Eigentlich wäre die Trockenheit allein schon Herausforderung genug. Auf der Métairie du Grand Coeurie im Neuenburger Jura ist Mitte August vielerorts mehr Braun als Grün zu sehen. Das Gras wächst kaum noch, Wasser ist knapp, und die Sömmerungszeit dürfte sich um mehrere Wochen verkürzen. Doch wenn Rodolphe Frick über diesen Alpsommer spricht, landet das Gespräch schnell bei einem Problem, das ihn noch stärker beschäftigt: dem Wolf.

Nicht bei irgendeinem Wolf irgendwo in den Alpen. Sondern bei einem Tier, das gelernt hat, Rinder zu jagen. Mehrere Kälber wurden getötet. Die Bissverletzungen zeigen, wie sie starben. Dazu kam ein Gusti, das in schwierigem Gelände tödlich abstürzte. Ob es tatsächlich vor einem Wolf geflüchtet war, lässt sich nicht beweisen. Für Frick ist der Wolf trotzdem längst keine abstrakte politische Diskussion mehr. Er ist mitten in seinem Arbeitsalltag angekommen.
Der Hirte und die Bauernfamilien tragen das Risiko
Rodolphe Frick steht in dieser Geschichte dort, wo die Folgen unmittelbar spürbar werden. Der 75-Jährige betreut die Sömmerungstiere auf Grand Coeurie. Seine Familie hirtet dort seit 1941. Je nach Zeitpunkt befinden sich zwischen 70 und 180 Tiere auf den rund 82 Hektaren Weideland.

Nach einem Wolfsangriff fehlt nicht einfach ein Tier. Die ganze Herde kann während Tagen nervös und schwierig zu handhaben sein. Tiere durchbrechen Zäune, verteilen sich im Wald oder reagieren beim Zusammentreiben unberechenbar.
Eines der getöteten Tiere war das Swiss-Fleckvieh-Kalb Warna der Familie Häberli aus Münchenbuchsee. Für die Besitzerfamilie blieb der Wolfsangriff nicht auf den Verlust dieses einen Kalbes beschränkt: Nach dem Riss holten Häberlis ihre fünf anderen Kälber von der Sömmerungsweide nach Hause. Damit zeigt Warna exemplarisch, wie ein einzelner Wolfsriss die ganze Sömmerungsplanung einer Tierhalterfamilie verändern kann.
Und der Druck bleibt auch nach einem Riss bestehen. Am 12. August 2026 wurde direkt bei der Hocheinfahrt der Scheune frischer Wolfskot entdeckt. Für den Hirten ist das ein unmissverständliches Zeichen: Das Raubtier bewegt sich unmittelbar beim Gebäude und damit mitten im Bereich, in dem Mensch und Vieh täglich unterwegs sind.

