Es beginnt schleichend. Die Tiere fressen unruhig, werfen das Futter aus dem Trog, bespringen Buchtengenossen, brüllen häufiger als sonst. Wer die Symptome kennt, greift zur bewährten Gegenmassnahme: Stroh auf die Ration, und nach zwei, drei Tagen ist der Spuk vorbei.
Was in der Praxis längst als Erfahrungswissen gilt, hat die Veterinärin Edith Mayr in ihrer Dissertation an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich erstmals systematisch untersucht. Die Befunde sind bis heute die einzige Schweizer Studie zu diesem Phänomen.
Zwischen Juni 2017 und Mai 2018 besuchte Mayr zwölf Mastbetriebe im Kanton Zürich je viermal. Alle wurden von derselben Futtermittelfirma betreut und erhielten ähnliche Fütterungspläne. Trotzdem unterschieden sich die tatsächlich verfütterten Rationen von Betrieb zu Betrieb erheblich.
Beprobt wurden jeweils leichtere Tiere zwischen 250 und 350 Kilogramm sowie schwerere zwischen 450 und 550 Kilogramm. Futter- und Kotproben wurden analysiert, die Tageszunahmen erfasst und die Landwirte nach dem Verhalten ihrer Tiere befragt.
Stärke allein erklärt nichts
Die Ausgangsthese war naheliegend: Intensive Mastrationen mit viel Mais und Kraftfutter liefern grosse Mengen Stärke. Passiert diese den Pansen und gelangt in den Dickdarm, könnte sie dort fermentieren, eine Hindgutazidose auslösen und über die Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse das Verhalten beeinflussen.
Bei Labornagern und beim Menschen ist dieser Zusammenhang bekannt, und neuere Forschung beschreibt ihn auch bei Wiederkäuern.
Das neue Forschungsprojekt
Ab Juli 2026 läuft am BLV-Zentrum für tiergerechte Haltung das Projekt «Einfluss von Raufutterangebot und Haltungsbedingungen auf Pansen-, Klauen- und mentale Gesundheit bei Mastmunis» unter Projektleiterin Christina Rufener. Budget: knapp 384 000 Franken, Laufzeit bis Ende Juni 2028.
Das Projekt gliedert sich in drei Phasen: Ersterhebung der aktuellen Fütterungs- und Haltungssituation, Feldstudie zu den Einflüssen auf Pansen-, Klauen- und Verhaltensgesundheit, und schliesslich ein kontrolliertes Experiment. Neu ist die Kombination aus körperlicher und mentaler Gesundheit. Konkrete Leitlinien für Fütterung und Haltung werden frühestens 2028 erwartet.
Die Daten gaben diese Erklärung aber nicht her. Im Durchschnitt enthielten die Rationen rund 28,6 Prozent Stärke in der Trockenmasse. Das Phänomen der Übererregbarkeit trat vor allem auf Betrieben auf, wo die Tageszunahmen über 1700 Gramm lagen. Einen statistisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Stärkegehalt der Ration und nervösen Tieren gab es nicht. Auch die physikalisch wirksame Rohfaser (peNDF) und der NDF-Gehalt korrelierten nicht mit dem Verhalten. Neun von zwölf Betrieben meldeten mindestens einmal überreizte Gruppen, unabhängig davon, wie die Ration zusammengesetzt war.
Strukturversorgung tief, aber im Rahmen
Die physikalisch wirksame Rohfaser (peNDF>8mm) lag im Durchschnitt bei 10,5 bis 11,6 Prozent der Trockenmasse. Das ist rund 35 Prozent unter den Empfehlungen für Milchkühe, aber noch innerhalb des für Mastbetriebe beschriebenen Bereichs. Die Unterschiede zwischen den Betrieben waren gross: Werte von 4 bis 18 Prozent wurden gemessen, obwohl alle von derselben Futterfirma betreut wurden. Beim Stärkegehalt war die Streuung ähnlich.
Ein Betrieb verfütterte Rationen mit 19 Prozent Stärke, ein anderer mit 41 Prozent. Ursache dürften Unterschiede bei Maissorte, Ernte- und Silierungstechnik sowie den Kraftfutterkomponenten sein.
Rohfaser und Tageszunahmen
Der Stärkegehalt hatte keinen Einfluss auf die täglichen Gewichtszunahmen. Die leichteren Tiere legten im Schnitt 1529 Gramm pro Tag zu, die schwereren 1493 Gramm. Bei den leichteren Bullen zeigte sich ein schwacher, aber signifikanter Zusammenhang zwischen dem Rohfasergehalt und den Tageszunahmen: mehr Rohfaser, bessere Zunahmen.
Bei den schwereren Tieren war dieser Effekt nicht nachweisbar. Rohfaser fördert die Pansengesundheit und die Speichelproduktion, was besonders bei jüngeren, noch wachsenden Tieren die Verdauungseffizienz verbessert.
