Der Schweizer Tierschutz (STS) hat mit dem «Label-Kompass» ein neues Bewertungssystem lanciert. Es soll Konsumentinnen und Konsumenten zeigen, wie tierfreundlich ein Label, ein Gütesiegel oder ein einzelnes Produkt tatsächlich ist – von «unbefriedigend» bis «sehr gut».
Ausgerechnet in diesen Wochen zeigt sich beim Detailhandel aber ein anderes Bild: IP-Suisse-Hackfleisch ist bei Denner aus dem Sortiment verschwunden. Zwei Ereignisse, die kaum weiter auseinanderliegen könnten – und die Frage aufwerfen, was ein Bewertungstool bringt, wenn der Markt in eine andere Richtung läuft.
Was der Kompass genau macht
Der Label-Kompass prüft laut STS bis zu 100 einzelne Anforderungen pro Tierart. Diese werden zu 14 Bereichen zusammengefasst, etwa Stallklima, Auslauf, Weidehaltung, Fütterung, Transport oder Schlachtung. Jedes Kriterium wird auf einer vierstufigen Skala bewertet. Wichtigere Punkte wie Weidezugang zählen stärker. Am Schluss steht eine Gesamtnote pro Label oder Produkt, die im Onlinetool nachgeschlagen werden kann.
Manuel Iseli, Medienverantwortlicher beim Schweizer Tierschutz STS, betont, dass die Bewertung aus fachlicher Tierschutzsicht erfolge und nicht im Auftrag einzelner Label oder Detailhändler. Die Kriterien seien aus den eigenen Tierwohlanforderungen, wissenschaftlichen Grundlagen und der langjährigen Praxiserfahrung des STS im Nutztierbereich entstanden. Produzentenorganisationen wie IP-Suisse oder Bio Suisse seien an der Festlegung nicht beteiligt gewesen; fachliche Rückmeldungen könnten aber einfliessen.
Der STS finanziert sich über Spenden – und gewinnt mit dem Kompass gleichzeitig selbst an Sichtbarkeit. Ein Widerspruch zur behaupteten Unabhängigkeit? Iseli verneint: «Der Label-Kompass dient nicht kommerziellen Interessen, sondern der Einordnung von Tierwohlstandards. Dass wir dadurch als Fachorganisation sichtbar werden, ist Folge dieser Arbeit, nicht Zweck der Bewertung.» Ob diese Trennung in der Aussenwirkung tatsächlich so ankommt, darf man trotzdem hinterfragen – schliesslich lebt auch eine Tierschutzorganisation von Aufmerksamkeit und Spendengeldern.
Keine Kontrolle, kein Einspruch
Wichtig für Bauern und Labelorganisationen: Der Kompass ersetzt keine amtliche oder akkreditierte Kontrolle. Er vergleicht bestehende Labels und Standards aus Tierschutzsicht, prüft aber nicht selbst vor Ort. Ein eigentliches Einspruchsverfahren, mit dem ein Betrieb oder eine Labelorganisation eine Bewertung vor der Veröffentlichung anfechten könnte, gibt es laut Iseli nicht: «Die Bewertung wird nach unseren Kriterien vorgenommen und nicht von den bewerteten Betrieben oder Labelorganisationen freigegeben.» Fachliche Hinweise können zwar eingebracht und geprüft werden, die Bewertung selbst bleibt aber allein Sache des STS.
Einen systematischen Datenaustausch mit Bio Suisse, IP-Suisse oder amtlichen Kontrollstellen gibt es laut Iseli nicht. Die Kontrollen dieser Organisationen prüfen, ob die jeweiligen Label-Vorgaben eingehalten werden – der Kompass dagegen vergleicht die Label und Standards untereinander aus Tierschutzsicht und zeigt auf, wo aus STS-Sicht Lücken bestehen. Bringen Labelorganisationen oder Betriebe von sich aus fachliche Hinweise oder aktuellere Informationen ein, würden diese geprüft. Ein automatischer Abgleich mit den Kontrolldaten der Labelorganisationen findet aber nicht statt – die Bewertung stützt sich in erster Linie auf die eigenen Recherchen des STS.
Auch zur Frage, ob unterschiedliche Produktionsformen fair verglichen werden – etwa Weidebetrieb gegen Stallhaltung, Berggebiet gegen Talregion – bleibt Iseli bei seiner Linie: Bewertet werde nicht das System an sich, sondern die konkrete Leistung fürs Tier. Ob das in der Praxis wirklich neutral herauskommt, wird sich erst zeigen, wenn mehr Betriebe und Labels im Tool verglichen werden.
Reduktion oder Wahlfreiheit?
Eine der brisanteren Fragen betrifft den in den Kompass integrierten Fleischkonsumrechner: Geht es dem STS primär um bessere Tierwohlstandards oder auch um weniger Fleischkonsum insgesamt? Iseli antwortet ausweichend-diplomatisch: «Wir setzen uns für das Wohl der Nutztiere ein. Gleichzeitig ist die Produktion tierischer Lebensmittel gesellschaftliche Realität. Im Zentrum steht für uns ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln tierischen Ursprungs – Qualität vor Quantität.»
Der Rechner solle zum bewussten Umgang anregen, nicht zum Verzicht zwingen. Für die Leserschaft der BauernZeitung dürfte das trotzdem ein wunder Punkt bleiben: Ein Werkzeug, das Konsum und Kaufverhalten gleichzeitig lenken will, hat für die Produzentenseite eine andere Tragweite als ein reines Vergleichsinstrument.
Die Realität im Regal spricht eine andere Sprache
Hier setzt die eigentliche Krux an. Der Label-Kompass geht implizit davon aus, dass Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, sich mit Tierwohl-Kriterien auseinanderzusetzen und danach ihre Kaufentscheidung auszurichten. Was aber gerade beim Grossverteiler zu beobachten ist, deutet auf das Gegenteil hin: IP-Suisse-Hackfleisch, ein Produkt mit anerkannt hohen Tierwohlstandards, verschwindet bei Denner aus dem Sortiment.
Nachhaltigkeit und Tierwohl mögen in Umfragen regelmässig ganz oben auf der Wunschliste der Bevölkerung stehen – sobald es an der Kasse ums Portemonnaie geht, rutschen sie sichtbar nach hinten. Kosten darf es möglichst nichts, das zeigt sich in der aktuellen Konsumlage besonders deutlich.
Für die Bauernfamilien, die in BTS- oder RAUS-Ställe investiert haben, ist das die entscheidende Frage: Nützt ihnen ein noch so sauber hergeleitetes Bewertungssystem etwas, wenn der Handel Tierwohl-Produkte gleichzeitig aus dem Regal nimmt, sobald sie sich nicht mehr rechnen? Ein Kompass zeigt die Richtung – er verändert aber nichts an der Zahlungsbereitschaft, die am Ende über Produzentenpreise und Absatzmengen entscheidet.

