Kurz nach sechs Uhr werden auf dem Werderhof oberhalb von Root die Milchkühe auf die Weide gelassen. David Bründler hat ihnen einen neuen Weideabschnitt mit frischem Gras eingezäunt. Vier Stunden später kehren sie wieder in den Stall zurück. Am Abend wiederholt sich derselbe Ablauf nochmals. Zweimal täglich verbringen die Kühe je vier Stunden auf der Weide. Dieses Wechselspiel bestimmt den Rhythmus auf dem Betrieb – und bildet gleichzeitig das Fundament einer Milchproduktion, die mit möglichst wenig zugekauften Betriebsmitteln auskommt.
«Mit möglichst wenig fremdem Input Milch zu produzieren», beschreibt David Bründler seine Strategie in einem einzigen Satz. Dieser Grundsatz zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Betrieb.
Der Werderhof liegt auf 740 Metern über Meer in der Bergzone I. Auf 21 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche hält Bründler 25 Milchkühe sowie 2000 Legehennen im Dual-System mit Zweinutzungsrassen. Sechs Hektaren der Fläche sind Biodiversitätsförderflächen und dienen gleichzeitig der Fütterung der Galtkühe. Den Betrieb übernahm Bründler 2011, biologisch bewirtschaftet wird der Hof bereits seit 2002. Die Milch liefert er dem ZMP.
Das Gras bestimmt den Kalender
Viele Milchviehbetriebe richten ihre Produktion nach dem Kalender aus. Auf dem Werderhof gibt dagegen das Gras den Takt vor. Seit 2014 kalben sämtliche Kühe innerhalb weniger Wochen ab Ende Januar. Dadurch fällt der höchste Nährstoffbedarf der Herde genau in jene Zeit, in der das Gras sein grösstes Wachstum erreicht.
Die saisonale Abkalbung bringt noch einen weiteren Vorteil mit sich. Zwischen Mitte November und Ende Januar bleibt der Melkstand leer. Diese melkfreie Zeit nutzt Bründler, um sich zu erholen, Arbeitsabläufe zu hinterfragen, Projekte anzupacken und liegen gebliebene Arbeiten zu erledigen. Statt jeden Tag im gleichen Rhythmus weiterzuarbeiten, entsteht Raum für Planung und Weiterentwicklung.
Auch die Besamung folgt einem festen Konzept. Ab dem 20. April setzt Bründler Fleischrassen wie Simmental oder Limousin ein. Die daraus entstehenden Kälber wechseln später auf Partnerbetriebe ins Natura-Veal-Programm. Erst einige Tage später besamt er acht bis neun sorgfältig ausgewählte Kühe mit spezieller Weidegenetik. Diese Tiere bilden die Basis für die Weiterentwicklung der eigenen Herde.
Acht Stunden Weide – aber nicht rund um die Uhr
Wer den Begriff Vollweide hört, denkt oft an Kühe, die Tag und Nacht auf der Weide stehen. Auf dem Werderhof sieht das anders aus. Die Tiere werden morgens von 6 bis 10 Uhr und abends von 18 bis 22 Uhr auf die Weide gelassen. Dazwischen verbringen sie die Zeit im Stall, wo sie in Ruhe liegen und wiederkäuen können.
Dieses System erlaubt es, die Futteraufnahme gezielt zu steuern. Gleichzeitig erhalten die Kühe bei jedem Weidegang frisches Gras mit hoher Qualität. Die Flächen werden dadurch gleichmässig abgefressen und geschont.

Der diesjährige Weidebeginn erfolgte bereits am 5. März. Zweimal zwangen späte Schneefälle Bründler nochmals kurzfristig zur Stallfütterung, Anfang April begann jedoch die eigentliche Vollweidesaison. Im Frühling teilt er die Schläge bewusst grösser ein, damit sämtliche Flächen rechtzeitig überweidet werden können. Anschliessend verkleinert sich die Einteilung wieder entsprechend dem Graswachstum.
Jeder Weideabschnitt wird spätestens nach zwei Tagen gewechselt. Das bedeutet zwar tägliche Zaunarbeit, bringt aber mehrere Vorteile. Die Kühe erhalten laufend junges, schmackhaftes Futter,
gleichzeitig wird das nachwachsende Gras vom Verbiss geschützt. Ausserdem entstehen kaum Lagerstellen mit Kot und Harn, weil sich die Tiere ständig auf neuen Flächen bewegen. Die Nährstoffe verteilen sich gleichmässiger, und die Grasnarbe bleibt geschont.
Auch bei den Tränkestellen achtet Bründler auf möglichst geringe Belastungen. Sämtliche Tröge sind über Bodenleitungen erschlossen und werden täglich verschoben. So entstehen rund um die Wasserstellen kaum Trittschäden, und die Tiere finden trotzdem auf jedem neuen Weideabschnitt Wasser.
Reserveflächen für trockene Wochen
Weidemanagement bedeutet für Bründler vor allem, flexibel zu bleiben. Ein heftiges Gewitter mit rund 40 Millimetern Niederschlag verschaffte den Wiesen vor zwei Wochen zwar kurzfristig Luft. Trotzdem plant er vorsorglich zwei Hektaren Emd als Reserveweide ein. Bleibt der Regen weiterhin aus, steht bereits eine weitere Fläche bereit. Gerade in Jahren mit längeren Trockenphasen entscheidet diese vorausschauende Planung darüber, ob genügend Futter zur Verfügung steht.

