Zwischen Schafen, Yaks und Politik – Tagung zum UNO-Jahr der Hirten

Ein Schweizer Schafhirte und ein kirgisischer Yakhirte treffen in Naters aufeinander. Trotz Tausender Kilometer Entfernung verbindet sie die Sorge um die Zukunft ihrer Weiden und ihrer Arbeit.

Zwischen Schafen, Yaks und Politik – Tagung zum UNO-Jahr der Hirten

Im ersten Stock des World Nature Forum in Naters VS, mitten im Museum, steht ein langer Tisch. Zwischen Schweizer Politikerinnen und Landwirtschaftsvertretern sitzen an diesem Tisch zwei Männer, die ihr Leben mit Schafen und Yaks auf den Weiden verbringen: Misael Peter, Schafhirte aus der Schweiz, und Baatyrbek Akmatov, Schaf- und Yakhirte aus Kirgistan.

Praktiker, Politik und Wissenschaft an einem Tisch

Auf den ersten Blick ist es eine ungewöhnliche Runde. Doch sie alle sind aus einem wichtigen gemeinsamen Interesse an diesem Tisch zusammen: das UNO‑Jahr der Weiden und Hirten. Die Tagung Ende September wurde organisiert vom Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband (SAV), der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), dem Schweizer Bauernverband (SBV) und der Hilfsorganisation Helvetas.

Die Tagung ist der Höhepunkt dieses UNO‑Jahres, an der verschiedene Akteure aus Praxis, Politik, Wissenschaft und internationalen Organisationen gemeinsam über die Zukunft der Weidewirtschaft diskutieren.

Ein Blick von Aussen

Die beiden Hirten, die zwischen den Politikern auf der Bank sitzen, erzählen von den Unterschieden in ihrer Arbeit und von den Herausforderungen, die sie trotz aller Unterschiede verbinden. Baatyrbek Akmatov hat in den Tagen zuvor in der Schweiz eine Yakalp und zwei Betriebe im Berggebiet besucht.

Er beginnt zu erzählen, seine Übersetzerin sitzt neben ihm. Die beiden Länder seien sich ähnlich, was Berge, Flüsse und Weiden angehe. Aufgefallen ist ihm vor allem ein Unterschied: «In der Schweiz gehören die Weiden und somit auch die Verantwortung den Hirten. Bei uns in Kirgistan gehören sie den Gemeinden.» Ganz so einfach ist das zwar nicht. In der Schweiz gehören viele Alpen Genossenschaften, Kooperationen oder Gemeinden. Die Hirten sind meist angestellt.

Akmatov hat beobachtet, dass Schweizer Hirten ihren Weiden Sorge tragen und dass es für die Bewirtschaftung klare Standards gibt.

Der Hirte Baatyrbek Akmatov mit seiner Übersetzerin in Naters. (Bild: Alissa Scheuermeier)

Wenn die Tiere nachts wach sind

Baatyrbek Akmatov erzählt von seiner Arbeit in Kirgistan. Die Arbeitstage seien lang, bis spät in die Nacht. Er habe das Gefühl, dass die Hirten in der Schweiz nachts ruhig schlafen könnten, wenn sie ihre Tiere abends nach Hause gebracht hätten. Er mache sich nachts immer sehr viele Sorgen über seine Tiere, denn die kirgisischen Weiden seien offen und gross. Es gebe nachts viele Gefahren für die Tiere. «Wenn wir schlafen, leben die Tiere ein anderes Leben, die sind wach.»

Zu diesen Sorgen gehört auch der Wolf. «Die Hirten dürfen die Wölfe in Kirgistan schiessen und erhalten pro geschossenem Wolf eine Prämie.» Doch die Wölfe seien nicht das einzige Problem. Der Klimawandel und verschiedene Krankheiten beschäftigten die Hirten in Kirgistan mehr, sagt Akmatov. Es sei momentan nicht einfach. «Aber es macht mich nicht traurig. Es ist so, wie es ist, und wie sich die Welt verändert», sagt er mit einem Lächeln. «Wir müssen einfach unsere Wege finden.»

