Mein Vater wuchs als Bauernbub im innerrhodischen Enggenhütten auf. Sein Berufswunsch war von klein auf klar: Auch er wollte Bauer werden. Das Problem war nur, dass er einen älteren Bruder hatte, der das gleiche Ziel vor Augen hatte. Und der Bauernbetrieb des Grossvaters war klein, eine Aufteilung undenkbar. Als dann mein Grossvater an einer konkursamtlichen Versteigerung eine Dorfsägerei kaufte, schöpfte mein Vater Hoffnung. Er durfte die Führung des Bauernbetriebes übernehmen und erwarb das Viehhändler-Patent.

Wie der Vater, so der Sohn

Doch aus dem stolzen Jungbauern wurde bald ein Säger. Der Grossvater wollte es so, und mein Vater stellte sich der Herausforderung, mit grossem Erfolg. Nur einmal im Jahr schien mir mein Vater nicht glücklich zu sein. Wenn in Appenzell auf der gegenüberliegenden Bachseite die Grossviehschau stattfand, wurde er sichtlich wehmütig. Mir schien, dass seine Augen beim Blick aus dem Fenster hinüber zum Viehschauplatz zu den aufgereihten Kühen und den fachsimpelnden Bauern, feucht wurden. Bei allem Stolz und aller Freude über den Erfolg als Sägereiunternehmer: Mein Vater wäre zumindest am Viehschautag gerne Bauer gewesen.

Mir ist es irgendwie nicht anders ergangen. Wurde ich von Verwandten gefragt, was ich denn einmal werden wolle, gab ich noch zu Beginn meiner Gymnasialzeit ohne zu zögern die Antwort: Buur. Irgendwann verstand ich, dass sich dieser Wunsch ohne Bauernhof schlecht realisieren lässt. Aber mir geht es wie meinem Vater. Im Frühsommer, wenn die Sennen am frühen Morgen auf die Alpen «öberifahrid», zieht es mich an den Strassenrand. Die Vorfreude der Bauern auf einen schönen Alpsommer teile ich mit den Worten «wösch Glöck». Kehren die Bauern im Spätsommer bzw. im frühen Herbst von den Alpen zurück, ist es nicht anders. Nur, dass bei mir dann etwas Wehmut mitschwingt. Schon wieder ist ein Jahr vorbei. Die «Vechschau» von Anfang Oktober trage ich mir immer in die Agenda ein. Wenn die Bauern von allen Seiten her mit ihren Kühen «uffahrid», reihe ich mich in den Zuschauerreihen ein, um den Freudentag mit den stolzen Bauern zu teilen. Dann kann es durchaus passieren, dass auch meine Augen etwas feucht werden, so wie früher bei meinem Vater.

Die Verbindung zur Landwirtschaft ist tief

Als Politiker bin ich es mir gewohnt, mich mit Gesetzen und Verordnungen zu beschäftigen, Argumente dafür und dagegen abzuwägen. Dabei steht für mich als Ständerat von Appenzell Innerrhoden immer die Frage im Zentrum, was für meinen Kanton und seine Menschen wohl das Beste ist. Es wird Sie nach der Lektüre meines persönlichen Textbeitrages nicht verwundern: Bei landwirtschaftlichen Themen sind die Antworten meistens klar. Denn ich wurde zwar nicht Bauer, aber die Verbindung zur Landwirtschaft ist tief – politisch und privat.