Dazu kommt die Trockenheit. 55 Tiere mussten wegen Wassermangels bereits vorzeitig abgezogen werden. Für die verbliebenen Tiere wird Wasser mit Tanklastwagen heraufgebracht – jeweils 12 000 Liter aufs Mal. Rodolphe Frick trägt damit gleich mehrere Risiken: Er muss Wasser und Futter sicherstellen, die Tiere kontrollieren und gleichzeitig damit rechnen, dass in der nächsten Nacht erneut ein Wolf zuschlägt.
Loïc Fahrni muss beweisen, was der Bauer längst sieht
Eine ganz andere Rolle hat Wildhüter Loïc Fahrni. Er steht zwischen der Realität auf der Weide und den Anforderungen des Rechtsstaates. Fahrni sieht die getöteten Tiere, kennt die betroffenen Bauern und erlebt deren Verzweiflung. Trotzdem kann und darf er nicht aufgrund eines Verdachts handeln. «Wir sind für die Not der Landwirte sensibilisiert, aber unsere Arbeit muss objektiv bleiben», beschreibt er seine Aufgabe.
Risse müssen dokumentiert, genetische Proben genommen und ausgewertet werden. Erst daraus entsteht die Grundlage für einen Abschussentscheid. Das ist fachlich richtig und notwendig. Denn der Abschuss des falschen Wolfes kann das Problem sogar verschärfen. Wird ein wichtiges Elterntier eines Rudels getötet, können sich unerfahrene Jungtiere verstreuen. Deshalb muss, wenn geschossen wird, möglichst das tatsächlich problematische Tier getroffen werden. Genau darin liegt aber auch das Dilemma: Während Beweise gesammelt, DNA-Proben analysiert und Gesuche bearbeitet werden, stehen die Rinder Nacht für Nacht weiter auf derselben Weide.
M583 ist kein unbekannter Wolf mehr
Im Fall des Brévine-Rudels hat das problematische Tier inzwischen eine Nummer: M583. Es handelt sich um den dominanten Rüden des Rudels. DNA-Untersuchungen konnten ihn bei mindestens zwei Angriffen eindeutig nachweisen. Nach Einschätzung des Kantons zeigt das Tier ein unerwünschtes Jagdverhalten gegenüber Rindern. Deshalb beantragte Neuenburg beim Bund die Entnahme des Leitwolfs.
Damit verändert sich die Ausgangslage entscheidend. Es geht nicht mehr um die allgemeine Frage, ob irgendwo ein Wolf ein Nutztier gerissen haben könnte. Das Tier ist genetisch identifiziert, sein problematisches Verhalten dokumentiert und der Antrag des Kantons ist gestellt. Spätestens hier muss die Frage erlaubt sein: Wie lange darf ein solcher Entscheid dauern?
Der Kanton handelt – der Bund lässt warten
Damien Humbert-Droz nimmt in diesem Konflikt eine dritte Rolle ein. Er ist selbst Landwirt, Neuenburger Grossrat und Vizepräsident des Schweizer Bauernverbandes. Er kennt damit sowohl die praktische Seite der Tierhaltung als auch die politischen und administrativen Abläufe.
Den Neuenburger Behörden stellt er grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus. Die Unterstützung der Bauern funktioniere, Entschädigungen würden ausgerichtet, und auch das Abschussgesuch für M583 sei nach Vorliegen der DNA-Ergebnisse gestellt worden. Seine Kritik richtet sich deshalb klar nach Bern: «Ungenügend ist das Tempo der Bundesverwaltung.»
Diese Kritik verdient Beachtung. Die Bauernzeitung stellte dem Bundesamt für Umwelt BAFU konkrete Fragen: Warum verstreicht so viel Zeit bis zur Erteilung einer Abschussbewilligung? Und wäre es nicht sinnvoll, den Kantonen mehr Kompetenz für solche Entscheide zu übertragen? Das BAFU erklärte dazu, dass die Kantone bei schadenstiftenden Einzeltieren in eigener Kompetenz Abschüsse verfügen können. Bei Tieren, die einem Rudel angehören, brauche es aber vorgängig die Zustimmung des BAFU. Die Bearbeitung und Prüfung des Gesuchs würde maximal 15 Arbeitstage dauern. Das heisst, dass während maximal 21 Nächten der Stress und die Angst auf Grand Coeurie und anderen Bergen bleibt.
Gerade bei einem derart zeitkritischen Fall ist, laut Rodolphe Frick, diese lange Reaktionszeit schwer verständlich. Von den Bauern, Wildhütern und kantonalen Behörden werde verlangt, rasch und korrekt zu handeln. Risse müssten sofort gemeldet, Kadaver untersucht, Proben genommen und Anträge sauber begründet werden. Dann sollte auch die zuständige Bundesbehörde in der Lage sein, innert nützlicher Frist Stellung zu nehmen, meint er. Denn ein Wolfsangriff halte sich nicht an Bürozeiten und ein problematischer Wolf warte nicht auf den Abschluss eines Verwaltungsverfahrens.
Herdenschutz hat auf Juraweiden Grenzen
Als scheinbar einfache Antwort auf Wolfsrisse wird oft der Herdenschutz genannt. Bei Schafen können elektrifizierte Netze und Herdenschutzhunde funktionieren. Bei grossen Rinderherden auf weitläufigen, teilweise bewaldeten Juraweiden sieht die Realität anders aus. Rodolphe Frick hält Herdenschutzhunde bei seinen Tieren kaum für praktikabel. Auch das nächtliche Zusammennehmen von 70, 100 oder noch mehr Rindern ist keine realistische Dauerlösung. Gerade während Hitzeperioden wäre die Nacht eine wichtige Weidezeit, weil die Tiere tagsüber Schatten suchen. «Das kann ich mit dieser Menge an Tieren nicht machen», sagt Frick.
Auch Humbert-Droz kommt zum Schluss, dass sich die üblichen Herdenschutzrezepte nur beschränkt auf die Rindersömmerung übertragen lassen: Sicheres Einzäunen ist auf diesen Flächen kaum möglich, nächtliches Einstallen verursacht enormen Aufwand und Herdenschutzhunde passen schlecht zum bestehenden System.
Die Sömmerung steht auf dem Spiel
Die Konsequenzen reichen deshalb weit über einzelne gerissene Tiere hinaus. Manche Bauern kontrollieren ihre Sömmerungsweiden inzwischen zweimal täglich und fahren bei Einbruch der Dunkelheit nochmals zu den Tieren. Gleichzeitig muss der Heimbetrieb weiterlaufen. «Die Müdigkeit macht sich bemerkbar», schreibt Humbert-Droz.
Wenn dieser Aufwand zum Normalfall wird, stellt sich irgendwann nicht mehr nur die Frage nach dem Wolf, sondern nach der Zukunft der Sömmerung. Die Juraweiden liefern den Betrieben während 120 bis 140 Tagen einen wesentlichen Teil des Futters. Ohne Beweidung würde sich zudem die Kulturlandschaft grundlegend verändern.

