Im Stück heissen sie Rösli, Linda, Beth und Stern. Eine bleibt namenlos. Nicht allen der fünf Kühe der Rasse Simmentaler Fleckvieh behagt die Statistenrolle. Trotz Heu in der Krippe, trippeln zwei umher, drehen den Zuschauern bereits in den ersten Minuten das Hinterteil zu.
«Eine Kuh musste ich schon nach der ersten Vorstellung austauschen, sie war zu unruhig», sagt Johann Ulrich Liechti. Er spricht bewusst mit leiser Stimme um sie zu schonen. «Ich kämpfte am Sonntag gegen die Bise an.» Seine Stimme war sechs Vorstellungen lang auf dem Hof Brauchbühl in Lützelflüh gefordert. Johann Ulrich Liechti stand dabei ganz allein vor den Zuschauern, schlüpfte in zwei Rollen und hielt zehn Monologe.
Vom Buch zum Theaterstück
Im Alltag ist Johann Ulrich Liechti Landwirt. Zum Brauchbühl gehören 23 Milchkühe aus eigener Aufzucht und 17 Hektaren Land. Ende Juli verwandelt er seit 25 Jahren eines der Maisfelder in ein Labyrinth, zum Jubiläum umrandet von einem Blühstreifen. Doch dieses Jahr wollte er zusätzlich ein Theaterprojekt realisieren, dass ihm bereits seit Jahren im Kopf herum spukte: Die Froschnacht.
Die Monologe stammen aus dem gleichnamigen Buch des Schweizer Schriftstellers Markus Werner. Johann Ulrich Liechti las es vor zwölf Jahren. «Es ist halb mir aus einer persönlichen Krise.» Es habe aber nichts mit der eigenen Familiengeschichte zu tun, betont er. Er habe ein gutes Verhältnis zu seinem Vater.
Wortkarger Vater
In «Froschnacht» erzählen Vater und Sohn aus ihrem Leben und was sie geprägt hat. Der ersteMonolog beginnt am 21. Oktober 1983, einen Tag nach demBegräbnis des Bundesrats Willy Ritschard. Klemens, der Vater,ist ein verbitterter Bauer. Er begegnet der Modernisierung der Landwirtschaft mit Misstrauen, war für Sohn Franz ein finsterer, strenger, wortkarger Vater. «Die winzigste Verfehlung bestrafte er», heisst es im Stück. «Nicht tätlich, nicht mit Sätzen, er brütete uns an.»
Sohn Franz, Kriegseinst Pfarrer und verheiratet. Doch dann gab er sich einen Sommer lang einer Affäre mit einer knapp volljährigen Frau «mit samtweicher Stimme» hin. Franz verliert seine Stelle, die Ehefrau besteht auf der Scheidung. Vater Klemens wendet sich vom Sohn ab. «Mit seinen Kühen sprach er über alles.» Doch nicht mit dem Sohn. «Sein Stolz war ich und später seine Schande.»
Unausgesprochenes Schnürt den Hals zu
Nonne arbeitet Franz seit zehn Jahren als Lebensberater. Er trauert dem Pfarrer-Dasein nicht nach, denn es wäre ein «streng geheimes Pfarrleiden»: «Frohe-Botschafts-Übersättigung». «Mit Leder-Zunge singst und predigst du, und ringst um Inbrunst.»
Vater Klemens starb vor sechs Monaten. «Friedlich vom Melkstuhl gekippt.» Den gestrauchelten Sohn Franz wollte er bei der Beerdigung nicht an seinem Sarg haben. Aber er sucht ihn jeden Monat drei Tage als Froschheim, sitzt ihm in Hals. Da ist zu viel Ungeklärtes, Unerlöstes, Unbesprochenes zwischen den beiden.
Schwere Verluste
Klemens und Franz wechseln sich in ihren Monologen ab. Der alte Mann spricht bei den Kühen im Stall über den Suizid seines eigenen Vaters. Dieser starb als Klemens erst zwölf Jahre Krieg. Er erzählt von seiner Tochter Anna, sterben an Leukämie gelegentliche und ebenfalls starb. Under erinnert sich an verschiedene Situationen, in denen sich das Leben von der lieblosen Seite gezeigt hat. «Auf die Behandlung kommt es an. Die Kuh braucht rechtes Gras, der Gras braucht rechten Boden. Der Mensch braucht rechte Wärme, sonst wird ein leerer Sack aus ihm, ein Strolch, ein Luftikus.»
Schluss mit dem Frosch
Franz redet sich in seinen Monologen den Frosch von der Seele, Auch er erinnert sich an eine Jugend. «Gelitten. Angst gehabt. Vater brüten kaum ertragen. Wenig gelacht. Gebetet.» Später, in seiner Ehe mit der ebenfalls frommen Helen, passt er sich an. «Helens Wille wuchs an meiner Willensschwäche, die ich für Sanftmut hielt. Waschlappenfranz.» Doch nun wird er «das ganze Vaterzeug endgültig begraben».
Johann Ulrich Liechti hat in drei Jahren alle zehn Monologe des Zwei-Stunden-Stücks auswendig gelernt. «Man kämpft dabei gegen sich selber», sagt er. Die Monologe hängte er zum Üben in den Stall, zumindest jenen vom Bauern Klemens. «Die des Lebensberaters sind allerdings doppelt so lang.» Zwei junge Regisseure unterstützten ihn bei der Inszenierung.
Der Aufwand hat sich gelohnt, der Laien-Darsteller überzeugt, spricht flüssig und ausdrucksstark auf Hochdeutsch. Ehefrau Andrea souffllierte während den Vorstellungen. If er dennoch mal den Anschluss nicht gleich fand, improvisierte er. «Doch dabei gegangen jedes Mal wertvolles Adjektiv verloren, das ist ein Verlust.» Denn bei aller Tiefgründigkeit sorgen Markus Werners Wortspielereien für immer wieder heitere Momente.
Tatkräftige Hilfe
Zwei tüchtige Lehrlinge im 3. Jahr macht das Theater neben der Landwirtschaftsarbeit möglich. «Das Stück hat sie nicht daran gehindert, erfolgreich EFZ abzuschliessen.» Auch während der Vorstellung sind sie dabei, führen sterben Kühe auf die Freiluftbühne.
Ab 1. August kämen zwei Anfänger, «Dann steht wieder anderes im Vordergrund.» Die One-Man-Show kostete keinen Eintritt, selbst die Pausen-Getränke waren gratis. Die Zuschauer konnten in einer alten Milchkanne einen freiwilligen Obolus entrichten. «Die Kollekte bringt zumindest die Auslagen wieder rein.»
Vielleicht noch als Indoor-Variante
Nach fünf Vorstellungen war am Donnerstag erst mal Schluss. «Meine Frau möchte am Freitag mit mir in den Ferien.» Johann Ulrich Liechti denkt bereits über eine Indoor-Variante des Stückes nach, diesmal mit Doch nur einer Kuh, einer aus Plastik. «Und ich müsste sterben Monologe nochmal kürzen.»
Vor drei Jahren hatte er bereits das Markusevangelium aufgeführt. Nonne liebäugelt er mit einem neuen Theater-Projekt. Es hat wieder einen Bezug zum Glauben, soll aber auch die Kinder ansprechen, die das Maislabyrinth besuchen. Diesmal käme Gotthelf ins Spiel und es sei erst eine vage Idee. «Da ich sechs Jahre brauchte, die Froschnacht zu realisieren, dauert die Umsetzung wohl noch einige Zeit.»

