Hitze und ausbleibender Regen setzen den Schweizer Alpen und Weiden diesen Sommer stark zu. Während in der Zentralschweiz Gewitter zuletzt etwas Entspannung gebracht haben, versiegen in Graubünden und der Ostschweiz die Quellen, und im Jura mussten bereits erste Rinder von der Alp geholt werden. Nun rufen die Bauern- und Viehhändlerverbände zudem zur gestaffelten Lieferung von Schlachtkühen auf, um einen Preiseinbruch zu verhindern.
Zentralschweiz: Regen bringt Verschnaufpause
In der Zentralschweiz gingen Anfang Juli teils ausgiebige Gewitterregen nieder, was die Lage auf den dortigen Alpen etwas entspannte. Sonst eher nasse Alpen wie beispielsweise im Eigenthal (LU/NW) sprechen deshalb aktuell noch von einem guten Sommer. An den Südlagen wird aber trotz der Regenfälle über Dürre geklagt.
Keine Wassertransporte und Abalpungen
«Die Lage ist kritisch, wir sind aber noch nicht beim schlimmstmöglichen Szenario angelangt», gibt Linus Ettlin Auskunft. Der Kernser leitet die Geschäftsstelle der Urschweizer Bauernverbände.
Das heisst, es mussten in dieser Region bisher noch keine Wassertransporte durchgeführt und keine Tiere zurück ins Tal gebracht werden, weil das Wasser, respektive das Futter, zu knapp wurde. «Punkto Futter können die verschiedenen Lagen ausgenutzt werden, denn gewisse Hochalpen wurden erst vor zwei bis drei Wochen bestossen», so Ettlin.
Etwas nervös seien die Alpbesitzer allemal – die auf die nächsten Tage angekündigten Regenfälle werden den Ausschlag geben, ob sich die Alpzeit verkürzt oder nicht. «Auf allzu starke Niederschläge hoffen wir aber nicht, da die Böden auch auf den Alpen bereits sehr trocken und rissig sind und viel Wasser, das innert kurzer Zeit niederprasselt, gar nicht aufnehmen könnten», gibt der Geschäftsleiter zu bedenken.
Nichts zu jammern, doch man sehnt Regen herbei
Ähnlich sieht die Situation auf den Alpen der Kantone Luzern und Schwyz aus. Aktuell gebe es noch nichts zu jammern, stimmen Othmar Schelbert, Präsident des Alpwirtschaftlichen Vereins des Kantons Schwyz, und Pius Schmid, Präsident des Alpwirtschaftlichen Vereins des Kantons Luzern, überein. Wenn es nicht bald Regen gebe, dann werde es aber mit dem zweiten Aufwuchs schwierig, sind sich beide für ihre Regionen einig.
«Viele Alpbesitzer in unserem Kanton haben in den letzten Jahren in die Wasserversorgung investiert, das kommt ihnen nun zugute. Diejenigen, die diese Thematik ausser Acht gelassen haben, haben aber ein Problem», erklärt Othmar Schelbert.
Die Hitze kann nicht nur für Wasser- und Futtermangel sorgen. Eine Herausforderung sind auch mühsame Nachtweiden wegen der vielen Insekten und der hohen Temperaturen. Und alle Innerschweizer geben zu bedenken, dass der Sommer noch lang und die Futterlage auf den Talbetrieben teils bereits jetzt kritisch ist.
Ostschweiz und Graubünden: Quellen versiegen langsam
Weiter östlich präsentiert sich die Lage weniger entspannt. Zwischen Lenzerheide und Chur liegt Parpan GR, wo Gian Hitz, Präsident der Alpkäserei Parpan, die Milch von drei umliegenden Alpen zu Käse verarbeitet.
Auf den Alpweiden um Parpan, die auf rund 1550 m ü. M. liegen, sei es sehr trocken, bestätigt Hitz. Noch sei genügend Gras für die 250 Tiere vorhanden, aber ein kurzer Alpsommer zeichne sich bereits ab. Auf zwei der drei Alpen sei die Wasserversorgung nicht problematisch, da sie in der Nähe von Skigebieten und einer erschlossenen Infrastruktur lägen.
