Man kennt ihn unter anderem als «Mann mit dem Megafon» in der Leuchtweste, zum Beispiel an der Bauerndemo 2015 in Bern, die er generalstabsmässig organisiert hatte, und als Marathonläufer. Ende Monat geht Urs Schneider, langjähriger stv. Direktor des Schweizer Bauernverbands (SBV) in Pension.

Eigentlich wollten Sie als Kind Bauer werden und nicht im Büro landen.

Urs Schneider: Genau. Ich bin auf einem kleinen Hof aufgewachsen, habe Bauer gelernt und danach Agraringenieur studiert, weil wir nach dem frühen Tod meines Vaters keinen Hof mehr hatten. Nach dem Studium war ich neun Jahre Adjunkt des Landwirtschaftsamtes des Kantons Thurgau, dann sechs Jahre Bauernsekretär im Thurgau und 2000 wurde ich auf dem Berufungsweg zum SBV geholt. In diesem habe ich die Funktion des stv. Direktors und Leiters des Departments Kommunikation und Services während über 23 Jahren ausgeübt.

«Der Milchkessel war grösser als ich»

Urs Schneider hat früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. «Mein Vater erkrankte an Leukämie und war oft wochenlang im Spital.» In der Primarschule molk Urs Schneider vor und nach der Schule die Kühe. «Am Anfang war der Milchkessel grösser als ich, pflegten meine Geschwister zu scherzen.» Auch beim rückwärts ins Tenn Fahren, um das Heu abzuladen, brauchte es den Jungen. «Mein lediger Onkel, der manchmal auf dem Hof mithalf, konnte das nicht, also holte mich meine Mutter kurzerhand aus der Schule. Damals ging das noch.» [IMG 3]

Der Berufswunsch stand von Anfang an fest: «Wenn ich gross bin, möchte ich einmal Bauer werden», schrieb der junge Urs Schneider in einem Schulaufsatz. «Ich könnte nie den ganzen Tag in einem Büro arbeiten oder in einer russigen Fabrik.» Er wusste auch schon, wie der Betrieb aussehen sollte: «Etwa 50 Kühe, einige Schweine, ein Reitpferd und ein Hund.» Er wolle Ackerbau betreiben, Weizen, Gerste, Mais und Hafer pflanzen.

Es kam etwas anders. Als es nicht mehr ging, wurde der Hof verkauft. «Wenige Tage später starb mein Vater. Das sind Geschichten, die das Leben schreibt», sagt Urs Schneider heute. 

Man kann also sagen, die Leidenschaft für die Landwirtschaft wurde Ihnen in die Wiege gelegt?

Im Denken und Fühlen bin ich ein Bauer geblieben. Ich habe mich auch stets mit den Bauernfamilien und deren Sorgen und Freuden identifiziert. Mein ganzes Umfeld ist bäuerlich geprägt. Es ist ein Privileg und äussert dankbar, sich für die Bäuerinnen, Bauern, Bauernfamilien einzusetzen. Ihnen fühle ich mich aufgrund meiner Herkunft und meines Umfelds zutiefst verbunden. Es ist eine edle Aufgabe, sich für sie einzusetzen.

Was waren für Sie während Ihrer Laufbahn die grössten Umwälzungen in der Landwirtschaft?

Als ich meine Laufbahn begann, sorgte weitgehend der Staat für den Absatz. Heute muss sich die Landwirtschaft selber darum kümmern. Darum haben Kommunikation und Marketing eine ganz andere Bedeutung. Zudem hat Ökologisierung einen ganz anderen Stellenwert und es wird heftig darum gestritten, wie weit sie gehen soll.

«Das Eidgenössische Schwingfest 2010 in Frauenfeld war das Projekt meines Lebens»

Urs Schneider sagt, er habe das ESAF «nebenbei» organisiert. 

Welche Projekte beim SBV haben Ihnen am meisten bedeutet?

Die Lancierung der Basiskommunikation unter dem Titel «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» war ganz wichtig. Die seit über 20 Jahren umgesetzte Imagekampagne bildet das Fundament für viele Erfolge. Die Kampagne mit Prominenten wie Michael Schumacher, Michelle Hunziker oder Köbi Kuhn im Edelweiss-Hemd war dabei das Herausragende. Sehr schöne Projekte waren auch die «Expoagricole 2002», der Schweizer Partnerlandauftritt an der IGWB in Berlin 2008, die Weltausstellung «Milano 2015». Der Vorstand erlaubte mir zudem – so «nebenbei» –, das Eidgenössische Schwingfest 2010 in Frauenfeld als OK-Präsident zu organisieren. Das war sozusagen «das Projekt meines Lebens».