Gleichzeitig profitiert der Betrieb von einer guten Zusammenarbeit mit den Nachbarn. Einer stellt sein Land für einen rund fünfzig Meter langen Weideweg zur Verfügung, sodass die Kühe nicht über die Strasse laufen müssen. Ein anderer ermöglicht den Wasserbezug für eine entfernt gelegene Weideparzelle. Solche guten nachbarschaftlichen Lösungen erleichtern das Weidemanagement erheblich; sind aber nicht überall selbstverständlich.

Weniger Maschinen, mehr Zeit
Die konsequente Ausrichtung auf die Vollweide verändert nicht nur die Fütterung, sondern den gesamten Arbeitsablauf auf dem Betrieb. Die Maschinenstunden halbierten sich. Das spart nicht nur Diesel und Unterhaltskosten, sondern auch Arbeitszeit.
Einen weiteren Schritt geht der Luzerner Landwirt mit der Wasserversorgung der Weiden. Früher transportiert er das Wasser mit einem Tränkefass auf die einzelnen Parzellen. Heute versorgen fest verlegte Bodenleitungen sämtliche Tränkestellen. Dadurch spart der Betrieb zusätzlich rund 80 Traktorstunden pro Jahr. Gleichzeitig lässt sich das Weidemanagement einfacher organisieren.
Das wichtigste Arbeitsgerät ist nicht mehr der Traktor, sondern ein Occasions-Quad. Damit kontrolliert Bründler die Herde, versetzt Zäune, bringt Material auf die Weiden und verschiebt die Tränkestellen. Die täglichen Arbeiten werden dadurch schneller und mit deutlich geringerem Aufwand erledigt. Auf einem Betrieb mit konsequenter Vollweide entscheidet oft nicht die Grösse der Maschinen über die Effizienz, sondern eine gut durchdachte Organisation.
Kraftfutter spielt keine Rolle mehr
Seit zehn Jahren verzichtet Bründler vollständig auf Kraftfutter. Die Nährstoffe für die Milchproduktion stammen ausschliesslich aus betriebseigenen Futter.
Nach den Abkalbungen erhalten die Kühe während der Startphase im Stall Silage. Sobald genügend Gras wächst, beginnt Anfang April die Vollweidesaison. Im Frühling und Herbst ergänzt Heu die Ration. Dieses Fütterungskonzept verlangt eine hohe Grundfutterqualität und Kühe, die das vorhandene Gras optimal verwerten können.
Bründler ist überzeugt, dass sich eine graslandbasierte Milchproduktion nur dann wirtschaftlich betreiben lässt, wenn die Tiere zum System passen. Genau hier setzt seine Zuchtarbeit an.
Die Kuh muss zum Betrieb passen
Gemeinsam mit Peter Heller und Andi Nussbaumer engagiert sich David Bründler seit Jahren für die Zucht der «einfachen Kuh». Die drei Betriebsleiter greifen auf über zwanzig Jahre Erfahrung mit Schweizer Vollweideherden zurück und selektionieren gezielt Stiere, deren Nachkommen unter Vollweidebedingungen leistungsfähig bleiben.

Nicht maximale Milchmengen stehen im Vordergrund, sondern funktionelle Merkmale. Gesunde Euter, gute Fruchtbarkeit, starke Fundamente, problemloses Abkalben, Stoffwechselstabilität und Langlebigkeit bilden die Grundlage der Selektion. Hinzu kommen genetische Hornlosigkeit, Hitzetoleranz sowie hohe Fett- und Eiweissgehalte in der Milch. Angestrebt wird eine Jahresleistung von rund 6000 Kilogramm Milch – ohne Kraftfutter. Auch das A2A2-Betakasein gehört zum Zuchtziel.
Mit den selbst selektionierten Stieren «Campus P» und «Orion PP» verfolgt die Gruppe diesen Weg konsequent weiter. Die Zucht soll Kühe hervorbringen, die auf der Weide gesund bleiben, problemlos alt werden und ihre Leistung aus Gras erbringen.
Ein durchdachtes Gesamtsystem
Auf dem Werderhof greifen sämtliche Elemente ineinander. Die saisonale Abkalbung stimmt den Futterbedarf der Kühe auf das Graswachstum ab. Das intensive Weidemanagement sorgt für hochwertiges Futter und schont gleichzeitig die Grasnarbe. Die kraftfutterfreie Fütterung senkt die Produktionskosten, während die gezielte Zucht robuste Tiere hervorbringt, die mit diesem System zurechtkommen.
Unterstützt wird Bründler von seiner Partnerin Claudia Fellmann, die daneben ihr eigenes Unternehmen führt. Auch seine Eltern arbeiten auf dem Betrieb mit. Ein externer Melker übernimmt jeweils am Donnerstagmorgen den Melkdienst, sodass sich die Familie in der Regel einen freien Tag gönnen kann.
Der Werderhof zeigt eindrücklich, dass erfolgreiche Milchproduktion nicht zwangsläufig auf immer höhere Leistungen ausgerichtet sein muss. Entscheidend ist vielmehr, dass Betrieb, Tiere und Bewirtschaftung aufeinander abgestimmt sind. David Bründler verfolgt diesen Weg mit Konsequenz – und beweist, dass sich mit einer einfachen, grasbasierten Milchproduktion nicht nur Kosten senken, sondern auch Arbeitsabläufe vereinfachen lassen.

