«Das PFAS-Problem ist ausser Kontrolle»

Im Kanton St. Gallen führten PFAS-Höchstwert-Überschreitungen zu Verkaufssperren. Landwirt(innen) sind für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich. Aber was das heisst und wie zu handeln ist, bleibt bisher unklar.

Um die Situation rund um PFAS zu beschreiben, geizte Martin Scheringer nicht mit harten Worten. «Das Problem ist ausser Kontrolle», sagte der Umweltchemiker von der ETH Zürich. Diese Stoffe hätten seiner Meinung nach nie in dieser Menge und so offen verwendet werden dürfen.

«Wir waren blind und unglaublich fahrlässig in der Anwendung», bekräftigte er. Das Verfahren, um neue Chemikalien auf den Markt zu bringen, habe versagt. Das Problem des langen Verbleibs von PFAS in der Umwelt sei unterschätzt worden.

«PFAS sind überall und schlagen über uns zusammen», fasste Scheringer zusammen. «Die Frage ist, wie wir damit umgehen.» Antworten suchte man an der nationalen PFAS-Tagung, die Agridea im Auftrag der Konferenz der Landwirtschaftsämter (Kolas) in Zollikofen BE durchführte.

Wirkung auf den Menschen vergleichbar mit einem Schrotflintenschuss

Was PFAS so langlebig macht – und dieser Stoffgruppe ihre nützlichen Eigenschaften verleiht –, ist die Bindung zwischen Kohlenstoff und Fluor. Diese C-F-Bindung könne in der Umwelt nicht gebrochen werden, erklärte Martin Scheringer.

In Schweizer Böden dominieren PFOS, die samt ihren Vorläufersubstanzen seit 2011 hierzulande verboten sind. In tierischen Produkten wurden hohe PFOS-Werte nachgewiesen, in pflanzlichen hingegen grössere Mengen TFA.

Die Wirkung von PFAS auf den menschlichen Körper verglich der Umweltchemiker mit einem Schrotflintenschuss. Es gibt zwar keine starke akute Toxizität, bei chronischer Aufnahme drohen aber Schäden an diversen Organen, geringere Fruchtbarkeit und negative Folgen für Ungeborene. Um das zu vermeiden, empfiehlt Scheringer, möglichst viel zu messen – Lebensmittel, Umwelt, Personen.

«Um die Quellen zu identifizieren, denn sonst können wir nichts tun», argumentierte er. Menschen sollten die am höchsten belasteten Lebensmittel meiden. Das Mischen von Produkten mit hohen und niedrigeren PFAS-Gehalten – wie es das Parlament in einer Kommissionsmotion vorschlägt – hält er für keine gute Idee.

«Nach einer Mahlzeit sind die PFAS im Blut und man wird sie 20 Jahre lang nicht mehr los», gab Martin Scheringer zu bedenken.

Nach Laborbericht dicke Post und teure Rückrufaktionen

PFAS gelangen aus verschiedenen Quellen in landwirtschaftliche Produkte. Unabhängig davon trifft es die Landwirt(innen) derzeit am heftigsten, wenn PFAS in Lebensmitteln nachgewiesen werden. «Die Sauerei ist angerichtet. Wir suchen einen Weg, damit umzugehen», schilderte Barbara Beck-Wörner vom landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen.

In ihrem Kanton führten PFAS-Höchstwert-Überschreitungen in Fleisch zu Verkaufssperren. Die betroffenen Betriebe erhielten nach dem Laborbericht eine Verfügung in Juristendeutsch, ein Infoschreiben, eine Broschüre zu PFAS und ein Formular für die Einwilligung zur Datenfreigabe, damit der Fall ämterübergreifend behandelt werden kann.

Für Rückrufaktionen im Detailhandel drohten den Landwirt(innen) Rechnungen bis zu 100 000 Franken, so Beck-Wörner. Direktvermarkter müssen ihre Kundschaft mit Aushängen im Hofladen informieren. «Sie können sich vorstellen, was das auslöst», bemerkte sie. In den verschickten Unterlagen für die Betroffenen werden nicht umsonst auch die Telefonnummern der Dargebotenen Hand und des Bäuerlichen Sorgentelefons aufgeführt. Nicht zuletzt kommen bei den Betroffenen Sorgen um die Gesundheit der eigenen Familie auf, die womöglich selbst seit Jahren belastete Produkte des Betriebs konsumiert hat.

