Auf dem Betrieb von Walter Bütikofer steht im Moment an allen Ecken Baumaterial. Mannshohe Rollen mit dicken schwarzen Kunststoffleitungen lehnen an Siloballen und Stallwand. «Fürs Verlegen müssen wir die Rohre gerade drücken. Das ist nicht einfach», meint der Bio-Landwirt. Er spricht aus Erfahrung, denn für den Ausbau seines Fernwärmenetzes im bernischen Kirchberg steigt Bütikofer regelmässig selbst in die Gräben.

Für den Berner bringt die Arbeit auf der Baustelle nicht nur eine willkommene Kostenersparnis, sondern auch wertvolle Kontakte zu Bauarbeitern und (potentiellen) Kunden. «Für einen Wärmeverbund kann man diverse Arbeiten auslagern: Planung, Kundenakquise, Abrechnungen usw.», erklärt Walter Bütikofer. Seit 30 Jahren betreibt die Familie nun schon mit der selbst gegründeten Energy Farm AG ihren Wärmeverbund, der in diesem Jahr um 1,5 Kilometer Leitungen und über 35 Anschlüsse erweitert wird. Dabei nutzen sie Holz von den eigenen 13 Hektaren Wald und spannen mit anderen Bauern in der Region zusammen.

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Schnitzel sparen viele Arbeitsschritte

Das Prinzip der Fernwärme mit Holzschnitzeln hat Walter Bütikofer schon in der neunten Klasse überzeugt, als er eine der ersten Anlagen in der Schweiz gesehen hat. «Ich habe gedacht: Das ist die Lösung. Statt das Holz in vielen Arbeitsschritten zu Scheiten zu schlagen und mehrmals umzuschichten, direkt Schnitzel nutzen», erinnert er sich. Bütikofer konnte seinen Vater dafür begeistern, worauf in Kirchberg ein erster Heizkessel mit 70 kWh Leistung und einem Schnitzellager eingerichtet wurde.  Der erste Anschluss führte zu einem benachbarten Mehrfamilienhaus, später kam eine von Bütikofer errichtete kleine Siedlung in der Nachbarschaft hinzu. «Die Häuser wurden schlüsselfertig als Teil des Fernwärmenetzes verkauft – da war der Anschluss gar keine Frage», erinnert sich der Landwirt schmunzelnd. 2020 dann wurde der alte mit einem neuen, 150-kWh-Kessel ersetzt. Eine Umfrage im selben Jahr zeigte grosses Interesse im Dorf an der Fernwärme und die Planung der Erweiterung startete.

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Die Schnitzel werden weder gelagert noch vorgängig getrocknet

Künftig wäre der bestehende Heizkessel zu klein. Der Ersatz steht bereits im ehemaligen Schnitzellager und hat eine Leistung von 550 kWh. Schnitzel werden in Zukunft keine mehr auf Platz gelagert, «der Wald ist unser Lager», erklärt Walter Bütikofer. Bauern aus dem Nachbardorf schnitzeln die Holzhaufen und das Material kommt noch feucht in den Ofen. Dort trocknet es in der Hitze des Brennvorgangs, bevor es selbst kontinuierlich verfeuert wird. Dank einem grossen Filter ist die Verbrennung schadstofffrei, der Feinstaub wird in Stahlcontainern gesammelt und entsorgt. Die Verbrennungswärme heizt einen Wassertank auf, der als Speicher oder Puffer dient. Heisses Wasser transportiert die Wärme durch die dick isolierten Leitungen unter den Strassen bis in die angeschlossenen Häuser, die damit geheizt und mit Warmwasser versorgt werden. Die Besitzer zahlen einen wenig schwankenden Preis pro kWh (13.5 Rappen), zusätzlich eine einmalige Anschlussgebühr und eine Jahrespauschale, die abhängig von der nötigen Leistung ist. Dies für den Anschluss ans Fernwärmenetz, dafür sparen sie sich den Platz für eine eigene Heizung und müssen sich nicht um deren Betrieb oder Reparatur kümmern. 

