ABO

Vor der Richtpreisverhandlung: Milchbauern fordern rasche Entlastung bei den Mehrkosten

Am Donnerstag, 27. August, verhandelt der Vorstand der Branchenorganisation Milch (BOM) über die Richtpreise. Zwei Bauernverbände fordern rasche Massnahmen gegen die Zusatzkosten durch Hitze, Trockenheit und Futterknappheit. Die BOM signalisiert Gesprächsbereitschaft, dämpft aber die Erwartungen.

Die Bauern kämpfen seit Wochen mit Hitze, Trockenheit, Futterknappheit und einem Virus, das ihre Kühe schwächt. Zusätzliches Futter muss teuer zugekauft werden, die Kuhschlachtungen liegen massiv über dem Vorjahr. Die Vereinigten Milchbauern Mitte Ost (VMMO) und die Thurgauer Milchproduzenten (TMP) wollen sich mit dieser Kostenlast nicht länger abfinden und fordern von der BOM vor der Verhandlung konkrete, rasch wirksame Massnahmen.

Was bei den Milchmengen tatsächlich passiert

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie berechtigt der Unmut ist – und wie kompliziert die Lage zugleich bleibt. Bei Mooh, der grössten Milchproduzentenorganisation der Schweiz, haben sich die Einlieferungen nach dem Hitzeeinbruch im Juli wieder etwas gefangen. Lagen die Mengen Ende Juli noch 8 Prozent unter der Vorjahreswoche, waren es nach einer zweiten Delle Anfang August zuletzt noch minus 4 bis 5 Prozent, wie Geschäftsführer René Schwager gegenüber der BauernZeitung sagt.

Eine verlässliche Prognose für die kommenden Monate will Schwager dennoch nicht wagen. Die Trockenheit treffe die Regionen sehr unterschiedlich – während anderswo Futter knapp bleibe, komme es in weniger betroffenen Gebieten kaum zu Einbussen. Mooh rechnet für den weiteren Jahresverlauf mit Milchmengen auf dem Niveau von 2023/2024, also klar unter dem Rekordjahr 2025.

Und die vielen geschlachteten Kühe? Die zeigen sich, anders als man annehmen würde, kaum in den Einlieferungszahlen. Geschlachtet werden laut Schwager vor allem leistungsschwächere Tiere, deren Ausfall andere Betriebe derzeit noch kompensieren. Der eigentliche Effekt dürfte erst ab dem kommenden Frühling spürbar werden – dann fehlen jene Kühe, die jetzt notgeschlachtet werden, bei der Kalbung, und mit ihnen ihre Nachzucht.

Warum die Butter trotzdem nicht knapp wird

Genau diese Verzögerung erklärt einen Teil eines weiteren Rätsels: der Butterlager. Der jüngste Marktlagebericht der Schweizer Milchproduzenten (SMP), der BOM und der Branchenorganisation Butter (BOB) weist für Ende Juni einen Tiefkühllagerbestand von 7236 Tonnen aus – 15,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Milchproduktion lag im Juni landesweit noch 2,0 Prozent über Vorjahr, der Fettgehalt der Milch war mit 4,09 Prozent um 1,2 Prozent höher.

Auf Anfrage präzisiert Alfred Rufer von der BOB das Bild für den aktuellen Stand: Die Butterproduktion der industriellen Hersteller lag bis Kalenderwoche (KW) 29 – mit zwei Ausnahmen wegen des Ostereffekts – zum Teil deutlich über Vorjahr. Die Lager stiegen bis KW 24 auf fast 8000 Tonnen und sanken danach trotz weiterhin hoher Produktion bis KW 29 auf rund 6700 Tonnen – vor allem dank Exporten: Im Mai und Juni wurden laut TSM Solutions rund 850 respektive 1090 Tonnen Butter exportiert, total von Januar bis Juli 4385 Tonnen. Seit KW 29 ist das Lager bis KW 33 aber wieder auf knapp 6900 Tonnen gestiegen, weil die Butterproduktion im jahreszeitlichen Verlauf nach wie vor hoch ausfällt.