Bei der dritten Alp jedoch sehe es anders aus, dort sei die Wasserversorgung ein grosses Thema: «Für die Alpgebäude, zum Waschen des Stalls und der Melkanlagen reicht das Wasser. Das Trinkwasser der Kühe stammt jedoch aus einem kleinen Bach, der immer mehr austrocknet.»

Im Sarganserland auf der Alp Siez SG (1130 m ü. M.) sei der Grasbestand derzeit noch stabil, berichtet der Präsident der Alpkommission, Hanspeter Bärtsch-Winkler. Für die Kühe sei noch genug Futter auf den Alpweiden da. Auch der erste Schnitt sei gut gewesen.
Mit dem zweiten Aufwuchs werde es jedoch schwierig, befürchtet Bärtsch-Winkler. Um die Wasserversorgung sei es kritisch bestellt: Die Quellen versiegen langsam, was die Versorgung der Tiere mit Trinkwasser schwierig macht. «Die Alp Siez verfügt über ein eigenes Wasserreservoir und eigenen Strom. In den vergangenen Jahren haben wir dahingehend viel investiert», erklärt der Präsident der Alpkommission.
Rosmarie Neff-Rusch aus dem Alpstein bewirtschaftet mit ihrem Mann Albert zwei Alprechte auf der Alp Sigel bei Brülisau AI, die auf 1600 m ü. M. liegen und Teil einer Alpgenossenschaft sind. Sie berichtet von einem zünftigen Gewitter und Regen, der die Trockenheit in der letzten Woche etwas gelindert habe. «Wir würden aber noch mehr Regen nehmen», sagt Neff-Rusch. Auf der Alp gebe es aktuell noch genügend Gras für die Kühe. Noch sei nicht abschätzbar, ob die Kühe früher abgealpt werden müssten.
Quellen gibt es auf der Alp Sigel keine. Das Regenwasser wird in geschlossenen Reservoirs gesammelt. Zudem gebe es offene Weiher, die das Wasser aus dem geschmolzenen Schnee führen. In den nächsten Wochen solle das Wetter unbeständiger werden. Rosmarie Neff-Rusch hofft, dass die Wasservorräte bis zum nächsten Regen reichen.
Jura und Mittelland: Erste Rinder müssen von der Alp
Noch prekärer ist die Situation in Teilen des Juras, wo bereits erste Rinder von den Alpen geholt werden mussten. Viehhändler Jwan Koller aus Mühlau AG musste schon im Auftrag die ersten Rinder von einer Alp auf dem Mont-Soleil im Jura herunterholen. «14 Stück brachte ich ins Diemtigtal im Berner Oberland», sagt er. Der Rest ging nach Hause zum Eigentümer nach Berikon AG. Auf den Jurahöhen sei das Gras dürr, das Futter knapp. Bisher habe er nur diese Rinder von der Alp holen müssen. «Bei uns im Freiamt im Kanton Aargau ist die Lage bis jetzt nicht so prekär», hält Koller fest.
Christian Stegmann betreut auf der Gemeindeweide die Rinder der Gemeinde Muriaux JU. Diese liegt auf der Strecke zwischen La Chaux-d'Abel BE und La Ferrière BE. «Wir haben noch für zwei bis drei Wochen Gras, dann ist Schluss», sagt Stegmann. 120 Stück Rinder und Pferde sind auf der Gemeindeweide platziert. «Die Weiden sind dürr, der Klee verdorrt», hält Stegmann fest.
Ein zusätzliches Problem sei, dass es diesen Frühling viele Mäuseschäden gehabt habe und man deswegen viele Weiden neu habe ansäen müssen. «Wegen der Trockenheit konnte die Neuansaat gar nicht richtig auflaufen», sagt Stegmann. Wenn es so weitergehe, müsse man in diesem Gebiet sicher mit einem Schnitt weniger rechnen als in anderen Jahren.
Für Jakob Fritz aus Le Cerneux-Veusil im Kanton Jura sieht die Lage zwar dramatisch aus, doch weniger schlimm als im trockenen Sommer 1976. «Wir warten sicher sehnlichst auf Regen, doch unsere Mutterkühe finden immer noch was zu fressen.» Nur einige Kilometer entfernt von seinem Betrieb sehe die Lage viel prekärer aus. «Es gibt Landwirte auf dem Mont-Soleil, die müssen jeden Tag Wasser zuführen. Und auf der Gemeindeweide von Les Bois JU wurden die Rinder wegen der Trockenheit abgezügelt», hält Fritz fest.