Das ganze System ist elektronisch überwacht, bei Störungen erhält Walter Bütikofer eine Meldung. Ausserdem kann er den Verbrauch je Anschluss online ablesen und damit die Abrechnung erledigen. «Die Anlage läuft auch ohne uns», so Bütikofer. Dank dem Pikettdiensts eines Nachbarn und Kameras im Stall könne er daher beruhigt auch einmal mit seiner Frau in die Ferien fahren.

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Schwierige Verhandlungen mit Banken

Für den Mutterkuh-Halter steht ausser Frage, dass Holzenergie eine Zukunft hat. Es gebe in der Umgebung viel Holz zu nutzen und aktuell helfe noch der hohe Preis für fossile Energien und die Energiepolitik von Bund, Kanton und Gemeinde. Genau ausgerechnet, wie viele Anschlüsse für einen rentablen Betrieb des erweiterten Verbunds nötig wären, hat Walter Bütikofer nie – «es kommen laufend Interessierte dazu». Vorausschauend legt er daher auch mal Leitungen, die in weitere Seitenstrassen reichen, wenn die Hauptstrasse schon geöffnet ist. «Man ist immer zu früh oder zu spät», kommentiert Silvia Bütikofer, die sich u. a. um die Buchhaltung der Energy Farm kümmert.

Trotz der guten Voraussetzungen, ohne Hürden war die Erweiterung des Wärmeverbundes nicht. Die Kosten dafür belaufen sich auf zwei Millionen Franken, wovon 1,5 Millionen von Investoren stammen. «Die Verhandlungen mit den Banken gestalteten sich schwierig, da für sie die Leitungen, die Heizanlage und die langjährigen Verträge keine ausreichende Sicherheit sind», schildert Walter Bütikofer. Unterstützung fand er beim genossenschaftlichen Energieversorger Elektra, der sein Portfolio erweitern wollte. Auch für die Energy Farm wäre eine Genossenschaft mit den angeschlossenen Hausbesitzern möglich gewesen. «Wir haben aber gemerkt, dass der Wille zur Mitgestaltung klein ist.» Die Organisation als AG mache die Verhandlung mit Kunden und Banken einfacher, aber auch Versicherungsfragen und die Übergabe des Geschäfts an die nächste Generation.

Ziel: Die Wertschöpfung auf dem Betrieb behalten

Mit anderen lokalen landwirtschaftlichen Fernwärmeanbietern mit Holzschnitzelfeuerungen arbeitet Walter Bütikofer zusammen, statt einander zu konkurrenzieren: «Damit wir nicht alle jeden Holzhaufen im Wald anschauen und dem Besitzer offerieren müssen, organisieren wir die Beschaffung gemeinsam.»

Eine gute Zusammenarbeit pflegen Bütikofers ausserdem mit ihrem Nachbarn. Dieser übernimmt gelegentlich Arbeiten im Ackerbau und hilft auch tatkräftig beim Bau der Leitungen mit. Somit entlastet er Walter Bütikofer, der sich neben den Fernwärmebaustellen um die rund 15 Angus-Mutterkühe kümmert. «Wir haben eine sehr extensive Tierhaltung. Sonst ginge das nicht», ist sich der Landwirt bewusst. Er schätzt es, dass seine Berufskollegen flexibel sind und beteiligt sie auch im Stundenlohn beim Bauen. «Landwirte sind gut ausgebildet und zuverlässig», lobt Bütikofer.

Er habe es spannend gefunden, eine AG zu gründen und den ganzen Wärmeverbund samt Website und Logo selbst aufzuziehen. Es gebe aber viele Hürden – seien es Bewilligungen oder die Finanzierung – und es brauche ein gewisses technisches Flair für das Ganze. «Wie viel man an Büroarbeit auslagert, ist schlussendlich auch eine Kostenfrage», gibt Walter Bütikofer zu bedenken. Man könne sich auch quasi auf dem Hof für Betrieb und Unterhalt einer Fernwärmeheizung anstellen lassen. «Aber das macht man ja immer in der Landwirtschaft: Produzieren und Abgeben. Die Wertschöpfung haben andere.» Mit seinem Wärmeverbund verfolge er das Ziel, die ganze Wertschöpfungskette selbst abzudecken.

Weitere Informationen: www.energyfarm.ch