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Hirsche verkürzen den Alpsommer

Seit Jahren nimmt der Hirschbestand zwischen dem Oberen Emmental über das Entlebuch bis über die Grenze von Obwalden zu. Besonders im Frühling und im Spätsommer spüren die Alpbewirtschafterinnen und Alpbewirtschafter in dieser Region den Druck des Rotwildes. Eine Regulierung ist aber schwierig.


Er gilt als König des Waldes und macht mit seinem Geweih mächtig Eindruck – der Hirsch. Etwas andere Eindrücke hinterlässt er, wenn er zu Hunderten Alpweiden abgrast. Die Hirschpopulation in den Emmentaler Alpen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. «Vor 25 Jahren hat man in der Region Hohgant und den angrenzenden Gebieten zwischen Habkern und Sörenberg vom Hirsch kaum etwas bemerkt», erzählt Ueli Gfeller, Berner Grossrat und Landwirt aus Schangnau. Dann habe der Bestand stetig zugenommen. Einerseits gehöre ein grosses Gebiet entlang des Brienzergrates zum eidgenössischen Jagdbanngebiet Augstmatthorn/Tannhorn und andererseits habe der Hirsch in der Schweiz keinen natürlichen Feind, vermutet der Landwirt die Gründe für die Zunahme des Hirschbestandes in der Region.

Bestand hat sich in 3 Jahren verdoppelt

Den Rotwildbestand ermittelt das kantonale Jagdinspektorat mit Wärmebildkameras. «Die Zählung ist heute entsprechend genauer als früher, als noch mit Scheinwerfern gesucht und gezählt wurde», erklärt der Berner Jagdinspektor Niklaus Blatter, «und tatsächlich wächst der Hirschbestand stark – jedenfalls gesamtkantonal.» Im Jahr 2017 habe der Bestand im Kanton Bern 1’365 Hirsche betragen, letztes Jahr bereits 2’600 Tiere. Der Jagdinspektor geht von rund 1’500 Tieren aus, die sich alleine in den Wildräumen des östlichen Berner Oberlands und damit teilweise auch im betreffenden Gebiet zwischen Habkern und Sörenberg bewegen. «Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass wir effektiv eine Zunahme der Hirschpopulation im Sektor entlang der Emmentaler Alpen haben», sagt Niklaus Blatter, «der Sektor betrifft aber mehrere Kantone – Bern, Obwalden sowie Luzern – und darum ist es schwierig die Zahlen zu interpretieren.» Im Osten des Kantons Bern habe man aber wegen des steigenden Bestandes relativ früh angefangen, jagdlich stark einzugreifen. Das habe gerade im betreffenden Wildraum 11 in der Region rund um Habkern und in den Wildräumen 17 und 18, die das östliche Berner Oberland abdecken, zu einer gewissen Stabilisierung geführt. Die Zahlen könnten sich aber sehr schnell verändern: Beispielsweise ein milder Winter könne dazu führen, dass die Zahlen schnell wieder stark ansteigen.

Druck auf Alpbewirtschaftung

Man müsse die Faktoren deshalb sehr genau im Auge behalten, um den Bestand unter Kontrolle zu halten, meint Niklaus Blatter. Es brauche eine gute Bejagung und zusätzlich auch gewisse waldbauliche Veränderungen, der Kanton Bern sei entsprechend an einem integralen Wald-Wild-Konzept dran. Die betroffenen Alpbewirtschafter sähen die Bestandszahlen des Rotwildes allerdings gerne weiter unten: «Wir hatten in den letzten Jahren einen Futterverlust von 8 bis 12 Kuhtagen», erzählt Ueli Gfeller, «und diese Zahl ist zunehmend.» Der Landwirt muss heute seine 25 Kühe also fast zwei Wochen früher von der Alp abziehen als noch früher.

Der Hirsch sei den ganzen Sommer spürbar, es gebe aber zwei Phasen, in denen der Druck des Hirsches besonders hoch sei: Im Frühling und im Spätsommer. Im Frühjahr, noch bevor man mit dem Vieh zur Alp auffahre, steige der Hirsch vom Tal in Richtung Alpgebiet. Wegen der milden Winter sei er ausserdem auch immer früher aus seinem Überwinterungsgebiet zurück in den Alpwirtschaftsgebieten. Vor 10 Jahren habe die gesamte Hirschpopulation über den Winter nach Beatenberg oder in den Kanton Obwalden verschoben: «Mittlerweile zählt man im März und April in Bumbach und Schangnau bereits 30 bis 70 Tiere», sagt Ueli Gfeller. Und wenn das junge Gras schiesse, sei der Druck besonders gross – dann machen die Hirsche die sogenannte Erstäsung. Im Juni folge dann eine Entspannung. Wenn sich das Rotwild «setzt» und Jungtiere zur Welt bringt, hält es sich eher im bewaldeten Gebiet auf. Die zweite Phase, in welcher der Hirsch erneut grossen Druck auf die Alpbewirtschaftung ausübe, komme dann, wenn die Muttertiere mit ihren Kälbern wieder in die Weidezonen vorstiessen.

