes, dass sie, global gesehen, vielerorts kein Land besitzen und keine Kredite aufnehmen dürften, punkto Bildung benachteiligt und in Gremien untervertreten sind. Hätten alle Frauen überall die gleichen Rechte wie die Männer, gäbe es 30 Prozent weniger Hunger auf der Welt. Dies besage eine Studie, erklärte die Nationalrätin.
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Es gibt Kurse, um Mut für ein politisches Amt zu tanken
In der Schweiz sind die Geschlechter rechtlich gleichgestellt, zumindest in der Theorie. Denn auch hier gebe es noch lückenhafte soziale Absicherungen und fehlende Anerkennungen für die grosse Arbeit, die geleistet werde. Gegen ersteres habe die Politik bereits Massnahmen beschlossen, das sei gut so. Doch Christine Badertscher weiss, dass die kommende Sozialversicherungspflicht für mitarbeitende Ehepartnerinnen eine Kostenfrage für den Betrieb bedeutet.
Nicht zuletzt seien auch hierzulande die Frauen in der Politik untervertreten. Ein Amt anzunehmen, erfordere Mut, weiss die Politikerin. Doch es gebe gute Kurse, um sich das nötige Rüstzeug zu holen und genügend Mut zu tanken, um ein Amt anzunehmen. Und zuletzt machte sie klar: «Bäuerinnen sind Brückenbauerinnen zwischen Produktion und Konsum.»
Regina Moser wandert auf schmalem Grat zwischen viel und zu viel
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«Ich bin organisatorisch eine Maschine», sagte Regina Moser von sich selbst. Und: «Die Arbeit mit den Pflanzen in der Natur gibt mir extrem viel Energie.» Die braucht die Agronomin und Bäuerin auch. Das wurde klar, als sie aus ihrem Alltag erzählte. Dabei sprudelten die Sätze nur so aus ihr heraus. Wohl manche Zuhörerin im Saal fragte sich dabei, ob der Tag von Regina Moser mehr Stunden habe als der eigene.
Sie hat ein grosses Aufgabengebiet
Die Mutter dreier Buben, zwei davon mit Autismus-Spektrum-Störung, führt mit ihrem Mann Jürg in Hindelbank einen 24-Hektaren-Biobetrieb. Sie betreiben Ackerbau und bauen Tee- und Gewürzkräuter sowie Gemüse an. Auch Freiland-Masthühner und eine Obstanlage gehören zum Betrieb. Viele Produkte werden direkt über den Hofladen, in Gemüseabos und auf Wochenmärkten vermarktet.
Das Paar führt den Betrieb als einfache Gesellschaft in einer Co-Leitung gleichberechtigt, beide sind bei Gelan als selbstständig Erwerbende eingetragen. Die Aufgabengebiete sind klar geregelt. Regina Moser verantwortet den kompletten Gemüsebau vom Säen, Hegen, Pflegen und Ernten bis zum Planen und Bereitstellen der Gemüseabo-Taschen. «Gemüse ist mein Ding», schwärmt sie. Daneben ist sie auch der Finanzchef auf dem Betrieb, verwaltet die Website, macht die Personalführung und ist für den Grossteil der Familienarbeit zuständig. Dies alles unter einen Hut zu bringen, erfordert eine gute Planung. Diese erstellt sie immer am Sonntag. Denn ohne genauen Wochenplan, Menüplan und Plan der zu rüstenden Gemüsekistli geht bei ihr nichts. Regina Moser sagt aber von sich selbst: «Je grösser der Druck ist, desto effizienter arbeite ich und laufe zu Höchstform auf.»
Die Mehrfachbelastung ist ein Thema
Die Mehrfachbelastung sei aber ein riesiges Thema. «Auf dem Grat zu wandern zwischen viel und zu viel, ist schwierig. Zumal ich meine Arbeit sehr gerne mache», gesteht Regina Moser. Sie weiss, dass es eine wichtige Aufgabe ist, zu sich selbst zu schauen und für ihre Bedürfnisse einzustehen. In der wenigen Freizeit, die sie hat, spielt sie Querflöte in der Stadtmusik Burgdorf. Dabei könne sie alle Gedanken abschalten. Zudem liest Regina Moser viel. Dies abends vor dem Schlafen. Um im Alltag Zeit und Energie zu sparen, hat das Paar die Regel, gefällte Entscheide nicht mehr zu hinterfragen. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Gesellschaft aufhöre, in Stereotypen zu denken, und Hofnachfolgerinnen zu fragen, ob sie keinen Bruder hätten.
«Ich bin zu Hause der Bauer», sagt Beatrice Brechbühl
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Wie viele andere Frauen auch, steht Beatrice Brechbühl aus Konolfingen nicht gerne im Mittelpunkt. Damit sie beim Bäuerinnen-Treff als Referentin auftrat, brauchte es wohl so einiges an Überredungskunst. Doch die Meisterlandwirtin hat Mut bewiesen, ist hingestanden und hat aus ihrem Alltag erzählt, von dem sie sagt: «Ich bin zu Hause der Bauer. Aber ich war zu Beginn als Frau nicht akzeptiert.»
Mut – das ist etwas, was Beatrice Brechbühl schon des Öfteren benötigte. Etwa, als sie sich entschied, Landwirtin zu lernen, die Betriebsleiterschule zu absolvieren und auch die Meisterprüfung abzulegen. Oder dann, als sich die heute 43-Jährige zusammen mit ihrem Mann Markus als Käufer auf ein ausgeschriebenes Heimetli mit neun Hektaren Land bewarb. Das Paar wurde aus 98 Bewerbungen ausgewählt und übernahm den Betrieb im März 2007. Dies auch, weil von vornherein klar war, dass ihr Mann, ein gelernter Schreiner, zu 80 Prozent auswärts arbeiten und so ein Zusatzeinkommen einbringen würde.
