«Der Hitzestress ist nach wie vor massiv unterschätzt»

Tierärztin Michèle Bodmer schliesst Viren als Mitursache nicht aus, stellt aber den Hitzestress klar in den Vordergrund – ihre Einschätzung zur Durchfallerkrankung, die aktuell unzählige Betriebe im Mittelland heimsucht.

Die Meldungen häufen sich: Auf immer mehr Milchviehbetrieben im Mittelland, in den Kantonen Bern und Luzern, geht derzeit dasselbe Bild um: Durchfall, der durch die Herde zieht, ein spürbarer Leistungsabfall bei der Milch, teilweise hohes Fieber. Rasch war die Rede von einem Virus. Doch ist das wirklich die ganze Erklärung?

Tierärztin Michèle Bodmer leitet seit August 2025 zusammen mit Tierarzt Patrik Zanolari im Job-Sharing die Abteilung Bestandesmedizin an der Wiederkäuerklinik der Vetsuisse-Fakultät Bern, dem Tierspital Bern – jener Klinik der Universität Bern, die sich auf die Gesundheit ganzer Rinder-, Schaf-, Ziegen- und Neuweltkamelidenbestände spezialisiert hat. Sie ordnet die Fragen der BauernZeitung zur aktuellen Lage ein: deutlich komplexer, als es das simple Bild «Virus oder Hitze» vermuten lässt.

«Ich sehe die Grundursache im Hitzestress»

«Ich denke, es ist sehr wichtig zu erklären, welche weitreichenden Auswirkungen Hitzestress bei der Kuh haben kann», sagt Michèle Bodmer gleich zu Beginn. «Das ist sicher immer noch massiv unterschätzt und zeigt sich auch in der aktuellen Reaktion von Landwirtinnen, Landwirten und Tierärzteschaft.»

Ihre Einordnung ist klar: «Ich schliesse überhaupt nicht aus, dass verschiedene Erreger das Geschehen zusätzlich beeinflussen, allerdings sehe ich die Grundursache im Hitzestress, welcher neben anderen Auswirkungen eine massive Immunsuppression bewirkt.» Einen Nachweis des bovinen Coronavirus gebe es ihres Wissens bislang gar nicht: «Ich habe Informationen von Kollegen, dass sie keine spezifischen Erreger gefunden haben. Bevor wir von einer Infektionskrankheit sprechen, braucht es einen Erregernachweis.»

Auch den vielfach beschriebenen Domino-Effekt – eine Kuh nach der anderen wird krank – erklärt sie anders, als man zunächst annehmen würde: «Dieses Dominoartige hat womöglich auch damit zu tun, dass höherleistende Kühe und Kühe kurz nach dem Abkalben deutlich schneller schwerere Symptome von Hitzestress zeigen als weniger hochleistende Tiere. Ausserdem gibt es auch individuelle Unterschiede, wie Tiere mit der Hitze umgehen.» Und noch einmal betont sie: «Ich schliesse nicht aus, dass Erreger mit im Spiel sind, die sehe ich aber eher als Opportunisten und nicht als primäre Ursache.»

Was bislang fehlt, sagt Michèle Bodmer unmissverständlich: «Bisher habe ich keine saubere diagnostische Abklärung eines Betriebs gemacht oder gesehen. Das wäre für mich der erste Punkt, den es zu erfüllen gilt.» Damit meint sie klinische Untersuchungen der Kühe, Laboranalysen, Temperatur- und Feuchtigkeitsmessungen im Stall über eine ganze Woche sowie eine systematische Verhaltensbeobachtung der Tiere.

«Ich denke, wir sind uns alle einig, dass Hitzestress eine wesentliche Rolle spielt, und die momentane Frage ist die klassische Huhn-Ei-Frage. Schlussendlich ist den Kühen unabhängig davon, ob BCV, andere Erreger oder die Hitze die Grundursache sind, geholfen, wenn wir es schaffen, das Stallklima in einen besseren Bereich zu bringen!»