Schäden schwer abzuschätzen

Natürlich fresse der Hirsch auch gerne das beste Gras – exakt das Futter, das eigentlich für die Milchkühe vorgesehen wäre: «Leider kann man das Weidesystem noch so gut anpassen und einzäunen, wenn man nicht zur rechten Zeit Koppel wechselt, war der Hirsch bereits drin», erzählt Ueli Gfeller. Auch nach einem Heuschnitt dürfe man nicht zu lange warten, um etwa das Gras für die Kühe etwas länger und üppiger nachwachsen zu lassen, denn sobald das Gras schiesse, werde der Druck durch den Hirsch wieder zu gross. «Dazu kommt, dass der Hirsch auch sein Geschäft im besten Gras macht, er verkotet viel», klagt der Landwirt. Die Verschmutzung der Weiden durch Kot und Urin führe dazu, dass die Kühe dort nicht mehr gerne weiden.

Laut Jagdinspektor Niklaus Blatter gibt es im Moment trotz eines grossen Hirschbestandes betragsmässig aber nicht viele Schäden zu beklagen. «Natürlich wird in der fraglichen Region vor allem Graswirtschaft betrieben und da ist es sehr schwierig Schäden zu erfassen und zu kalkulieren», relativiert er. Der Kanton Bern zahle in dieser Region ungefähr 5’000 bis 10’000 Franken pro Jahr für Schäden aus (unter anderem die Alp Tannisboden liegt allerdings im Kanton Luzern). Das sei aber wenig im Vergleich dazu, was beispielsweise im Berner Seeland für Schäden bei Gemüse durch andere Tiere ausgezahlt werde. Trotzdem verstehe er die Bauern: «Es ist sicher frustrierend, wenn man viel Arbeit investiert hat und beispielsweise seinen Wald gut gepflegt und bewirtschaftet hat und dann der Hirsch kommt und Schaden anrichtet.»

Zuhinterst im Emmental an der Grenze zum Kanton Luzern und eingebettet zwischen Hohgant, Schrattenfluh und Brienzergrat fühlt sich der Hirsch besonders wohl und findet viele Rückzugsmöglichkeiten. (Bild lid/rh)

Schwierige Regulierung

Ob die Zahl der Hirsche im Kanton Bern tatsächlich zu gross ist, sei allerdings sehr schwierig zu beurteilen. «Wenn man einen Bauern fragt, dem die Hirsche das Gras fressen, ist jeder Hirsch einer zu viel», meint Niklaus Blatter und ergänzt: «Es gibt eine sogenannte Lebensraumkapazität und wenn diese überschritten wird, gibt es massivste Schäden.» Mit einer nachhaltigen Bejagung versuche man, den Bestand innerhalb dieser Lebensraumkapazität zu halten. Allerdings werde diese Lebensraumkapazität auch nie erreicht: Der politische Druck für eine Bejagung werde schon vor Erreichen dieser zu gross. Deshalb könne man durchaus argumentieren, dass es gesamtkantonal nicht zu viele Hirsche gibt. «Lokal gibt es aber durchaus Bestände, die einen entsprechenden Eingriff vertragen könnten», sagt Niklaus Blatter.

Die Regulierung des Hirsches gerade im Gebiet entlang der Emmentaler und Entlebucher Alpen gestaltet sich aber als schwierig. «Letzten Sommer wurde auf unserer Alp Tannisboden ein einziger Hirsch geschossen und auch auf Nachbaralpen gab es nur ganz wenige Abschüsse», sagt Ueli Gfeller. Und im Jagdbanngebiet sei es sowieso enorm schwierig Bewilligungen zu bekommen, sodass die Wildhüter Hirsche schiessen oder vergrämen könnten. Ein Hirsch zu schiessen, sei für die meisten Jäger eine enorme Herausforderung, ergänzt Niklaus Blatter. Das Tier sei enorm schlau und lerne extrem schnell: «Jäger müssen sich deshalb viel Zeit nehmen und sich sehr genau mit der Jagd auf Rotwild auseinandersetzen – der Hirsch verzeiht sehr viel weniger Fehler als andere Wildtiere.» Fälle von besenderten Tieren im Bündnerland hätten gezeigt, dass schon ein erhöhtes Verkehrsaufkommen vor der Jagd, die Tiere lehre, gewisse Gebiete zu meiden. Und auch die Hirschpopulation im Oberen Emmental und Entlebuch ist äusserst schlau: «Wenn im Herbst im Bernbiet auf der anderen Seite der Emme die Jagd aufgeht, vergeht ein Tag und dann sind die meisten Hirsche auf Luzerner Seite», erzählt Ueli Gfeller. So erhöhe sich der Druck auf seine Alp, die auf Luzerner Boden liegt, noch zusätzlich.