Messerklinge zwischen Leistung und Gesundheit
Das Fazit der Arbeit ist nüchtern: Schweizer Mastbetriebe mit hohen Tageszunahmen bewegen sich auf einem schmalen Grat. Die energiereiche Ration ist Voraussetzung für die geforderte Leistung. Gleichzeitig braucht der Pansen ein Minimum an physikalischer Struktur, damit das System stabil bleibt. Welche genaue Kombination aus Fütterung, Haltung, Gruppenstruktur und Stallklima ein Tier über die Kippe bringt, ist fast zehn Jahre nach der Datenerhebung noch immer nicht bekannt.
Dass Stroh wirkt, ist unbestritten. Warum es wirkt, bleibt die offene Frage. Die Dissertation liegt allerdings bald zehn Jahre zurück. Wir wollten von Christian Glur, Präsident Swiss Beef Mittelland, wissen, wie es denn genau in der Praxis aussieht (siehe Nachgefragt unten).
Nachgefragt bei Christian Glur, Glashütten-Murgenthal AG: «Für mich stehen vor allem optimale Tageszunahmen im Vordergrund.»
Kennen Sie das Phänomen der übererregbaren Mastmunis aus eigener Erfahrung und wie äussert es sich bei Ihnen auf dem Betrieb?
Zum Glück kennen wir dieses Problem auf unserem Betrieb kaum. Vereinzelt kommt es vor, dass gewisse Tiere während ein bis zwei Tagen oder insbesondere während der abendlichen Fütterung etwas unruhiger sind. Nach meiner Erfahrung hängt das eher mit äusseren Einflüssen wie Wetterumschwüngen oder Veränderungen im Stall zusammen als mit der Fütterung allein. Ich denke deshalb, dass mehrere Faktoren zusammenkommen und nicht nur eine einzelne Ursache verantwortlich ist.
Was haben Sie bisher dagegen unternommen – und hat das Beimischen von Stroh bei Ihnen tatsächlich geholfen?

Nach der Reinigung der Futterkrippe verfüttern wir jeden Morgen zuerst eine kleine Menge Heu, bevor das Grundfutter vorgelegt wird. Das Heu wird von den Tieren sehr gerne aufgenommen. Gleichzeitig nutzen wir diese Zeit, um die Tiere genau zu beobachten und Veränderungen im Verhalten frühzeitig zu erkennen.
Ob diese Massnahme allein der Grund ist, dass wir das Problem kaum kennen, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich denke aber, dass auch unsere Ration mit rund 25 bis 30 Prozent Grassilage dazu beiträgt. Für mich ist entscheidend, dass die Ration ausgewogen ist und den Bedürfnissen der Wiederkäuer entspricht.
Eine Zürcher Studie zeigt: Der Stärkegehalt allein erklärt das nervöse Verhalten nicht. Hat Sie das überrascht – oder deckt sich das mit Ihrer Beobachtung auf dem Betrieb?
Das überrascht mich nicht. Meine Erfahrungen auf dem Betrieb zeigen ebenfalls, dass das Verhalten der Tiere von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Neben der Fütterung spielen auch die Haltungsbedingungen, das Stallklima und das Management eine wichtige Rolle.
Der Stärkegehalt hat sicher einen Einfluss, erklärt das Verhalten aber nicht allein. Entscheidend ist aus meiner Sicht immer das Zusammenspiel aller Faktoren.
Spüren Sie einen Zielkonflikt zwischen maximalen Tageszunahmen und der Tiergesundheit – und wie gehen Sie damit um?
Für mich stehen vor allem optimale Tageszunahmen im Vordergrund. Diese müssen zum Betrieb, zur vorhandenen Futtergrundlage und zu den Tieren passen. Wenn die Ration ausgewogen ist und regelmässig an die Futterqualität angepasst wird, sehe ich keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen hohen Leistungen und einer guten Tiergesundheit.
Deshalb passen wir die Fütterung laufend an die aktuellen Qualitäten von Mais- und Grassilage an und ergänzen die Ration entsprechend. Gerade bei der Grassilage unterscheiden sich die Qualitäten je nach Jahr und Schnitt teilweise deutlich. Deshalb ist es wichtig, die Fütterung regelmässig zu überprüfen und anzupassen.
Neben guten Tageszunahmen ist für mich auch ein optimaler Schlachtkörper ein wichtiges Ziel. So können wir hochwertiges Schweizer Rindfleisch produzieren.
Was wünschen Sie sich von der Forschung und von der Beratung? Welche Fragen sind aus Ihrer Sicht noch offen?
Ich wünsche mir Forschung, die praxisnahe Antworten liefert und den Betrieben konkret weiterhilft. Das Thema der nervösen Mastmunis ist ein gutes Beispiel dafür. Für unseren Betrieb hat es zwar aktuell keine grosse Bedeutung, trotzdem ist es wichtig, die Ursachen besser zu verstehen. Nur so können wir Probleme gezielt angehen und geeignete Lösungen entwickeln.
Von der Beratung wünsche ich mir eine kompetente und praxisnahe Unterstützung. Die Fütterung in der Munimast ist anspruchsvoll und erfordert laufend Anpassungen. Eine gute Beratung hilft dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen und den Betrieb sowohl wirtschaftlich als auch im Bereich Tiergesundheit kontinuierlich weiterzuentwickeln.

