Wir wissen es ja eigentlich: Die Textiletiketten an den Kleidungsstücken geben Auskunft über Material, Pflege und Herkunft. Doch meist werden sie bestenfalls vor dem Kauf kurz überlesen und dann daheim herausgeschnitten, weil sie beim Tragen stören. Aber es lohnt sich, zuvor nochmals einen ausführlichen Blick darauf zu werfen.

Heute weit verbreitet sind Stoffe aus zellulosischen Chemiefasern wie Viskose. Dieses Material kennt man schon seit den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Idee aus Holz, beziehungsweise dem daraus gewonnenen Zellstoff eine Faser zu machen, ist also nicht neu. Doch die zellulosischen Chemiefasern werden ständig weiterentwickelt.

Geschlossene Kreisläufe

Sie entstehen inzwischen in geschlossenen Produktionskreisläufen. Die Hersteller gewinnen für die Faserherstellung notwendige Lösungsmittel zurück und verwenden diese wieder. Marktführend dabei ist die österreichische Lenzing Gruppe. Aus deren Labors stammen zum Beispiel Fasern wie Tencel, Lyocell, Modal, Filament, Refibra oder Ecovero.

Das Material Tencell Modal stammt vorwiegend aus Buchenholz und ist für seine Weichheit bekannt. Refibra, das neueste Produkt, ist das Ergebnis aus einem Upcycling, einem Aufwerten von Baumwollresten und Zellstoff.

Ecovero wurde mit dem EU Ecolabel ausgezeichnet. Dieses Umweltzeichen wird an Produkte vergeben, die während ihres gesamten Lebenszyklus hohe Umweltstandards erfüllen, angefangen bei der Rohstoffgewinnung über die Herstellung und den Vertrieb bis zur Entsorgung.

Aus den Fasern werden Schuhe, weich fallende Kleidungsstücke und Outdoorbekleidung angefertigt. Aufgrund der bei der Produktion und Veredelung verwendeten Produkte werden die Fasern als halbsynthetische Fasern bezeichnet.

Polyester und Co.

Im Zusammenhang mit Kunstfasern wird immer mehr auch die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik ein Thema. Denn Kleidungsstücke fusseln bei jeder Wäsche: Eine einzige Fleecejacke kann bis zu einer Million Fasern pro Waschgang freisetzen, ein Paar Nylonsocken immerhin noch 136'000.

Je nach Technologie halten moderne Kläranlagen zwar einen Teil der Mikroplastikfracht zurück, doch gelangen immer noch Tausende von Tonnen davon in die Flüsse und schliesslich ins Meer. Da Polyester-, Nylon und Polyacrylfasern – wie alle synthetischen Kunststoffe – biologisch nicht abbaubar sind, reichern sie sich im Meer an. Mit der Zeit zerfallen sie allenfalls zu noch kleineren Partikeln, sie verschwinden aber nicht ganz.

Aus Flaschen werden Kleider

Kleidungsstücke aus rezyklierten PET-Flaschen geben ebenfalls Mikroplastik ab, doch sie haben einen Vorteil: Da sich das PET bei der Entsorgung nicht abbaut, kommt es bei der Wiederverwendung als Garn mindestens zu einem zweiten Einsatz.

Im Vergleich zur Gewinnung von konventioneller Baumwolle, und natürlich im Vergleich zur Neuproduktion von Polyester, ergeben Studien ein prozentuales Einsparungspotenzial von 40 bis zu 85 Prozent. Gleiches gilt für die Verwendung des Wassers. Verglichen mit der Erstproduktion kann hier bis zu 90 Prozent des verwendeten Wassers eingespart werden.

Zu den Kunstfasern gehört auch Primaloft. Das Material ist vor allem bei isolierender Outdoorbekleidung beliebt. Es sorgt wie eine Art künstliche Daune für effektiven, feuchtigkeitsresistenten Kälteschutz. Es handelt sich dabei um ein hochwertiges, synthetisches Isolationsmaterial aus Polyester. Primaloft ist sozusagen die vegane Daune – aber auch hier: Sie besteht aus Polyester.

Wolle ist nicht gleich Wolle

Doch wie sieht es bei Naturfasern aus? Viele Konsumentinnen und Konsumenten sind sich bewusst, dass der Anbau und die Verarbeitung von herkömmlicher Baumwolle durchaus auch Fragen aufwirft. Und was ist mit Merinowolle? Die Faser ist halb so dünn wie ein Menschenhaar und daher eine beliebte Konstante im Textilgeschäft.

Es kommt darauf an, woher die Wolle stammt und wie tierfreundlich die Haltung der Schafe ist. Bei der Auswahl können verschiedene Nachhaltigkeitslabels helfen wie etwa Gots, ZQ oder RWS. Es gibt sogar ein kleines Schweizer Merinoangebot: Die Churer Firma Rotauf setzt auf Wolle aus dem Emmental, dem Thurgau oder dem Jura. Bei der Verarbeitung wird auf schädliche Materialien gänzlich verzichtet. Das Angebot ist klein, aber fein.

Intelligente Textilien

Der Trend und die Forschung gehen heute in Richtung «intelligenter Materialien»: Gemeint ist eine Mischung aus synthetischen und natürlichen Fasern. Für die Aussenhülle werden unerschütterliche Kunstfasern verwendet, für das Innere Naturmaterialien wie ausgleichende Merinowolle. Einen Nachteil haben diese Hybridmaterialien: Durch die Materialmischungen ist ein effizientes Recycling kaum möglich.

Fazit: Naturfasern und Chemiefasern haben teilweise unterschiedliche Eigenschaften. Es lohnt sich, vor dem Kauf abzuwägen, wozu das Kleidungsstück benötigt wird. Gerade bei Baumwolle, vermeintlich eine Naturfaser, gilt es abzuklären, unter welchen Bedingungen diese angebaut und produziert wurde.

Beachten Sie in jedem Fall die Pflegeetiketten. Pflegt man Textilien richtig, erfreut man sich auch lange daran. Das ist der erste Schritt Richtung Nachhaltigkeit. Denn in der Regel werden heute 30 Prozent aller hergestellten Textilien gar nicht verkauft und nochmals so viele zu Aktionspreisen verschleudert.