«Unsere Gesetze sind nicht für Ewigkeitschemikalien gemacht»

Als Primärproduzenten sind Landwirt(innen) für sichere Lebensmittel verantwortlich. Im Verdachtsfall müssen sie die PFAS-Belastung theoretisch messen lassen. «Es ist verboten, belastete Produkte zu verkaufen», verdeutlichte Barbara Beck-Wörner. Sie stellt fest: «Unsere Gesetze sind nicht gemacht für Ewigkeitschemikalien.»

Agridea baut zentrale Übersichtsplattform

Gegen Ende 2026 soll eine zentrale Übersichtsplattform zum Thema PFAS erarbeitet werden. Dies, um der allgemeinen Unsicherheit entgegenzuwirken, Wissen zu sammeln und den Betroffenen zur Verfügung zu stellen. Unter anderem sind ein intuitiver Beratungsleitfaden und eine Anleitung zur korrekten Entnahme von Proben zur Analyse von PFAS-Belastungen in Lebensmitteln geplant. «Wenn man schon 100e Franken in die Hand nimmt, muss auch ein verlässliches Resultat herauskommen», hielt Markus Rombach von Agridea fest.

Den Betroffenen bleibt nach einer Höchstwert-Überschreitung nur, Senkungsmassnahmen zu prüfen. Infrage kommen etwa, bei belastetem Futter oder Tränkewasser anzusetzen oder die Bewirtschaftung anzupassen.

Bleiben die Werte zu hoch, braucht es einschneidendere Veränderungen. Dazu gehören andere Betriebszweige, eine alternative Nutzung der Flächen oder ein vollständiger bzw. teilweiser Ausstieg aus der Landwirtschaft.

«Es ist ziemlich unklar, was gesetzlich erlaubt ist», meinte Beck-Wörner zu den Alternativen. Ist etwa der Einstieg in die Fischproduktion möglich, könnten Pflanzen zur Herstellung von Dämmmaterial angebaut werden oder wäre Hors-Sol eine Option?

Das Beraten falle unter diesen Umständen sehr schwer, sagte die St. Gallerin. Oft gehe es um aktives Zuhören. «Lösungen haben wir im Moment nicht.» Das St. Galler Beratungszentrum hält sich an den Grundsatz, zu begleiten – der Betrieb entscheidet. «Unser Ziel ist, dass möglichst viele Betriebe in der landwirtschaftlichen Produktion bleiben und das Vertrauen in die Lebensmittel erhalten bleibt», so Beck-Wörner.

Weitere Höchstwerte sind zu erwarten

Dass PFAS so gut wie überall vorkommen und die Erfahrungen aus St. Gallen sind Grund zu schweizweiter Beunruhigung unter Landwirt(innen). In St. Gallen kam der Stein 2021 dadurch ins Rollen, dass PFAS in Aushubmaterial der Baustelle für ein neues Regionalgefängnis nachgewiesen wurden.

In verschiedenen Kantonen und auf nationaler Ebene laufen derzeit Analyse-Kampagnen. Gleichzeitig arbeitet der Bund an Höchstwerten für weitere Lebensmittel. Bisher wurden sie für Fleisch, Eier, Fisch und Meeresfrüchte festgelegt. Für Milch könne sie keinen genauen Zeitpunkt nennen, erklärte Chiara Pagamici vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Es seien aber definitiv weitere Höchstgehalte für tierische Produkte zu erwarten. Unter anderem, um den Export z. B. von Käse weiterhin zu ermöglichen.

Ausserdem beschäftigt das BLV die Umsetzung der erwähnten Kommissionsmotion zur Weiterverarbeitung und Vermischung von Lebensmitteln aus Standorten mit erhöhter PFAS-Belastung. Das Inkrafttreten ist für April 2027 geplant.

Zur selben Zeit gibt es ebenso neue Höchstwerte für Trinkwasser. Damit soll es möglich sein, mit konformem Wasser auch konforme Lebensmittel herzustellen – sofern es nicht aus anderer Quelle zu einer Kontamination kommt. Bisher ist das durch zu hohe Grenzwerte im Trinkwasser nicht gewährleistet.

Eine Holstein-Kuh auf der Weide, aufgenommen auf dem Luchernhof der Familie Fahrni in Rumisberg BE, Ende August 2019.(Bild: BauZ)

Pflanzen vor der Ernte analysieren, um Vermarktung als Lebensmittel zu prüfen

Damit möglichst nur konforme Lebens- und Futtermittel in Verkehr gelangen, wurde im deutschen Bundesland Baden-Württemberg ein Vor-Ernte-Monitoring (VEM) eingerichtet. Dort sind über 1600 ha durch PFSA-haltige Papierschlämme kontaminiert worden. Landwirte können freiwillig und bisher kostenlos Proben von ihren Feldern analysieren lassen. Denn egal, ob die Pflanzen auf belastetem Boden stehen oder nicht, die tatsächliche Belastung mit PFAS hängt von zahlreichen Faktoren ab.