Was Hitze im Körper der Kuh auslöst

Wann wird Hitzestress gefährlich? Michèle Bodmer nennt vier Bedingungen: «Hitzestress wird dann gefährlich, wenn erstens eine Hitzeperiode über Wochen vorhanden ist, zweitens hohe Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit gepaart sind, drittens die Temperaturen über Nacht nicht unter 20 Grad absinken, und viertens die Ställe nicht adäquat gekühlt werden.» Bedingungen, die diesen Sommer über weite Strecken erfüllt waren.

Was dann im Tier passiert, beschreibt sie als Kettenreaktion: «Die Körpertemperatur steigt, die Kühe fressen weniger, liegen weniger, damit sie besser Wärme abgeben können, die Milchproduktion nimmt ab. Blut wird in die Haut geleitet, damit Wärme abgegeben werden kann – dies führt zu einer Unterdurchblutung des Magen-Darm-Trakts und auch der Nieren.» Die Folgen reichen weit: «Die Magendarmwände werden durchlässig, es kann zu einer inneren Vergiftung kommen, welche bis zu einer Blutvergiftung gehen kann, auch Leberschäden durch diese Giftstoffe sind beschrieben – dabei kommt es auch zu Durchfall.»

Im schlimmsten Fall drohe eine generalisierte Entzündungsreaktion, sagt Bodmer: «Direkte Hitzeschäden am Gewebe können zu einer generalisierten Entzündungsreaktion im ganzen Körper führen, diese ist meist tödlich und bekannt als SIRS, systemic inflammatory response syndrome. Dabei kommt es auch zur Verstopfung von Gefässen mit Entzündungsprodukten. Diese systemische Entzündung führt auch zur Unfähigkeit, zusätzliche Erreger zu bekämpfen» – der Punkt, an dem für sie die Opportunisten ins Spiel kommen.

Dazu kämen weitere Verschiebungen im Stoffwechsel: «Zusätzlich sinkt der Pansen-pH, da weniger wiedergekaut wird und weniger Puffer über den Speichel rezykliert wird. Verschiebungen des Elektrolythaushalts wie Kaliummangel liegen auch oft vor.»

Was Betriebe jetzt konkret tun können

Michèle Bodmers Empfehlung für akut betroffene Tiere ist konkret: «Bei Kühen mit deutlichen Symptomen wie Maulatmung, hoher Atemfrequenz, Körpertemperatur über 39,5 Grad empfehle ich eine Kühlung mit kaltem Wasser – dies kann auch einfach mit einem Schlauch mit Löchern für ganze Kuhgruppen installiert werden. Gleichzeitig sollte man mit Grossraumlüftern arbeiten – die Feuchtigkeit vom Kühlwasser soll nicht im Gebäude bleiben. Dazu müssen die Fenster, wenn nötig, herausgenommen und mit Fliegengittern ersetzt werden.»

Bei akut kranken, festliegenden Tieren rät sie zu «Kühlen, Flüssigkeitszufuhr per Infusion durch den Tierarzt, Drenchen, Entzündungshemmer je nach Fall» – mit einer wichtigen Warnung: «Achtung: Entzündungshemmer erst bei Tieren, die bereits eine Flüssigkeitstherapie erhalten haben, sonst droht die Gefahr von Nierenversagen!»

Dazu kommen Anpassungen bei Futter und Wasser: «Rationen anpassen: besser verdauliche Futtermittel, Pufferung wird oft empfohlen. Die Wasserversorgung muss stimmen: 10 cm Trograndlänge pro Kuh, mehrere Tröge mit offener Wasserfläche, täglich mit der Bürste reinigen wegen Algenbildung.»

