Bereits der Name «Känguruhof» weckt das Interesse, den Biohof in Bernhardzell und die Menschen und Tiere dahinter näher kennenzulernen. Dies sei auch durchaus erwünscht, erklärt Biobäuerin Tamara Krapf. Ein «Regenwurmhof» würde vermutlich niemals das gleiche Interesse und Neugierde erwecken. Acht Kängurus, darunter ein weisses Albino-Känguru, übernehmen quasi eine Türöffnerfunktion für Besuchergruppen, denen das Betriebsleiterpaar die Landwirtschaft näher bringen möchte.

Die Besucher werden miteinbezogen
Stefan Krapf hat 2013 den elterlichen Betrieb übernommen. Seine Frau Tamara zog 2016 auf den Hof. Ein Jahr später entschieden sich die beiden zur Umstellung auf Bio. Seit 2019 ist der Känguruhof ein Knospe-Betrieb. Die Bäuerin ist stolz, dass vom Obst der Hochstammbäume bis zu den Kräutern, und derzeit noch Weide-Beef, bei ihnen alles biologisch produziert werden kann.
Nebst Kühen und Ochsen bevölkern einige Strausse, Wachteln, Enten und Bienen den Hof. Alternative Heilmethoden wie Homöopathie und Heilkräuterkunde sind feste Bestandteile der Behandlung der Tiere, erklärt Tamara Krapf beim Gang durch den Kuhstall.
Nun planen Stefan und Tamara Krapf eine weitere Veränderung: Der Betrieb soll zum Lebenshof werden. «Ab Sommer 2022 werden unsere Kühe ein neues Dienstleistungsfeld übernehmen. Anstelle von Milch und Fleisch sollen sie unseren Besuchern neue Werte vermitteln und nicht mehr in einem Leistungssystem stehen.»
Die Eckpunkte eines Lebenshofs sind Umweltschutz, Nachhaltigkeit und das Thema, Tiere als fühlende Lebewesen zu verstehen und diese nicht mehr einem ökonomischen Nutzen zu unterwerfen.
Es ist ein Anliegen, die Konsumenten aufzuklären
Neben dem ethischen Ansatz sei auch der Bildungsauftrag wichtig. Tamara Krapf sagt, sie finde es stossend, dass in der öffentlichen Diskussion die Kuh als «Klimakiller» bezeichnet werde.
Es bestehe seitens der Landwirtschaft viel Aufklärungsbedarf, um den Konsument(innen) aufzuzeigen, welche Leistungen die Landwirtschaft für die Allgemeinheit erbringe. Die zunehmende Entfremdung von der Natur habe eine starke Trennung zwischen Konsumenten und Produzent(innen) geschaffen.
Die Umstellung auf einen Lebenshof wollen Krapfs auf Mitte Juli realisieren. Sie haben auf diesen Zeitpunkt ein Eröffnungsfest geplant. Nebst dem Lebenshof haben Krapfs die Vision, mittels Permakultur ihren Betrieb noch nachhaltiger bewirtschaften zu können.

Die Tiere haben neue Aufgaben
Für sie und ihren Mann, die sehr naturbezogen sind, stimmte der Begriff «Produktion» im Zusammenhang mit den Tieren nicht mehr. «Grundsätzlich sind Milch und Fleisch und alle unseren natürlichen Lebensgrundlagen auf Mutter Erde keine reinen Produktions- und Konsumgüter», sagt Tamara Krapf, die auch als Yoga-Lehrerin unterrichtet und Schamanin ist.
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs, Ende Februar, ist der Biohof im «Winterruhe-Modus». Aber schon bald erwachen hier die zahlreichen Hochstammobstbäume rund um den Betrieb zur Blüte. Krapfs ernten im Herbst jeweils, nebst Zwetschgen, auch Äpfel und Birnen, mit denen sie den Grosshandel beliefern. Möglichst viel Obst vermarkten sie direkt ab Hof. Auf den Hochstämmern, von denen viele der Vater von Stefan Krapf vor Jahrzehnten pflanzte, wächst auch reichlich Mostobst.
Betrieb mit grossem Netzwerk
Und von den Quitten- und Mirabellenbäumen produziert die Bäuerin Konfitüren für den Hofladen. Um Erntespitzen zu bewältigen, können Krapfs auf freiwillige Helfer und Helferinnen zählen. Sie verfügen über ein grosses Netzwerk an Personen, welche von der Betriebsphilosophie des Känguruhofs begeistert sind. Und es gibt Gönner und Paten für ihre Hoftiere. Auch haben sie immer wieder Zivildienstleistende, die auf dem Hof mithelfen.
Auf das Auszeit-Praktikum «Weitblick» melden sich Männer und Frauen, die sich durch verschiedene Arbeiten und Techniken wie Ayurveda, schamanische Reisen oder Coaching begleiten lassen möchten.
Stefan Krapf arbeitet zu 60 Prozent ausser Haus als Zimmermann. Biobäuerin Tamara Krapf ist Vollzeit auf dem Betrieb tätig. Weil sie häufig am Mittwochnachmittag oder an Wochenenden Kindergruppen und Hofführungen sowie Events und Agrotourismus anbieten, erstellen die beiden jeweils Wochenpläne, damit alle aneinander vorbeikommen.
Akzeptanz und Toleranz
Der Känguruhof erreichte in den letzten Jahren einigen Bekanntheitsgrad. Die Krapfs sind sich bewusst, dass sie mit ihrer «anderen» Landwirtschaft sowohl auf Anerkennung wie auch auf Ablehnung stossen. Es sei ihnen jedoch daran gelegen, sich im Dorf zu integrieren und zu informieren. «Es ist uns wichtig, dass man uns nicht als ‹Aussteiger› wahrnimmt. Wir akzeptieren unsere Nachbarn und bäuerlichen Freunde, auch wenn diese andere Meinungen und Auffassungen vertreten und sind für gegenseitige Toleranz», betonen Krapfs.
Betriebsspiegel Känguruhof
Name: Tamara und Stefan Krapf Ort: Bernhardzell LN: 14,5 ha Tiere: Kängurus, Kühe, Ochsen, Strausse, Wachteln, Enten und Bienen Kulturen: 330 Hochstammbäume, 1 ha Ackerfläche, 5 a Permakultur, zudem 1,5 ha Wald Weitere Betriebszweige: Agrotourismus mit Events, Kurse Mitarbeiter: 2 Teilzeit-Praktikanten, freiwillige Helfer Vermarktung: Hofladen Weitere Informationen: www.kaenguruhof.ch

