Ein wolkenloser Junitag, kurz nach Mittag. Auf dem Scheunendach arbeiten die Module mit voller Leistung, der Wechselrichter meldet Höchstwerte. Die Güllepumpe steht still, der Milchtank ist gekühlt, im Haus läuft kaum ein Gerät. Fast der ganze Strom geht ins Netz. Ab dem nächsten Jahr bringt er dort so wenig wie nie zuvor, und in manchen Stunden kostet das Einspeisen sogar Geld.
Grund dafür ist die Umstellung auf die sogenannte dynamische Abnahmevergütung per 1. Januar 2027. Bisher galt für jede eingespeiste Kilowattstunde ein fester Preis pro Quartal, egal zu welcher Tageszeit sie floss. Neu zählt der Börsenpreis in genau der Stunde, in der der Strom ins Netz geht. Dieser Preis wird am Vortag versteigert, und er fällt dann am tiefsten, wenn alle Solaranlagen gleichzeitig liefern. Fachleute nennen das den Kannibalisierungseffekt: Der Solarstrom drückt seinen eigenen Wert.
Wie stark, zeigen die Zahlen des Bundesamts für Energie. Im ersten Quartal 2025 war eine eingespeiste Kilowattstunde Solarstrom im Schnitt 10,4 Rappen wert, im zweiten Quartal noch 2,8 Rappen. Im Herbst stieg der Wert wieder auf 9,5 Rappen. Die Anlage liefert also dann am meisten, wenn der Markt am wenigsten bezahlt.
Vom Sparbuch zum Betriebszweig
Agro Clean Tech, die Fachstelle für Energie und Klimaschutz in der Landwirtschaft, hat die Folgen für Bauernbetriebe in einem Merkblatt durchgerechnet. Die Solaranlage, heisst es darin, sei kein Sparbuch mehr, sondern ein Betriebszweig, den man bewirtschaften müsse.
Was sich bewirtschaften lässt, ist vor allem der Eigenverbrauch. Jede Kilowattstunde, die auf dem Hof bleibt, spart je nach Tarif 15 bis 35 Rappen für zugekauften Strom. Eingespeist brachte sie 2025 nur 6,5 bis 8 Rappen.
Daraus ergibt sich eine überraschende Rechnung: Die kleine Anlage verdient pro Kilowattstunde deutlich mehr als die grosse. Im Beispiel des Merkblatts löst eine Anlage mit 25 Kilowatt Spitzenleistung 14 Rappen pro produzierter Kilowattstunde aus, eine mit 100 Kilowatt nur 9,8 Rappen.
Die kleine Anlage verbraucht anteilsmässig mehr Strom selbst. Zudem profitiert sie von der Minimalvergütung, einem Sicherheitsnetz für Anlagen unter 150 Kilowatt: Fällt der Marktpreis eines Quartals unter 6 Rappen, wird die Differenz nachbezahlt. Bei grösseren Anlagen sinkt diese Schwelle mit der Leistung. Bei 100 Kilowatt liegt sie mit 1,8 Rappen so tief, dass sie 2025 nie griff.
Rechnungen aus einer anderen Zeit
Unbequem wird das Merkblatt dort, wo es um alte Erwartungen geht. Viele Betriebe hätten ihre Anlage mit 15 bis 25 Rappen pro Kilowattstunde budgetiert. Diese Zahlen stammen laut Agro Clean Tech aus zwei Ausnahmen: erstens die Krisenjahre 2022 und 2023, als die Strompreise explodierten, und zweitens sind das die Verträge der früheren kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV).
Läuft ein solcher Vertrag aus, fällt die Vergütung ohne Übergang auf Marktniveau, also auf 4 bis 6 Rappen, im Sommer noch tiefer. Wer eine Finanzierung abzahlt, die auf den alten Werten beruht, soll sie jetzt überprüfen.
Der goldene Käfig
Am heikelsten ist die Lage für Betriebe mit hoher Einmalvergütung. Diese Förderung deckt bis zu 60 Prozent der Investition statt der üblichen 30 Prozent – ein verlockendes Angebot. Im Gegenzug muss die Anlage aber 20 Jahre lang allen Strom ins Netz einspeisen.
Eigenverbrauch und der Verkauf an Nachbarn sind damit ausgeschlossen, also genau jene Hebel, die unter dem neuen System am meisten bringen. Wer heute vor diesem Entscheid steht, soll laut Merkblatt mehrere Preisszenarien rechnen lassen und nicht auf die Annahmen in den Offerten vertrauen.
Ganz ohne Netz arbeiten Anlagen ab 150 Kilowatt. Für sie gibt es keine Minimalvergütung, jede Kilowattstunde, die zu negativen Preisen ins Netz fliesst, kostet direkt Geld. Bis Ende des Jahres sollte bei ihnen eine automatische Abregelung eingerichtet sein. Bei kleinen Anlagen bleibt das Problem überschaubar: Für eine Anlage bis 30 Kilowatt hätte sich das Abschalten 2025 in 36 Stunden gelohnt.
Gülle pumpen, wenn die Sonne scheint
Vieles lässt sich ohne Investition ändern. Das Merkblatt rät, Güllepumpe und Rührwerk über Mittag laufen zu lassen, den Eisvorrat für die Milchkühlung in den Sonnenstunden aufzubauen und Hoflader und Akkugeräte mittags statt abends zu laden. Für den Anfang genügt eine Zeitschaltuhr. Ab 30 Kilowatt empfiehlt Agro Clean Tech ein Energiemanagementsystem, das Boiler, Wärmepumpe und Batterie automatisch nach dem Strompreis steuert.
Wer einen Batteriespeicher anschaffen will, hat wenig Zeit. Die Förderung über die Strukturverbesserungen läuft laut Merkblatt Ende 2026 aus, die Kontingente sind begrenzt. Das Gesuch muss beim kantonalen Landwirtschaftsamt eingehen, bevor der Speicher gekauft wird.
Das Merkblatt «PV-Strom vom Hof: Was sich 2027 ändert» ist auf Deutsch und Französisch bei Agro Clean Tech erhältlich: www.agrocleantech.ch