Auch Rufer räumt ein, dass das angesichts Trockenheit und Futterknappheit auf den ersten Blick erstaunt. Er verweist auf regionale Unterschiede bei der Milchproduktion sowie darauf, dass Produzenten von Industriemilch mit Silage-Fütterung von der Witterung offenbar weniger betroffen seien als andere Betriebe. Die BOB beobachte Produktion und Lager weiterhin wöchentlich.

Ein Teil der Erklärung liegt zudem im Milchkuhbestand selbst: Er ist im Juli auf 499 507 Tiere gesunken, das historische Sommertief und 2,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang zeigt sich im Tierbestand also bereits deutlich – bei Milchmenge, Fettgehalt und Butterlager aber noch nicht.

Die Sicht der BOM: Noch keine Knappheit, aber ein Umbruch zeichnet sich ab

Genau diesen zeitlichen Verzug bestätigt auch BOM-Geschäftsführer Stefan Kohler. Nach wie vor liegen offiziell erst die Daten zur Milchproduktion bis und mit Juni 2026 vor, sagt er zur Ausgangslage. «Im ersten Halbjahr sind vier Prozent mehr Milch produziert worden als im gleichen Zeitraum im Vorjahr und auch im Juni war die Produktion zwei Prozent über dem Vorjahreswert», fasst er zusammen. Umfragen bei den Erstmilchkäufern hätten gezeigt, dass die Milchproduktion in den Monaten Juli und August nicht mehr über dem Vorjahr liegt. Der Rückgang sei bisher aber noch moderat. «Da nach wie vor sehr hohe Käse-, Milchpulver- und Butterlager bestehen, ist keine Knappheit spürbar», so Kohler. Auch das Butterlager sinke noch nicht.

«Mittelfristig dürfte die Milchproduktion aber deutlich unter 2025 zurückfallen», so die Einschätzung des BOM-Geschäftsführers. Das würden die Schlachtzahlen und das nicht vorhandene Futter nahelegen.

Der Druck vor der Verhandlung

Vor diesem Hintergrund treffen die Forderungen der Bauern und die abwartende Haltung der Branche am Donnerstag aufeinander. «Die Zeit für unverbindliche Diskussionen ist vorbei», finden die VMMO und die TMP. In einer gemeinsamen Mitteilung machen sie die enormen Zusatzkosten geltend, mit denen sich die Milchwirtschaftsbetriebe derzeit konfrontiert sehen. «Die dürfen keinesfalls einseitig bei den Produzent(innen) hängen bleiben, sondern müssen entlang der Wertschöpfungskette mitgetragen werden.» Die beiden Verbände fordern von der BOM konkrete und rasch wirksame Massnahmen.

Kohler bestätigt, dass die massiv gestiegenen Kosten für die Produzenten die BOM beschäftigen und an der Vorstandssitzung thematisiert werden. Zu einzelnen Anträgen will er sich im Vorfeld nicht äussern – nur so viel: Die Diskussion über einen Trockenheitszuschlag ist geplant. «Es gibt einen sehr konkreten Antrag», sagt Kohler.

Weiterlesen

  • Gipfeli sind der Klassiker, wenn es um Teiglinge und Importkonkurrenz geht. Bei diesem Produkt spielt für die Konsumenten die Herkunft eine klar untergeordnete Rolle.

    Getreideimporte: Warum Schutz für Schweizer Brotgetreide politisch heikel bleibt

    Der Freihandel mit der EU sei zum grossen Vorteil der Schweiz geregelt, sagen Bundesrat und Verwaltung. Das dürfe nicht riskiert werden. Aber die Getreidebranche sieht mit den Motionen Badertscher und Riem eine politische Lösung in Griffweite.
    Show more
  • Der Wald schlägt Wurzeln an der OHA in Thun

  • Konventionelles Futter für Bio-Kühe sorgt für Zündstoff

    ABO