Gemeinsame Sorgen um die Zukunft

Schnell wird klar, dass die Herausforderungen, die der kirgisische Hirte Akmatov aufzählt, aus Schweizer Sicht vertraut klingen. Er sieht vor allem bei der Nachfolge ein Problem. «Die junge Generation will sich nicht mehr anstrengen», sagt er.

Misael Peter nickt. Der 39-Jährige hat selbst 80 Schafe und ist Hirte auf der Alp Aletschji, die der Burgergemeinde Naters gehört. Auch er sieht die Situation der Nachfolge als eine der grösseren Sorgen der Zukunft. «Es gibt zum Glück noch junge Hirten und Hirtinnen, aber sie sind selten.» Auch die Zahl der Tiere gehe zurück: «Es hat immer weniger Schafe, aber ich hoffe, in Zukunft wird das besser, mit mehr jungen Züchtern.»

Für die Zukunft wünscht er sich weiterhin Schafe und Hirten auf den Bergen. «Für das brauchen wir die Politik», hält er fest.

Was kann die Politik tun?

Die Frage, was die Politik beitragen kann, zog sich durch die Tagung in Naters. Es ging um die wirtschaftlichen Bedingungen der Alpwirtschaft, um Unterstützung für Betriebe und darum, wie die Leistungen der Weidewirtschaft künftig abgegolten werden. Christian Hofer, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, verwies in seinem Referat zur Agrarpolitik 2030+ unter anderem auf geplante höhere Beiträge für verkäste und silofreie Milch sowie auf zusätzliche Mittel für Steillagen und Strukturverbesserungen.

In Fachreferaten, die im Rahmen gehalten wurden, ging es um Wege zu einer zukunftsfähigen Weidewirtschaft. Die Teilnehmenden konnten ihre Anliegen direkt in den Entwurf einer «Deklaration für eine lebendige und zukunftsfähige Weidewirtschaft in der Schweiz» einbringen, die anschliessend auf dem Podium diskutiert wurde.

Die UNO hat 2026 zum internationalen Jahr der Weiden und Hirten erkoren. (Bild: Schweizer Bauernverband)

Mehr als nur Futter für Tiere

Bei der Diskussion zeigte es sich, dass es um mehr geht als nur Wirtschaftlichkeit. Aus dem Publikum wurde der Wunsch geäussert, die Bedeutung der Weiden für den Klimaschutz in die entstehende Deklaration aufzunehmen. Die Berner Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher, Vizepräsidentin der SAB, unterstützte den Vorschlag: Bei der Kohlenstoffspeicherung schaue man oft auf die Wälder, dabei könnten die Weiden auch einen wichtigen Beitrag leisten.

Ein weiteres Thema, das das Publikum beschäftigte, sind standortangepasste Nutztiere. In schwer zugänglichen Gebieten haben Kleinwiederkäuer gegenüber dem Rindvieh Vorteile. Sie sind auch eine wichtige und effektive Massnahme gegen die Verbuschung. Welche Tiere eingesetzt werden, ist damit nicht nur eine Frage der Tierhaltung, sondern auch der Landschaftspflege.

Über die Grenzen hinaus lernen

Der Blick über die Grenzen zog sich ebenfalls durch den Tag. Per Video zugeschaltet wurde Patrik Rohr, der ehemalige Fernsehmoderator, der ein Helvetas-Projekt mit Hirten im Süden Äthiopiens besucht hatte. Gemeinsam mit Organisationen wie Helvetas müsse der Blick über die Landesgrenzen hinausgehen, sagte Badertscher. Hirten verfügten über viel Erfahrungswissen zu Tiergesundheit, Umwelt und dem Umgang mit klimatischen Veränderungen. Gerade dort, wo Trockenheit und Wassermangel bereits heute grosse Herausforderungen sind, könne dieses Wissen auch für andere Regionen interessant sein.

Was in der Schweiz funktioniert, ist nicht überall die Lösung. Umgekehrt kann der Blick von aussen Neues zeigen. Baatyrbek Akmatov staunte bei seinem Besuch darüber, wie gepflegt die Schweizer Weiden sind. «Es ist alles gut bewirtschaftet in der Schweiz, bis zum letzten Stein in den Bergen», sagte er. Dann stellte er eine Frage: «Wo ist das Wildleben? Wo hat sich das versteckt in der Schweiz?» So unterschiedlich sind die Länder.

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