Dazu zählen Bodenart und -pH, die Pflanzenart und welche Teile der Kultur (Samen, Blätter usw.)  genutzt werden, um welche PFAS es sich handelt und letztlich auch das Wetter. Das haben Untersuchungen des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg ergeben, die Runa Boeddinghaus vorstellte. Daher sei das VEM bisher die einzige Möglichkeit, um die Vermarktbarkeit der Ernte als Lebensmittel abzuschätzen.

Wenig Hoffnung auf baldige und breit anwendbare Bodensanierung

Hanf akkumuliert PFAS besonders gut, weshalb das LTZ seinen Einsatz zur Bodensanierung auslotete. «Nicht machbar», so Runa Boeddinghaus’ Fazit. Je nach PFAS würde es zwischen fünf und über 300 000 Jahre dauern, bis die Belastung getilgt wäre. «Und es stellt sich die Frage, wie man das Pflanzenmaterial fachgerecht entsorgen könnte», ergänzte die deutsche Forscherin.

Die Ausführungen von Martin Däscher, Ostschweizer Fachhochschule (OST), machten ebenfalls wenig Hoffnung auf eine baldige praktikable Lösung zur Sanierung von PFAS-Standorten. Am erfolgversprechendsten sei die Immobilisierung von PFAS. Dabei werden die Schadstoffe im Boden fixiert, um den Transfer in Pflanzen und damit in Lebensmittel zu verhindern. In St. Gallen wird dieser Ansatz bereits erprobt.

Pflanzen nehmen PFAS aus dem Boden auf. Wie hoch die Gehalte ausfallen, unterscheidet sich je nach Pflanzenteil. Sojabohnen wiesen in Feldversuchen in Deutschland hohe Werte auf.(Bild: BauZ)

Kantone sollen nicht auf nationalen Plan warten

Bis Ende 2027 soll ein nationaler Aktionsplan des Bundes zum Umgang mit PFAS vorliegen. Die Devise des Kantons St. Gallen ist es, die Zeit bis dahin durch eigene finanzielle Unterstützung an die Betriebe zu überbrücken, wie Bruno Inauen, Leiter des kantonalen Landwirtschaftsamts, erläuterte.

Der Bund könne ebenfalls helfen, versicherte Gabriela Schachermayr vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). An einer gesetzlichen Grundlage für Härtefälle werde gearbeitet. «Ich möchte aber etwas Erwartungsmanagement betreiben», sagte sie im Hinblick auf den nationalen Aktionsplan.

Darin werde es einen Forschungsplan zu Ewigkeitschemikalien geben, der allerdings auf hoher Flughöhe und weit weg von dem liege, was die Betriebe derzeit beschäftige. Die Kantone sollten nicht warten, sondern möglichst aktiv werden, empfahl Schachermayr.

Die Unsicherheit, dass die Landwirtschaftsbetriebe zwar für konforme Lebensmittel verantwortlich sind, aber die Umsetzung dieser Pflicht unklar ist, sieht sie als grosses Problem. Hingegen sei es sehr positiv, dass die Kantone zusammenarbeiteten.

«Erst Recht schaffen, dann vollziehen»

Im National- und im Ständerat wurde im Juni je eine gleichlautende Motion eingereicht. Nationalrat Mike Egger (SVP, SG) und Ständerat Benedikt Würth (Mitte, SG) verlangen, die Weisung des BLV zum Vollzug der PFAS-Höchstwerte auszusetzen.

Dies solange, bis die gesetzlichen Grundlagen zur Umsetzung der PFAS-Strategie des Bundes sowie die angekündigten Unterstützungs- und Härtefallmassnahmen in Kraft gesetzt sind. Es sei auch ein praxistauglicher Vollzug sicherzustellen. «Ein wirksamer Umgang mit PFAS setzt eine ausgewogene und verhältnismässige Gesamtlösung voraus», schreiben die Motionäre.

«Diese muss den Schutz der Konsument(innen) gewährleisten, gleichzeitig aber auch den Grundsatz der Verhältnismässigkeit, die Rechtssicherheit sowie die wirtschaftliche Existenz betroffener Betriebe berücksichtigen.» Der Bundesrat hat sich noch nicht zu diesen Vorstössen geäussert. 

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