Die Spätfolgen, die man erst später bemerkt

Auch längerfristig hinterlasse Hitzestress Spuren, sagt Tierärztin Michèle Bodmer. «Fruchtbarkeitsprobleme: Kühe zeigen wenig Brunstsymptome, werden nicht trächtig – hat vermutlich mit einer eingeschränkten Follikelqualität zu tun. Übrigens leidet auch die Spermaqualität von Natursprungstieren massiv im Hitzestress.» Auch die Geburt selbst kann betroffen sein: «Beschrieben sind auch Abkalbungen ins leere Euter bei Kühen, welche im letzten Trächtigkeitstrimester im Hitzestress waren, habe ich auch schon beobachtet.»

Bei den Klauen zeigt sich das Problem ebenfalls: «Klauenprobleme treten vermehrt auf, auch Klauenhornprobleme und Rehe, hat vermutlich mit der veränderten Durchblutung zu tun. Mortellaro tritt auch häufiger auf – Abwehrschwäche und gute Bedingungen für die Erreger bei warmem Wetter.»

Und selbst die nächste Generation bekommt die Hitze zu spüren: «Nachkommen von Kühen, welche während der Trächtigkeit im Hitzestress waren, zeigen höhere Krankheitsanfälligkeit und geringere Milchleistung in der ersten Laktation im Vergleich zu solchen, die keinen Hitzestress hatten.»

Was das Coronavirus damit zu tun hat – und was nicht

Zum bovinen Coronavirus selbst sagt Michèle Bodmer: «Dieses Virus ist sogenannt endemisch in der Schweizer Rinderpopulation, das heisst, es kommt in sehr vielen Betrieben regelmässig vor, ohne dass dies grössere Schäden hervorruft. Am schlimmsten trifft es meistens die Kälber im Rahmen des Kälberdurchfalls.»

Von Ausbrüchen bei Kühen erfahre man im Tierspital eher zufällig: «Wir erfahren von möglichen Ausbrüchen auch nur durchs Buschtelefon, über überweisende Tierärztinnen und Tierärzte. Ein Test wird bei Kühen mit Winterdysenterie fast nie durchgeführt, man weiss, dass die Episode nach zwei bis vier Tagen wieder vorüber ist. Bei Kälbern mit Durchfall wird eher noch untersucht.» Eine Impfung gibt es bislang nur für Kälber: «Für Kälber steht auch eine Mutterschutzimpfung gegen BCV zur Verfügung, bei Kühen ist bisher keine Impfung zugelassen.»

Dass das Virus mutiert sein könnte, schliesst sie nicht kategorisch aus, relativiert aber: «Es ist immer möglich, dass ein Virus mutiert und gefährlicher wird, allerdings würde ich erwarten, dass im umliegenden Ausland ähnliche Tendenzen sichtbar wären, davon habe ich bisher nichts gehört.»

Und sie bringt noch eine Diagnose ins Spiel, die bisher niemand diskutiert: «Wenn wir schon von Infektionen sprechen: Eine Salmonellose geht ebenfalls mit Fieber, Durchfall und Milchrückgang einher. Davon spricht aktuell niemand, da es erstens unrealistisch ist, dass all diese Betriebe an einer primären Salmonellose erkrankt sind, und man natürlich auch die Umtriebe scheut, die es nach sich ziehen würde, wenn ein Betrieb positiv ist und gesperrt würde.»

Der Blick nach vorn

Kurzfristig rät Michèle Bodmer: «In Belüftung und Kühlungssysteme investieren, zusätzlich in gute und genügend Wassertröge – auch auf Weiden.» Langfristig geht ihr Blick weiter, bis in die Zucht: «Langfristig sollte man bei der Selektion in der Zucht vermehrt auf hitzeresistente Tiere achten, Stichwort Slick-Gen.»

Ihr Fazit bringt die ganze Debatte auf den Punkt: «Wenn wir den Hitzestress minimieren, können wir auch mögliche Infektionen besser managen, beziehungsweise treten diese nicht oder nur geringgradig auf.» Ob am Ende das Virus, die Hitze oder beides zusammen als Ursache gilt – die Massnahmen, die jetzt helfen, sind nach Bodmers Einschätzung dieselben.

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