Die Hürden als Frau waren gross
Auf die grosse Freude über die Zusage folgte alsbald Ernüchterung. Und dies nur, weil Beatrice Brechbühl als Frau den Betrieb übernahm. Hätte das Paar damals gewusst, welche Schwierigkeiten dies bringen würde – wer weiss, ob sie sich beworben hätten. Den ursprünglichen Plan, den Betrieb als einfache Gesellschaft gemeinsam zu führen, bewilligte das Regierungsstatthalteramt wegen der fehlenden Ausbildung von Markus nicht. Die Bernische Stiftung für Agrarkredite (BAK) wollte keine Starthilfe bewilligen, weil das Paar damals noch nicht verheiratet war. Und auch mit der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) gab es Probleme, weil sie alleine als Frau den Betrieb übernehmen wollte. Es brauchte einen langen Atem, um die bürokratischen Schwierigkeiten zu überstehen. Dazu kam der Zustand des Hofes.
Das Herz schlägt für die Viehzucht
«Wir haben das Heimet leer übernommen, also ohne Tiere», erzählte Beatrice Brechbühl. Das Paar hat den heutigen Milchviehbetrieb mit Aufzucht- und Mastkälbern auf- und ausgebaut. Die Heizung und der Stall wurden bereits früh saniert. 2023 konnte dann ein Stallneubau bezogen werden. Doch auch hier ging die Planung nicht reibungslos vonstatten, es gab einige Einsprachen. «‹Zuechezüglet›, bleibt halt ‹zuechezüglet›», meinte Beatrice Brechbühl dazu. Doch schlussendlich habe sich alles zum Guten gewendet.
Die Arbeitsaufteilung des Paares ist klar. Morgens melkt Markus Brechbühl die Kühe und geht dann auswärts zur Arbeit. Er ist auch für den grössten Teil der Feldarbeiten zuständig. Denn die Betriebsleiterin gesteht: «Mit jedem der drei Kinder hat die Angst, Traktor zu fahren, zugenommen. Doch den Rest erledige ich.» Und sie betont mit strahlenden Augen: «Mein Herz schlägt für die Viehzucht!»
Die Arbeit mit den Tieren und Kindern macht ihr grosse Freude. Vergessen sind alle Widrigkeiten. Durch jedes Tief habe sie viel gelernt und aus allem etwas Positives herausgezogen. An die Bäuerinnen richtet sie den Appell: «Denkt positiv. Ist ein Tag schlecht gelaufen, beginnt morgen ein neuer Tag.» Und dann ist ihr die Erleichterung darüber, den Auftritt so gut gemeistert zu haben, deutlich anzusehen.
Melanie Ramser betreibt Selbstfürsorge und hat Mut zur Lücke
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Melanie Ramser aus Oberbalm kennt Mut nicht nur, wenn es gilt, sich der Schweiz als Landfrauenköchin zu präsentieren oder vor einem Saal voller Frauen aus dem Alltag zu berichten. Mut benötigten sie und ihr Mann Philipp auch, um auf das sichere Einkommen von auswärts zu verzichten und den 14-Hektaren-Biobetrieb in der Hügelzone, der im Nebenerwerb geführt wurde, auf Vollerwerb umzustellen.
Es ist egal, ob er oder sie das WC putzt
Die Bäuerin mit Fachausweis und Mutter dreier Kinder erklärte, dass es gelegentlich Mut zur Lücke brauche. Nicht immer gelinge ihr alles perfekt, oder sei alles klinisch sauber. Das ist wohl mit zahlreichen kleinen Besucherinnen und Besuchern auf dem Hof auch nicht möglich. Denn neben der Direktvermarktung von Fleisch und weiteren Produkten bieten Melanie Ramser und ihr Mann Dienstleistungen für kleine und grosse Besucher an. So etwa Schule auf dem Bauernhof, Ferientage für Kinder und Gästebewirtung. Den Betrieb führen sie als Co-Leitung, beide sind selbstständig erwerbend gemeldet.
«Ich koche sehr gerne», erklärte die Bäuerin. Auch wenn die Verantwortlichkeiten aufgeteilt seien, würde die Arbeit gleichberechtigt erledigt. Schliesslich spiele es keine Rolle, wer die Toiletten putze oder die Tiere versorge. «Philipp und ich sind sehr gegensätzlich», verriet sie auch. Da könne es auch mal Diskussionen geben, die lauter werden. «Zusammenzuleben und zu arbeiten sei eine Herausforderung. Denn schliesslich könne sie nicht wie andere einfach über den Chef lästern, erklärte sie und schmunzelte selbst dabei. Auch wenn das Paar gegenseitig die Stärken wahrnimmt, sei die Beziehung kein Selbstläufer.
Ausritte gemeinsam mit dem Mann seien gut für die Beziehungspflege. Da müsse man sich nicht immer in die Augen schauen, sondern könne einfach auch geradeaus blicken, hat die 38-Jährige die Erfahrung gemacht.
Der Mittagsschlaf ist ihr wichtig
Sie ist ein Mensch, der neben der vielfältigen Arbeit auch auf ihre Bedürfnisse achtet. «Mein täglicher Mittagsschlaf ist mir heilig», betonte sie. Das hätten auch die drei Kinder früh gelernt. In dieser Viertelstunde nehme sie kein Telefon ab und öffne keine Türe. Wichtig sei ihr auch der gegenseitige Austausch mit anderen. Sie scheut sich auch nicht, bei Problemen jemanden anzurufen, und um Rat zu fragen. Vom Uno-Jahr der Bäuerinnen und Landfrauen wünscht sie sich, dass sich die Frauen vermehrt gegenseitig stärken.