Wenn geschossen wird, muss es der richtige sein
Die Forderung nach einem Abschuss bedeutet deshalb nicht, wahllos Wölfe zu erlegen. Fahrnis Haltung macht deutlich, dass Regulierung gezielt erfolgen muss. Der Wildhüter muss den richtigen Wolf identifizieren – und letztlich auch den richtigen treffen. Im Fall M583 sind die Voraussetzungen dafür weitgehend geschaffen. Das Tier ist genetisch identifiziert, sein Verhalten dokumentiert und der Abschuss beantragt.
Humbert-Droz fordert deshalb dessen Entnahme «so schnell wie möglich». Er befürchtet zudem, dass ein Wolf sein erfolgreiches Jagdverhalten an Jungtiere weitergeben kann. Bereits im Herbst 2025 wurden vier Jungwölfe des Brévine-Rudels geschossen. Trotzdem folgte 2026 eine Serie von Angriffen auf Rinder. Für Humbert-Droz ist deshalb offen, ob der Abschuss von M583 allein ausreichen wird. Falls die Angriffe weitergehen, müsse das Rudel stärker reguliert werden.
Seine Position ist dabei keineswegs die Forderung nach einer erneuten Ausrottung des Wolfes: «Die Zeit von ‹Null-Wölfe› ist vorbei, aber ebenso vorbei ist die Zeit von ‹Null-Abschüssen›.»
Jeder hat seine Aufgabe – aber die Zeit läuft
Auf Grand Coeurie werden die unterschiedlichen Rollen dieses Konflikts besonders deutlich. Rodolphe Frick muss seine Tiere versorgen und trägt jeden Morgen das Risiko, einen neuen Riss zu entdecken.
Loïc Fahrni muss objektiv dokumentieren, Proben sichern und dafür sorgen, dass bei einer Regulierung nicht irgendein, sondern möglichst der richtige Wolf geschossen wird. Damien Humbert-Droz muss als Bauernvertreter und Politiker Druck aufbauen, damit aus dokumentierten Problemen politische Konsequenzen entstehen.

Der Kanton wiederum muss die gesetzlichen Verfahren einhalten und einen Abschuss sauber begründen. Und das BAFU muss dann über den Abschuss entscheiden.
Denn auf der Métairie du Grand Coeurie gibt es keine abstrakte Wolfsdebatte. Dort gibt es eine trockene Weide, Wassertransporte mit 12 000 Litern, getötete Kälber, verängstigte Rinder – und einen Hirten, der morgens als Erstes zählt, ob noch alle Tiere da sind. Und irgendwo in Münchenbuchsee wohnt eine Bauernfamilie, die ihr Kalb Warna verloren hat. Damien Humbert-Droz sagt dazu: «Der Wolf kann im Jura einen Platz haben, ein Wolf aber, der sich nachweislich darauf spezialisiert, Rinder zu reissen, muss weg.»