Besonders schlimm sei es Richtung La Brévine im Neuenburger Jura und in der Region Saignelégier JU. «Vor allem auf der Sonnenseite ist alles Gras verdorrt», beobachtet er. Jakob Fritz wollte auch schon Futter zukaufen. «Der Händler hat mir gesagt, er habe Bestellungen für 130 Lastenzüge, könne aber nur 13 liefern», so Fritz. Aus Frankreich gebe es mittlerweile keine Luzerne und kein Heu mehr, und auch Deutschland habe den Export massiv eingeschränkt.
Ein anderes Bild zeigt sich im Schwarzseegebiet im Kanton Freiburg. «Wir haben lieber die trockenen Sommer als die nassen», sagt Bruno Beyeler, der im Schwarzseegebiet seine Rinder sömmert. Im Schwarzsee sei es von Natur aus nass, da merke man die Trockenheit nicht so schnell. Auch auf seinem Talbetrieb in Plaffeien FR gebe es noch Gras: «Wir haben noch nie so viel Futter geerntet wie dieses Jahr», sagt der Landwirt. Im Frühling habe man früh den ersten Schnitt ernten können, jetzt habe man schon den dritten Schnitt auf dem Heustock.
Behörden gefordert: Von Sömmerungsbeiträgen bis Helikoptereinsätzen
Die Situation sei regional stark unterschiedlich, sagt Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands. Generell sei die Lage im Westen schlimmer, teilweise gebe es aber grosse Unterschiede sogar zwischen benachbarten Tälern und Alpen. Der entscheidende Faktor sei dabei der Niederschlag: «Es kommt darauf an, wo die letzten Regenzüge durchgingen.»
Erste Alpen seien dabei, die Saison wegen des fehlenden Futterangebots abzubrechen, weiss der SAV-Präsident. Alternativ überlegten sich einige, Heu auf die Alpen zu bringen. Dabei sei jedoch Vorsicht geboten, so Wandfluh: Es droht ein Verlust der Sömmerungsbeiträge. Es sei deshalb wichtig, allfällige Massnahmen sofort bei den zuständigen Behörden zu melden. Gemäss Empfehlung des SAV sollte dabei «höhere Gewalt» geltend gemacht werden.
Rechtzeitig Kontakt mit den Behörden aufnehmen muss auch, wer Wassertransporte per Helikopter benötigt. Entgegen früherer Praxis werden diese nicht mehr anstandslos von der Armee übernommen – private Helikopterfirmen hatten unlautere Konkurrenz geltend gemacht. Die Sicherheitsdirektorenkonferenz hatte sich schliesslich auf eine Lösung geeinigt, bei der zuerst eine Beratungsstelle kontaktiert wird, die daraufhin an den Kanton meldet, der wiederum mit den privaten Heli-Anbietern den Einsatz koordiniert. Im Kanton Bern sei das Konzept umgesetzt und funktioniere, so Wandfluh. Ärgerlich sei aber, dass dies vor allem in der Ostschweiz nicht bei allen Kantonen der Fall sei.
Markt: Aufruf zur gestaffelten Lieferung von Schlachtkühen
Die anhaltende Trockenheit hat längst auch Auswirkungen auf den Rindviehmarkt. Weil Wiesen und Weiden vielerorts unter der Hitze leiden, rufen der Schweizerische Bauernverband (SBV), der Schweizerische Viehhändlerverband (SVV) und die Interessengemeinschaft öffentliche Märkte (IGöM) aktuell zur gestaffelten Lieferung von Schlachtkühen auf – sei es direkt oder über die öffentlichen Märkte. Ziel des Aufrufs ist es, Angebotsspitzen zu verhindern und das Angebot zu glätten, um Preisdruck zu vermeiden.
Auf öffentlichen Märkten können ohnehin nur Tiere aufgeführt werden, die innerhalb der Fristen korrekt angemeldet wurden. Die drei Verbände empfehlen deshalb, die Auffuhren von Schlachtkühen zu verteilen: Die Nachfrage sei generell vorhanden, hänge aber auch von den Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten ab. Es wäre schädlich, wenn die Preise aufgrund eines momentanen Überschusses unter Druck gerieten.

