Ein Tier erkrankt. Der Tierarzt verschreibt ein Antibiotikum. Das Tier wird wieder gesund. Das ist Alltag in der Landwirtschaft, und doch steckt dahinter eine der grössten Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit.
Antibiotika töten Bakterien oder hemmen deren Wachstum. Das klingt nach Kontrolle – und ist es auch, solange es funktioniert. Doch Bakterien sind lernfähig. In jeder Population gibt es einzelne Individuen, die zufällig eine Eigenschaft mitbringen, die sie weniger empfindlich auf ein Antibiotikum macht. Werden Bakterien immer wieder denselben Wirkstoffen ausgesetzt, überleben genau diese und vermehren sich. Was folgt, ist Evolution im Schnelldurchlauf: Das Mittel wirkt nicht mehr. Diesen Vorgang nennt man Antibiotikaresistenz.
Das Tückische daran: Resistente Bakterien machen keinen Halt an der Stalltüre. Sie gelangen über Gülle, Boden und Lebensmittel in die Umwelt und von dort zum Menschen. Was im Stall entsteht, kann am Ende im Spital zum Problem werden. Genau deshalb ist das Thema nicht nur eines für Fachleute.
Was die neuesten Daten zeigen
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) haben im Februar 2026 einen gemeinsamen Bericht veröffentlicht. Das Fazit: Ein grosser Teil der Campylobacter- und Salmonella-Isolate – sowohl vom Menschen als auch von Nutztieren – zeigt Resistenz gegen Ciprofloxacin, ein wichtiges Antibiotikum zur Behandlung schwerer Infektionen beim Menschen. Bei Campylobacter ist die Lage so weit fortgeschritten, dass Ciprofloxacin für die Behandlung von Infektionen beim Menschen in Europa nicht mehr empfohlen wird. Noch beunruhigender: In mehreren Ländern wurden sogenannte Carbapenemase-produzierende E.-coli-Bakterien bei Nutztieren nachgewiesen. Carbapeneme sind Reserveantibiotika der letzten Linie – für Nutztiere eigentlich gar nicht zugelassen. Die gemeldeten Fälle nehmen zu.
Wo die Schweiz steht – und wo nicht
Hier lohnt sich ein genauer Blick. Insgesamt hat die Schweiz tatsächlich Grund zur Zufriedenheit: Laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ist der Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin seit 2015 um rund 44 Prozent gesunken. Bei kritischen Wirkstoffen, die für die Humanmedizin unverzichtbar sind, beträgt der Rückgang sogar 79 Prozent. Im europäischen Vergleich gehört die Schweiz zu den Ländern mit den niedrigsten Verkaufsmengen.
Bei Clindamycin und Flucloxacillin – zwei Wirkstoffe, die eine schwedische Studie in der Fachzeitschrift «Nature Medicine» im März 2026 als besonders problematisch für die menschliche Darmflora identifiziert hat – ist die Situation für Schweizer Nutztiere klar: Clindamycin ist nur für Hunde zugelassen, Flucloxacillin nur in der Humanmedizin. Beide fallen für Nutztiere also weg.
Doch die Gesamtzahl verbirgt ein hartnäckiges Schweizer Problem: die Milchkuh. 2021 wurden rund 380 000 Antibiotikabehandlungen bei Milchkühen registriert. 2024 waren es 549 072. Pro 1000 Tiere stieg die Behandlungsrate von 730 auf 1067. Statistisch gesehen wird jede Schweizer Milchkuh heute mehr als einmal pro Jahr antibiotisch behandelt. Das BLV hält im Bericht 2024 fest, was die Zahlen zeigen: keinen abnehmenden Trend. Bei anderen Nutztierarten sinkt der Verbrauch – bei Milchkühen steigt er.
Warum das so bleibt, wie es ist
Michèle Bodmer, Leiterin der Bestandesmedizin an der Vetsuisse Bern BE, brachte es an einem Mastitis-Symposium in Vitznau LU auf den Punkt: Die Qualität der Schweizer Milch ist sehr gut – aber sie wird zum Teil mit einem erhöhten Antibiotikaeinsatz erkauft. Etwa zwei Drittel der Behandlungen bei Milchkühen entfallen auf die Laktationsphase, ein Drittel auf das Trockenstellen.
Das selektive Trockenstellen hat sich noch nicht etabliert. Erreger, die keine heftigen Entzündungen auslösen, werden zu häufig mit Antibiotika bekämpft. Kometian-Präsident Urs Brändli bezifferte an der Generalversammlung in Zollikofen BE diesen Frühling: 2023 wurden statistisch 950 von 1000 Milchkühen antibiotisch behandelt.
Was jetzt zu tun ist – und was kommt
Das BLV benennt das Problem klar: «Besonders bei Milchvieh und in der Kälbermast müssen Ansätze entwickelt werden, die den Antibiotikaverbrauch ohne negative Effekte auf die Tiergesundheit und das Tierwohl senken.» Das Parlament berät 2026 über die Revision des Epidemiengesetzes, die auch im Veterinärbereich neue Instrumente schaffen soll. Der BLV-Nutztierleitfaden wird voraussichtlich im Juni 2026 aktualisiert und sieht für fast alle Indikationen neu andere First- und Second-Line-Antibiotika vor.
Für Betriebe steht bereits heute ein Werkzeug zur Verfügung: Auf der Plattform Abidat des BLV können Tierhalterinnen und Tierhalter ihren Antibiotikaverbrauch einsehen und mit vergleichbaren Betrieben benchmarken. Seit April 2026 sind auch Schaf- und Ziegenbetriebe erfasst.
Klar muss auch sein: Antibiotika retten Leben. Bei einer schweren Euterentzündung oder einer Kälberpneumonie ist ein Verzicht laut Veterinärmedizinern keine Option. Die Frage lautet nicht, ob – sondern ob jede Behandlung wirklich notwendig ist, ob das richtige Mittel gewählt wird und ob systematisch daran gearbeitet wird, die Behandlungsfrequenz zu senken. Bestandsstierärzte, die prophylaktisch beraten, leisten genau das. Doch die Zahlen zeigen, wie selten das wirklich Realität ist.