Nur den jagdlichen Druck erhöhen, sei aber auch nicht die Lösung und man erreiche damit unter Umständen das Gegenteil, gibt Niklaus Blatter zu bedenken: «Man weiss, dass bei erhöhtem Jagddruck Hirsche mehr weiblichen Nachwuchs zur Welt bringen und so schiessen dann die Bestände in die Höhe.» Kantonale Massnahmen beinhalteten deshalb auch den Anteil der weiblichen Tiere in der Jagdstrecke stärker zu erhöhen – gerade in den Gebieten des östlichen Berner Oberlandes habe man diese Zahl bereits erhöht. «Wir sind überzeugt, dass eine Regulation über die weiblichen Tiere erfolgt und nicht über die Geweihträger», erklärt Niklaus Blatter.

Hirsch versus Wolf

Seit fast 10 Jahren ist mit dem Wolf ein natürlicher Feind des Hirsches wieder in grösserer Zahl in der Schweiz unterwegs. Auch entlang der Emmentaler Alpen hat sich mit dem M76 ein Einzeltier «niedergelassen» und hat laut Niklaus Blatter bereits mehrfach nachgewiesen erfolgreich Hirschkälber gejagt. «Es ist aber nicht so, dass der Wolf einfach den Hirsch jagt – der Wolf nimmt, was er am besten erwischt», erklärt der Jagdinspektor, «trotzdem ist es so, dass er das einzige Tier ist, dass hierzulande den Hirsch jagt und im Rudel ist der Hirsch sogar das Hauptbeutetier des Wolfs.» Ein Wolfsrudel entlang in der Region Hohgant und Brienzergrat würde sicher zu einer besseren Verteilung führen und das Rotwild würde regelmässiger das Einstandsgebiet (Ruhe- und Rückzugsort des Wildes) wechseln, meint Niklaus Blatter. Das Beispiel des bündnerischen Calanda-Rudels habe gezeigt, dass sich das dortige Rotwild aus dem offenen Jagdgebiet in die Schutzgebiete zurückgezogen habe und die Jäger so nicht mehr eingreifen konnten. In den Schutzgebieten habe aber dann das Wolfsrudel die Regulierung der Hirsche übernommen und seither sei dort keine Sonderjagd zur Regulierung des Hirsches mehr nötig.

Hirsche sind ungemein schlau und lernfähig - das macht die Regulierung schwierig. (Bild Pixabay)

«Ein Wolfsriss ist emotionaler als fehlendes Gras»

Der Wolf ist aber seit jeher ein emotional diskutiertes Thema, entsprechend skeptisch ist Ueli Gfeller einem möglichen Wolfsrudel eingestellt. Zwar hatte er erst zweimal einen Schaden durch den Wolf zu beklagen. «Ein Wolfsriss ist aber sehr viel emotionaler als fehlendes Gras», sagt er. Er habe wegen der Risse heute auch keine eigenen Ziegen mehr und entlang des Hohgantes habe die Schaf- und Ziegenhaltung allgemein abgenommen, weil der Wolf ab und zu ein Tier reisse. Ueli Gfeller befürchtet ausserdem, dass bei einem grossen Hirschbestand auch die Wolfpopulation schnell wachsen würde, weil genug Nahrung da wäre. Daher sei ein Wolfsrudel für ihn keine Alternative, um den Hirsch in der Region stärker zu regulieren: «Vielleicht könnte man den Hirsch tatsächlich etwas verdrängen, aber zu wenig – und den Wolf möchten wir wegen der Nutztiere auch nicht.»

Die Vorstellung gehe zwar sehr weit, ein Wolfsrudel könnte aber durchaus zur Lösung des Problems beitragen, meint Jagdinspektor Niklaus Blatter. Ob ein Wolfsrudel im Kanton Bern dann aber auch die gewünschten Auswirkungen hätte, lasse sich kaum beantworten. Und man müsse sich die Frage stellen, welchen Ärger oder Probleme ein Wolfsrudel sonst noch nach sich ziehen würde.

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