«Du musst bei uns übernachten und schon am Freitagabend auf die Alp kommen», sagt Älplerin Anita Mäder am Telefon. Die Stimmung für die bevorstehende Alpabfahrt müsse man miterleben, das gehöre dazu. Gesagt, getan: Kurz nach Mitternacht treffen die vielen Helferinnen und Helfer auf der Alp Bire bei Familie Mäder ein.
Trotz der neuen Alphütte und der neuen Betten kommt im Männer-Massenlager keine richtige Hüttenromantik auf. Das Geschnarche raubt einem nicht nur den Schlaf, sondern strapaziert auch die Nerven. Ein Helfer meint trocken: «Jetzt gehts immer noch zwei Stunden, bis man endlich aufstehen kann.» Um fünf Uhr morgens ist Tagwache: Anita Mäder knipst im Männerschlag den Lichtschalter an. «Aufstehen.» Das sei ja fast wie im Militär, entgegnet ihr ein Helfer.

Viel Unterstützung von Freunden und Bekannten
Die Alp Bire liegt im Gantrischgebiet im Kanton Bern. Sie gehört der Alpgenossenschaft Bireberg und liegt auf 1650 Metern über dem Meer. Rund vier Monate dauert die Alpzeit hier oben. Hans und Anita Mäder sind seit 20 Jahren als Hirten angestellt. Vorher waren es die Eltern von Hans, die 40 Jahre auf der Bire gewirtschaftet hatten. In Albligen BE liegt Mäders Talbetrieb.
Am Samstag, 3. Oktober 2026, geht es dann mit einer eindrücklichen Alpabfahrt wieder ins Tal zurück. Mit 60 Ziegen und rund 120 Kühen und Rindern läuft man sage und schreibe 36 km bis nach Albligen, dem Winterquartier von Mäders, zurück. Jede Kuh und jedes Rind trägt dabei einen schönen Blumenschmuck und eine Innerschweizer Trychle oder Chlopfä. Den Aufwand nimmt die Hirtenfamilie gern auf sich.
«Die Tiere in Lastwagen zu verladen, das kommt überhaupt nicht infrage», sagt Anita Mäder bestimmt. Auch ihr Mann Hans hat das Chüjerblut in den Genen: «Die Alpabfahrt ist für uns ein würdiger Abschluss im Herbst.»
40 blumenbekränzte Melkstühle und 70 sogenannte «Tschäppel» wurden einen Tag vor der Alpabfahrt von flinken Frauenhänden angefertigt. «Ohne diese grosse Unterstützung von Freunden und Bekannten könnten wir eine solche Alpabfahrt nicht durchführen», sagt Anita Mäder dankbar.

Kurz nach neun Uhr geht es los
Nach einer Katzenwäsche am Morgen wird die ganze Mannschaft um 5.30 Uhr zum Frühstück gerufen. Drei Platten Rösti stehen schon auf dem Tisch. Alle Helfer(innen) werden mit einem Löffel ausgestattet und essen aus den Rösti-Platten. Unkompliziert geht es am Tag der Alpabfahrt zu und her.
Die Kühe und Rinder werden in den Stall geholt. Die Ziegen haben die Nacht schon in ihrem Schlag verbracht. Nun wird gemolken und den ersten Tieren werden die Trychlen umgehängt. Es herrscht eine unglaubliche Ruhe. Die Tiere wissen, dass es talwärts geht. Für das Befestigen der Melkstühle werden die Kühe aus dem Stall geholt. Dabei braucht es jede Hand.
Kurz nach neun Uhr kann es losgehen und die ersten Tiere werden losgebunden. Langsam setzt sich der ganze Zügeltross in Bewegung. Von der Bire geht es zuerst steil bergab. Doch die Tiere rennen nicht, sondern laufen gemächlich bergab. Jetzt geht es eben durch den Wald in Richtung Selibühl. Die Tiere trinken dort aus dem Alpbrunnen. Erst ab hier beginnt für die 60 Ziegen der Alpabzug.
Zügig laufen die kleinen Tiere vorneweg, wollen hier noch ein saftiges Kraut abfressen oder dort in den Wald entrinnen. «Wichtig ist, dass man die Leitgeiss im Zaum hält», sagt Hans Mäder. Denn alle Ziegen würden ihr folgen, auch wenn diese durch den Wald weglaufen würde.

Viele Leute säumen die Strassen
Die «Züglete» marschiert weiter durch den Wald, das Echo des Treichelgeläuts ist gewaltig, das Bergpanorama im Hintergrund sorgt für die nötige Kulisse. Viele Wanderer zücken ihre Handys, viele Bilder und Filme werden gemacht.
Über das Selital, Schwarzenbühl, erreicht der Zügeltross nach drei Stunden endlich Riffenmatt. Viele Schaulustige säumen hier die Strasse. Erst recht, da der Viehzuchtverein Guggisberg 2 an diesem Samstag in Riffenmatt sein 75‑jähriges Bestehen feiert. Jetzt geht es leicht bergauf, die Kühe und Rinder schwingen stolz ihre «Chlopfer».
Kurz vor 13 Uhr gibt es bei einem Bauernhof die erste Pause. Tiere, Helferinnen und Helfer ruhen sich hier gut eine halbe Stunde aus. Doch Hans Mäder drängt auf die Weiterreise, denn man will noch vor der Dunkelheit in Albligen ankommen. Um 15.30 Uhr durchquert man Schwarzenburg BE. Die halbe Dorfbevölkerung hat schon auf Mäders gewartet.
Auch hier zieht der Alpabzug eine unglaublich grosse Menschenmenge an. Die Leute winken, grüssen und von überall wird einem zu trinken angeboten. Eine Stunde später kommt der Tross in Lanzenhäusern BE an. Hier wird den Tieren eine Stunde Pause gegönnt. Für die Hälfte der Rinder ist hier die Alpabfahrt zu Ende. Ihre Besitzer warten schon mit der Viehbänne auf sie.

Das halbe Dorf wartet auf Mäders
Für die restlichen Kühe, Rinder und Ziegen geht der Weg weiter in Richtung Albligen. Um 19.30 Uhr trifft der Zügeltross endlich im Dorf ein. Das halbe Dorf ist auf den Beinen und will seine Nachbarn mit Applaus empfangen. Der Betrieb von Mäders befindet sich etwas abseits von Albligen.
Kurz vor 20 Uhr ist es geschafft. In leichter Dämmerung ist der Betrieb in Sicht. Unglaublich, wie die Tiere den 36 km langen Fussmarsch mit Leichtigkeit schafften. Sie hatten wahrscheinlich auch keine schlaflose Nacht hinter sich wie einige Helferinnen und Helfer – wegen des Geschnarches. Doch das Schlafmanko nimmt man gern in Kauf, wenn man so eine «Züglete» miterleben darf.





