Sie haben als Kampagnenchef diverse Abstimmungskämpfe geführt und die Bauerndemo 2015 organisiert. Was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung?

Die Ausgangslage bei der Trinkwasser-Initiative war äusserst schwierig. Während zwei Jahren waren fast täglich negative Schlagzeilen über vergiftetes Wasser in den Medien, es lief mit «Agrarlobby stoppen» eine Diffamierungskampagne gegen den Bauernverband; wir hatten eine kapitalkräftige, fanatische Gegnerschaft. Am Schluss gewinnen wir mit über 60 Prozent – eigentlich verrückt.

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Was waren die grössten Erfolge und Niederlagen?

Zuletzt die Initiativen zur Massentierhaltung, die Trinkwasser-Initiative, die Pestizidverbots-Initiativen und die Verfassungsabstimmung über die Ernährungssicherheit, die wir alle gewonnen haben. Es gab aber schon früher schöne Erfolge. Die einzige Niederlage war eigentlich das Jagdgesetz, bei dem wir den Lead wie vereinbart Jagd Schweiz überlassen haben, was auch Sinn gemacht hat. Dass die andere Seite aus dem Jagd- ein «Wolfsgesetz» machen würde, haben wir womöglich unterschätzt. Aber nun kommt mit der Revision Rösti doch noch alles gut. Belastet hat mich, wenn die Landwirtschaft zu Unrecht kritisiert wurde. Es ärgert mich, dass die Leistungen und Fortschritte, z. B. in der Ökologie oder beim Tierwohl, nicht oder viel zu wenig gewürdigt werden.

Sie haben oft die Schweizer Landwirtschaft im Ausland vertreten.

Ich hatte gerade in den letzten Jahren viele Vorträge in den angrenzenden Ländern. Man wurde dort auch auf unsere Kampagnen aufmerksam und man wollte wissen, wie wir das machen. Ich pflege daher intensive Kontakte zu den jeweiligen Verbänden. Als Präsident von Agro-Marketing Switzerland verantworte ich auch Auftritte der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft im Ausland, zum Beispiel an der Internationalen Grünen Woche Berlin oder an der Weltausstellung «Milano 2015». Da präsentiert sich die Schweiz jeweils sehr gut.

Ihre Bilanz zum Status quo?

Allen Unkenrufen zum Trotz, die Schweizer Landwirtschaft ist sehr gut aufgestellt und sie geniesst eine hohe Akzeptanz. Die Bauernfamilien meistern die Herausforderungen sehr gut.

«Ich freue mich auf mehr Zeit für meine Enkel.»

Urs Schneider ist dreifacher Grossvater, die Kleinen sind 5, 4 und 2 Jahre alt.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Positiv. Eine nachhaltige Lebensmittelproduktion und auch die Ernährungssicherheit werden in Zukunft noch bedeutender. Das sind gute Perspektiven für die Bäuerinnen und Bauern.

Worauf freuen Sie sich nun nach der Pension?

OrganisationDer Schweizer Bauernverband passt seine interne Organisation anFreitag, 9. Juni 2023 Auf mehr Zeit mit den drei Buben (5, 4 und 2) unserer Tochter. Sport und Hobbys bekommen wieder einen viel höheren Stellenwert. Vielleicht liegt auch die eine oder andere Reise drin. Ich führe aber auch verschiedene Engagements weiter und habe viele Anfragen für solche. 

Wie geht es beim SBV weiter?

Neben der Funktion als stellvertretender Direktor und der Verantwortung für Kommunikation, Marketing und Kampagnen waren mir die Geschäftsbereiche Finanzen, HR, Verwaltung, Liegenschaften, IT, Gremienbetreuung und die landwirtschaftlichen Bau- und Architekturbüros unterstellt. Diese Vielfalt ruft nach Entflechtung. Deshalb wird der SBV mit meinem Ausscheiden reorganisiert. Bedeutend ist, dass Sandra Helfenstein das neu formierte Departement Kommunikation und Marketing, Raphael Zwahlen den neu formierten Stab Gremien, Mitglieder, Sonderprojekte und Ursula Oberholzer den Stab Finanzen und Services leiten werden. Alles hervorragende Leute.