Martin Schlup vom Schüpberg, Gemeinde Schüpfen, sass seit 2010 als Grossrat für die SVP im Berner Kantonalparlament. Im Amtsjahr 2022/2023 hatte er zudem das Grossratspräsidium inne. Zu den Wahlen tritt er nicht mehr an.
Grund ist die Amtszeitbeschränkung von 16 Jahren, die bei der SVP gilt. Der Grossrat hat rund 50 eigene Vorstösse eingereicht sowie diverse andere mitunterzeichnet. Im Interview verrät der Meisterlandwirt und Lastwagenführer, wie er seine Amtszeit wahrgenommen hat.
Martin Schlup, wie haben Sie insgesamt die lange Zeit als Grossrat erlebt? Was war das Herausforderndste?
Martin Schlup: Das Einleben im Rat war herausfordernd. Bis du als Neuling alles kennst und Chancen hast, etwas zu bewirken, dauert es rund zwei Jahre. Auch der Umgang mit Niederlagen war ein Thema. Zu Beginn mussten wir Bürgerlichen viele Niederlagen, besonders was das Budget anbelangte, einstecken. Solches musst du ertragen können, denn das gehört zur Demokratie.
Schwierig war anfangs beim Aktenstudium im Vorfeld der Sessionen zu entscheiden: Was ist wichtig, was muss man im Detail lesen, was kann überflogen werden? Zu Beginn wurde noch alles auf Papier versandt. Da kamen 1500 bis 1800 Seiten zusammen. Die Digitalisierung hat vieles vereinfacht.
Mein Präsidialjahr bezeichne ich als grosses Lebenshighlight. Es war anstrengend, aber toll. Und wo gibt es das sonst auf der Welt, am Morgen in den Stiefeln bei den Tieren im Stall stehen und zwei Stunden später als höchster Berner Politiker unterwegs sein! Das war für mich eine sehr spezielle Möglichkeit, welche es nur in der Schweiz gibt, und zu der wir sehr Sorge tragen müssen.
Gibt es Vorstösse, auf die Sie mit besonderem Stolz zurückblicken?
Im Seeland konnten wir vor einem Jahr erreichen, dass der Gewässerunterhalt besser wird. Dieser wurde zu lange vernachlässigt. Darunter leiden Drainagen, es gibt Rückstauungen in den Bächen. Auch das Einreichen der Standesinitiative wegen Digiflux hat Wirkung gezeigt.
Erfreulich ist, dass das nationale Parlament diese Standesinitiative angenommen hat. Wir hoffen immer noch, dass Digiflux doch noch weggeputzt wird. In keiner anderen Branche würde so ein Vorhaben akzeptiert. Aber den Bauernstand hat man wegen der Direktzahlungen im Griff.
Gibt es eine Niederlage, die Sie immer noch wurmt?
Nein. Was vorbei und nicht zu ändern ist, musst du wegstecken können und nach vorne schauen, die Energie in etwas anderes investieren.
Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen für Bauernfamilien und wie kann die Politik dabei helfen?
Ganz klar die Bürokratie und Vorschriften. Die Konsumenten schauen auf den Preis, ob freiwillig oder nicht. Die Standards bei uns steigen stetig. Doch bei Auslandsimporten kräht kein Hahn danach, was die etwa für Vorschriften haben.
Zudem sind bei uns die Löhne und der Boden teurer. Dies kann nur mit dem Grenzschutz oder über den Preis kompensiert werden. Bei einigen Konsumenten zieht das Prädikat «Schweizer Produktion». Aber bei Preisunterschieden von mehr als zehn Prozent wird es heikel.
Sie haben Vorstellungen, aber können nun nicht mehr mitwirken. Wie ist das für Sie?
Ganz so ist es nicht. Ich kann als Präsident der Landwirtschaftlichen Organisation Seeland (LOS) noch mitwirken und hoffentlich einiges erreichen. Mir fällt aber auf, dass die Jungen heute keine Zeit mehr haben wollen, um irgendwo mitzuwirken. Ich wünsche mir ein grösseres Engagement von mehr Jungen. Nur gemeinsam und gut organisiert haben wir Chancen, um etwa gegen die starken Umweltverbände anzutreten. Darum rufe ich dazu auf: Junge engagiert euch! Jedes Engagement ist sehr lehrreich.
Sie engagieren sich stark in der Waldwirtschaft. Welchen Stellenwert hat die Waldwirtschaft für Sie?
Wald ist der beste, schönste und natürlichste Baustoff und bringt Wertschöpfung. Schöne und robuste Wälder sind diejenigen, die gepflegt werden. Wichtig ist auch der Naherholungswert.
Ich habe 40 Jahre lang selbst geholzt. Nun darf ich das nicht mehr, da ich keinen eigenen Wald mehr besitze. Denn ich habe den Betrieb vor einem Jahr an unseren Sohn Christian und seine Frau Sandra übergeben. Einen fünftägigen Holzerkurs mit Anfängern zu besuchen, die noch nie eine Motorsäge in der Hand hielten, geht mir gegen den Strich.
Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft in 10 bis 15 Jahren?
Die Betriebe werden sich weiter spezialisieren, um bestehen zu können. Ich hoffe, dass die Landwirtschaft wieder einen besseren Stellenwert in der Bevölkerung erhält. Wenn die Zitrone noch mehr ausgepresst werden soll, besteht die Gefahr, dass Junge der Landwirtschaft den Rücken kehren.
Sollte die Produktion zurückgehen, hätte das auch Folgen für vor- und nachgelagerte Betriebe. Ein tieferer Selbstversorgungsgrad als jetzt, wäre aber gefährlich. Es gibt aber auch Chancen, etwa durch die weiter voranschreitende Mechanisierung.
Wie sieht Ihr Alltag und Ihre eigene Zukunft nun ohne das Grossratsmandat aus?
Ich habe mehr Zeit für anderes. Ich bin zwar seit Ende letzten Jahres offiziell pensioniert, aber dennoch beim Sohn angestellt und helfe, damit er noch auswärts arbeiten kann. Doch der Druck der Verantwortung lastet nicht mehr auf meinen Schultern. Das ermöglicht meiner Frau und mir, vermehrt Ausflüge und Reisen machen zu können. Denn das kam all die Jahre zu kurz. Das will ich nun vermehrt geniessen.