Der Verband Schweizerischer Futtermittelfabrikanten (VSF) schlägt Alarm: Weil das Grundfutter wegen der Trockenheit extrem knapp ist und Raufutterhändler teils kaum mehr erreichbar sind, hat der Verband beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) diese Woche eine sofortige Senkung der Zölle auf wichtige Futtermittelkomponenten beantragt. «Jetzt muss der Bund rasch handeln», sagt VSF-Präsident Damian Müller.
Im Interview erklärt er, wie lange die Vorräte der Futtermühlen noch reichen, weshalb die Mischfutterpreise trotz guter Getreideernte weiter steigen, und was das für Schweine- und Rinderhalter bedeutet, die ohnehin schon unter Druck stehen.
Wie beurteilen Sie als VSF die aktuelle Futterknappheit – erreichen die Anfragen von Betrieben, die dringend Futter zukaufen müssen, auch die Futtermühlen in diesem Ausmass?
Ja, wir spüren die Auswirkungen sehr deutlich. Die Futtermühlen erhalten sehr viele Anfragen. Momentan ist die Situation insbesondere beim Grundfutter extrem. Bei der Mischfutterherstellung spüren die Futtermühlen die angespannte Situation derzeit noch nicht akut.
Wir gehen allerdings davon aus, dass sich die Situation weiter zuspitzen wird. Insbesondere die Trockenheit in ganz Europa und die logistischen Herausforderungen werden uns in der Futter-Beschaffung behindern. Unsere Mitglieder setzen aber alles daran, die Versorgung mit Futtermitteln sicherzustellen.
Landwirte berichten, dass Futterhändler teilweise gar nicht mehr erreichbar sind, weil die Nachfrage die Kapazitäten übersteigt. Wie geht die Branche mit dieser Situation um?
Das betrifft sicher in erster Linie die Raufutterhändler. Die ausserordentlich hohe Nachfrage bringt einzelne Unternehmen an Kapazitätsgrenzen. Unsere Mitglieder arbeiten mit Hochdruck daran, Beschaffung, Produktion und Logistik aufrechtzuerhalten, um die Versorgung mit Mischfutter gewährleisten zu können. Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig leistungsfähige Futtermühlen und funktionierende Lieferketten in der Schweiz und Europa sind.
Was tun die VSF-Mitglieder konkret, um die Versorgung in dieser Ausnahmesituation sicherzustellen?
Wir haben diese Woche beim BLW eine sofortige Reduktion der Grenzbelastung auf wichtigen Futtermittelkomponenten beantragt. Jetzt muss der Bund rasch handeln. Der Bund steht jetzt in der dringenden Pflicht, Zölle auf Futtermittel auf ein Minimum zu reduzieren. Zudem verfügen Futtermühlen über gewisse Vorräte, sodass die Versorgung mit Mischfutter derzeit noch nicht akut gefährdet ist. In einer Ausnahmesituation könnten Anträge auf eine Freigabe der Pflichtlager gestellt werden; eine solche Freigabe steht bereits für Proteinträger zur Diskussion.
Die Futtermühlen verfügen zudem über einen gewissen Spielraum und können beispielsweise Rezepturanpassungen vornehmen, um allfällige Engpässe bei einzelnen Komponenten abzufedern. Unser oberstes Ziel ist klar: Die Tiere auf den Schweizer Betrieben müssen zu vernünftigen Preisen versorgt sein.
Wie wirkt sich die Knappheit auf die Rohstoffpreise und damit auf die Mischfutterpreise generell aus?
Mischfutter besteht aus verschiedenen Rohstoffen. Wird das Angebot beispielsweise bei Getreide oder Proteinträgern knapper, steigen die Beschaffungspreise. Diese höheren Rohstoffkosten schlagen sich anschliessend in den Mischfutterpreisen nieder.
Dazu kommen Energie, Transport, Lagerung und Verarbeitung. Unsere Mitglieder haben aber kein Interesse an hohen Preisen – sie brauchen wirtschaftlich gesunde Landwirtschaftsbetriebe. Genau deshalb wehren wir uns gegen zusätzliche Steuern, Abgaben und unnötige Regulierung.
Produzenten fragen explizit nach einer Preissenkung bei Mischfutter für Schweine – ist das realistisch?
Ich verstehe diese Forderung. Wo unsere Kosten sinken, muss sich das auch in den Preisen niederschlagen. Aber die strukturellen Probleme des Schweinemarktes lassen sich nicht über den Mischfutterpreis lösen. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach.
Wie viel des aktuellen Kostendrucks bei den Schweinehaltern liegt bei den Futterkosten, wie viel bei Absatz- und Marktproblemen?
Futter ist ein bedeutender Kostenfaktor. Die aktuelle Krise ist aber vor allem auch ein Marktproblem mit Angebot, Nachfrage und Absatz. Deshalb braucht es Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette statt gegenseitiger Schuldzuweisungen. Dauerhaft gewinnbringende Produzentenpreise sind die wichtigste Voraussetzung für eine starke und wettbewerbsfähige Schweizer Schweineproduktion.
