Die im Diemtigtal im Berner Oberland aufgewachsene Ursula Raemy hatte schon als Kind einen grossen landwirtschaftlichen Bezug, half sie doch ihrer Grossmutter immer im Stall mit. Beruflich führte sie der Weg über verschiedene Abend- und Buchhaltungsschulen sowie Ausbildungen über den Umgang und Sport mit behinderten Menschen.
1996 heiratete Ursula Raemy den gelernten Schreiner Lienhard Raemy. Später kam Sohn Patrice auf die Welt und sieben Jahre später kauften sie die wunderbar gelegene Liegenschaft im «Weidli» in Schwarzsee FR.
Einen Ziegenhof aufgebaut
«Ich hatte schon immer ein Flair für Ziegen und stellte meinem Mann das Ultimatum, dass ich nur ‹mitziehe›, wenn wir Ziegen anschaffen», sagt Ursula Raemy mit einem Augenzwinkern. So wurden in mehreren Etappen 14 Tage alte Gitzi zugekauft, bis um die 70 Tiere auf dem Hof waren, die von Ursula Raemy liebevoll aufgezogen wurden.
Eine Scheune mit Ziegenstall, eine Buvette, eine Käserei und eine Garage wurden gebaut. Heute empfangen Raemys im Buvette-Beizli auf Voranmeldung auch Gäste zum Essen. Die eigenen elf Kühe werden zusammen mit auswärtigen Rindern gesömmert. Sohn Patrice ist gelernter Baumaschinen-Mechaniker und Landwirt. Er wird den Betrieb später übernehmen.

Ein Auge auf Eiweiss und Fett
Seit 2009 behalten Raemys alle Zuchttiere, ziehen jährlich 20 Ziegen nach und schlachten die alten Ziegen. Auf diese Weise wird die Zucht stetig erneuert und vergangenes Jahr wurden gesamthaft 190 Gitzi aufgezogen. Aktuell sind es mit Jungzucht und Böcken 158 Tiere.
Ursula Raemy liebäugelte auch mit anderen Rassen, aber sie sah die Problematik mit dem Erhalten der Reinheit und dem Arbeitsvolumen durch separate Weiden und das externe Besamen. «Wir entschieden uns schlussendlich für die Gämsfarbenen. Einerseits wegen der Fellfarbe und andererseits sind uns Fett und Eiweiss wichtig, denn der Milchgehalt bestimmt den Milchpreis», erklärt Lienhard Raemy. So sei der Eiweissgehalt doch höher als bei den Saanenziegen, die dafür mehr Milch geben würden.
Hervorragende Milchleistung
Die Ziegen werden von Raemys zweimal täglich gemolken und die Milch wird im gekühlten Tank durch den Vertragspartner Emmi abgeholt. Aus dieser Milch wird Ziegenkäse produziert, der bekannte «Le petit chevrier». Familie Raemy hat dabei etliche Glocken mit Auszeichnungen vom Zuchtverband für die hervorragende Milchleistung ihrer Ziegen erhalten.
Die Böcke werden ab einem bestimmten Gewicht geschlachtet und durch den Verein «Naturfreunde» abgekauft. Einige wenige werden für die Direktvermarktung verwendet und von den alten Ziegen gibt es geräucherte Ziegenwurst. Raemys kaufen keine fremden Ziegen hinzu wegen der Krankheit Pseudotuberkulose, da sind sie konsequent. Und wenn sie mal einen Bock anschaffen, lassen sie Blutproben nehmen, bevor er in den Stall kommt.

Handzahm von klein auf
Im Oktober werden die kleinen Zicklein erwartet, eine schöne, aber auch aufwendige Zeit: «Wir sind ein eingespieltes Team hinsichtlich der Geburten und dem Schoppengeben. Mein Mann ist ein richtiger Geburtshelfer-Profi», sagt Ursula Raemy.
Zum Melken stehen Raemys um 3:30 Uhr auf, wenn Gitzi anstehen, auch um zwei Uhr morgens. «Aber die Ziegen liegen mir so am Herzen, da macht man das», sinniert Ursula Raemy. Ihr Mann entscheidet, wann die Gitzi zum Schöppele zu seiner Frau kommen müssen: «Manche lernen das Schöppele schnell; andere, vorwiegend Böcke, sind etwas langsamer und nehmen es gemächlicher beim Trinken», meint sie.
Die Gitzi sind von Tag eins an handzahm und den Umgang mit Menschen gewohnt. Das sei ideal für die Schulen und privaten Gruppen, die sich via Tourismus Schwarzsee anmelden würden, um auf Raemys Betrieb ein paar schöne Stunden zu verbringen. Zuschauen beim Melken, kleine Ziegen mit der Flasche füttern oder etwas im Stall helfen – strahlende Kinderaugen sind garantiert.
«Manchmal notiere ich mir die Vornamen der Kinder, die hier waren, für die Namensgebung bei den Ziegen. Und wenn die Kinder dann vielleicht nach einem Jahr wiederkommen, sehen sie die Tiere mit ihrem Namen», sagt Raemy.
Auch schon Vierlinge gehabt
Das Tierwohlprogramm BTS unterstützt besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme, Raemys Ziegenhof erfüllt diese Bedingungen. Die Tiere sind nicht angebunden, haben auf der Terrasse einen Laufhof für freie Bewegung, können auf die Weide und der Stall ist überall sauber.
Im Durchschnitt liegt die Anzahl Zicklein pro Geburt bei ein oder zwei Tieren. Drillings-Zicklein oder Vierlingsgeburten sind grundsätzlich auch möglich: «Wir hatten schon einmal vier ‹kleine Mädels› auf einmal. Sie tranken gut, bekamen eine wärmende Bettflasche im Stall und alle haben überlebt», so Ursula Raemy. Zweimal musste sie auch schon den Tierarzt für einen Kaiserschnitt rufen. «Das rentiert wirtschaftlich nicht, aber weil die beiden Ziegen uns ans Herz gewachsen waren und es verdient hatten, entschieden wir uns für die Operation», sagen Raemys.
Viele Anekdoten zu erzählen
Vergangenes Jahr kam ungeplant mitten im Sommer ein Gitzi zur Welt, das bei der Herde bleiben konnte, nicht enthornt wurde und das nun die einzige Ziege mit Hörnern im Stall ist. Wenn sie im Melkstand sei, schlage sie sachte mit den Hörnern an die Maschine, damit mehr Futterkörner herauskommen, erzähltz Ursula Raemy. Andere Ziegen würden es ihr nachmachen.
Eine weitere Anekdote weiss sie über eine Ziege zu berichten, die das Tor im Melkstand selbst öffnen kann. Im Weiteren können sich die Ziegen in zwei Liegebereichen aufhalten und wenn das Tor zugemacht wird, begeben sie sich in den Melkstand. «Die Tiere kennen mich gut und wenn die Herde etwas unruhig ist, sage ich nur ‹meine Lieben› – dann kehrt sofort wieder Ruhe ein», so Ursula Raemy.
Betriebsspiegel
Name: Raemy’s Ziegenhof, Ursula und Lienhard Raemy mit Sohn Patrice
Ort: Schwarzsee FR, Bergzone III
Produktionsform: ÖLN
LN: 18 ha und 25 ha Sömmerungsbetriebe
Tierbestand: 11 Kühe, 10 Rinder, 158 Ziegen
Sonstiges: Buvette-Beizli

