Kennen Sie die Geschichte vom Hirten und vom Wolf? Eines Tages brauchten sie im Dorf einen neuen Schafhirten, denn der vorige war gross geworden und in die Welt gezogen. In der Oberstufe fanden die Gemeindeoberen einen «kächen», vorlauten Burschen, der sich der Aufgabe stellen wollte. Sie instruierten ihn und schickten ihn mit ihren Schafen auf die Matten vors Dorf. Er solle sie sofort alarmieren, wenn der Wolf auftauche. «Ja, klar!», meinte der Hirte.

Dem Jungen wurde es bald langweilig. So wollte er die Reaktionsgeschwindigkeit der Schafbesitzer testen: «Der Wolf, der Wolf, er ist da!», lief er schreiend ins Dorf. Umgehend sprangen die Bauern ihm mit Mistgabeln, Sensen und Karabinern entgegen. Aber weit und breit kein Wolf … «Er ist wohl schon wieder weg», meinte der Bursche nur. Die Bauern schauten ihn schräg an, aber schwiegen.

Wieder dasselbe

Tags darauf dasselbe Spielchen: «Der Wolf, der Wolf, er ist da!», lief der Hirte schreiend ins Dorf. Die Bauern zögerten, kamen jedoch wieder auf die Matten hinaus. Die Schafe weideten friedlich, keine Anzeichen von Aufregung in der Herde. Die Bauern nahmen sich den Burschen zur Brust: «Bürschchen, es reicht! Noch einmal veräppelst du uns, dann setzts was!» Das ging ihm doch in die Knochen.

Und so zog er tags darauf wieder auf die Matten hinters Dorf. Die Herde rückte an den Wald heran; und wie der Junge sich wieder zu langweilen begann, kam eine gewaltige Unruhe in die Herde, die auseinander stiebte. Dem Jungen wurde bang, er erspähte den Wolf und rannte schreiend ins Dorf: «Der Wolf, der Wolf, der Wolf, jetzt kommt er wirklich, der Wolf – er ist da!» Die Bauern rührten sich nicht, packten den Kerl am Arm und sagten: «Schluss jetzt!»

Doch als die ersten Schafe blökend ins Dorf preschten, wurde ihnen bewusst: Jetzt stimmt es doch! Als sie auf die Matten kamen, waren die Schafe zerstreut, viele gerissen und der rasende Wolf mit einem gezielten Schuss niedergestreckt. Und was ist «die Moral der Geschichte»? Spasse nie mit der Gefahr und der Alarmierung darob!

In Tränen aufgelöst

Ein Teammitglied erzählte uns beim Austauschtreffen vom Anruf einer Alpbäuerin, deren Mann nach einem Wolfskontakt auf der Alp im letzten Sommer zutiefst schockiert am Küchentisch hockte, in Tränen aufgelöst und am Boden zerstört … ein strammer, erfahrener und unerschrockener Älpler ohne Furcht und Tadel. Die Konsequenz der traditionellen Älplerfamilie für diesen Sommer heisst nach reiflicher Überlegung: kein Bestossen der hoch gelegenen Alp mit den Schafen und Ziegen mehr! Schweren Herzens, aber konsequent.

Zuhören, Anteil nehmen und Mit-Aushalten der Ohnmacht war im Moment das Einzige, was unserem Teammitglied übrig blieb. Wir vom Bäuerlichen Sorgentelefon müssen mehr für Betroffene mit Wolfskontakten tun können; wissen, an wen wir sie verweisen können.

Das Bäuerliche Sorgentelefon
Das Team vom Bäuerlichen
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