Die zweite gute Getreideernte in Folge – wie erklären Sie dann steigende oder stabil hohe Mischfutterpreise?
Eine gute Schweizer Getreideernte ist sehr erfreulich, aber Mischfutter besteht nicht nur aus Schweizer Getreide. Verschiedene Komponenten müssen importiert werden und unterliegen internationalen Preisen. Dazu kommen Energie-, Transport-, Lager- und Produktionskosten. Die geopolitische Lage und die internationale Trockenheit treiben die Preise für wichtige Futtermittelrohstoffe derzeit weiter in die Höhe.
Fenaco erklärt Importe mit Pflichtlagern, Reifezeit und fehlender Inlandproduktion bei Körnermais. Deckt sich das mit Ihrer Einschätzung?
Grundsätzlich ja. Die Schweiz kann ihren Bedarf nicht bei allen Futtermittelkomponenten selbst decken. Inlandproduktion und gezielte Importe gehören deshalb zusammen. Entscheidend ist, dass die Versorgung jederzeit gewährleistet bleibt.
Wie stark hängt der Schweizer Mischfutterpreis von globalen Märkten ab, wie stark von hausgemachten Faktoren?
Beides spielt eine Rolle. Weltmarktpreise, Ernten, Energie und Transporte können wir nur beschränkt beeinflussen. Hausgemacht sind dagegen immer neue Vorschriften und administrative Kosten. digiFLUX, das neue elektronische Meldesystem für Hofdünger, ist dafür sinnbildlich.
Sehen Sie die inländische Futtermittelversorgung grundsätzlich gefährdet?
Aktuell ist die Versorgung gewährleistet. Aber Versorgungssicherheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wir brauchen eine starke Inlandproduktion, leistungsfähige Futtermühlen, ausreichende Lager und verlässliche internationale Beschaffungswege.
Was bedeutet die aktuelle Lage für die Versorgungssicherheit insgesamt, auch mit Blick auf den Bundesverfassungsauftrag?
Versorgungssicherheit muss wieder einen höheren politischen Stellenwert erhalten. Dazu gehören eine produzierende Landwirtschaft und starke vor- und nachgelagerte Branchen.
Im Sinne des Verfassungsauftrags ist es deshalb entscheidend, die Produktions- und Verarbeitungskapazitäten im Inland zu erhalten und zu stärken. Versorgungssicherheit darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn etwas fehlt – dann ist es zu spät.
Welche konkreten Auswirkungen befürchten Sie für die Fleisch- und Futtermittelbranche, falls die Ernährungsinitiative angenommen würde?
Die Initiative wäre ein massiver staatlicher Eingriff in unsere Land- und Ernährungswirtschaft. Die Folge wäre eine Reduktion der Tierhaltung mit entsprechenden Auswirkungen auf Futtermühlen, Metzgereien und andere Verarbeitungsbetriebe. Gleichzeitig müsste – unter der Annahme, dass der Fleischkonsum unverändert bleibt – der Rückgang der inländischen Produktion durch zusätzliche Importe kompensiert werden. Dies wäre in einem Grasland wie der Schweiz, in dem hohe Standards beim Tierwohl gelten, widersinnig.
Wie positioniert sich die VSF politisch dazu?
Wir lehnen die Initiative klar ab. Sie schwächt die Inlandproduktion und erhöht im schlechtesten Fall die Importabhängigkeit. Das ist das Gegenteil von Versorgungssicherheit. Und was die Menschen essen, sollen sie weiterhin selbst entscheiden.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Krise und der Initiative, zum Beispiel bezüglich der Investitionsbereitschaft der Betriebe?
Ja. Wer über Jahrzehnte investiert, braucht Planungssicherheit. Wenn die Politik gleichzeitig signalisiert, dass Tierhaltung und tierische Produktion zurückgedrängt werden sollen, schafft das Unsicherheit. So schwächt man Investitionen und letztlich die Inlandproduktion.
Die Landwirte stehen aktuell unter enormem Druck. Was ist Ihre Kernbotschaft an die Produzenten?
Die Trockenheit wird bei vielen Betrieben erhebliche Ertrags- und Einkommensausfälle verursachen. Das wird auch die vor- und nachgelagerten Branchen treffen. Das werden auch die vor- und nachgelagerten Betriebe spüren. Wir wissen, unter welchem Druck viele Betriebe stehen. Bauern und Futtermühlen sitzen im selben Boot. Jetzt braucht es faire Bedingungen, funktionierende Märkte, weniger unnötige Regulierung und eine Politik, welche die produzierende Landwirtschaft stärkt, statt schwächt.
![_38A3719[92].jpg Damian Müller ist Präsident des Verbands Schweizerischer Futtermittelfabrikanten (VSF).](https://d1s50nfp3waqqv.cloudfront.net/49d60c56-7734-4bf3-87d6-51193a5d7e51/1bc73c32-63c6-445c-9e25-f5e643d793eb/0d4c2d51-9647-4bb6-bcba-5608984a2608/thumbnails/d3020c38-3929-4bf9-b57b-24426f6d2e87.jpg?appId=8d60a0bd-b03f-4b82-b957-262a73d24b79&w=1200&webp=1)
