Jill Maria Blum ist die erste Frau im Vorstand des Schweizer Viehhändlerverbandes, Mutter eines sieben Monate alten Sohnes und Winzerin. Auf dem elterlichen Hof in Jegenstorf BE jongliert sie täglich zwischen Muttersein, Viehhandel, Weinbau und Personalführung, aber auch zwischen Tradition und neuer Führungskultur in einer Männerdomäne.
«Meine grösste Herausforderung ist es, im Alltag alles unter einen Hut zu bringen.» Jill Maria Blum sitzt unter dem grossen Vordach des elterlichen Bauernhauses in Jegenstorf, als sie das sagt. Beim Zuhören wird klar, wie gross der Hut sein muss.
Die Familie ist wichtig
Die 31-Jährige führt zusammen mit Vater Jann Blum den Landwirtschaftsbetrieb mit Viehhandel, auf dem auch Tiere ausgemästet werden. Meist stehen zwischen 120 und 140 Handels- und Ausmasttiere auf dem Hof. Die Landwirtin ist zudem studierte Betriebswirtschafterin und Winzerin.
Wertvolle Unterstützung im Alltag erfährt sie von der ganzen Familie. «Ohne diese Unterstützung ginge es nicht», weiss die junge Mutter. Jill Maria Blum lebt in einem Mehrgenerationenhaus zusammen mit ihrem Mann Andi Friedrich, Sohn Matteo, den Eltern Jann und Marianna Blum sowie Schwester Anna Giulia Blum und deren Partner Dimitri Wolf.
Dass die junge Frau einmal in die Landwirtschaft einsteigen würde, war nicht vorgesehen. Gerne hätte sie etwas im Bereich Hotel/Gastronomie gemacht. Auch Wein hielt sie für cool. Sie arbeitete daher nach dem Studium auf einem Weingut am Murtensee.
«Da hat es mir den Ärmel hineingenommen und ich habe den Weg zurück zu den Wurzeln und der Landwirtschaft gefunden», erzählt die 31-Jährige. Sie liess sich zur Winzerin ausbilden, lernte danach auch noch Landwirtin, absolvierte den Viehhändlerkurs und arbeitet seitdem auf dem elterlichen Betrieb.
Skepsis bei einigen Berufskollegen
Als Viehhändlerin behauptet sich Jill Maria Blum in einer reinen Männerdomäne. Das ist nicht immer einfach, gesteht sie. Beim Eintritt ins Metier erfuhr sie die volle Bandbreite an Meinungen. Viele Viehhändler zeigen sich ihr gegenüber sehr offen und unterstützend. Doch es habe auch einige gegeben, die sich abschätzig geäussert haben.
Das war anfangs belastend für sie. Gegen aussen hat die junge Frau das nie gezeigt, sondern die Kommentare ignoriert. «In dem Beruf musst du anderen die kalte Schulter zeigen können», meint sie.
«Wir haben eine wichtige Position im Gefüge des gesamten Viehabsatzmarktes inne.»
Jill Maria Blum
Trotz dieser Erfahrungen wurde Jill Maria Blum im Mai als erste Frau in den Vorstand des Schweizerischen Viehhändlerverbands gewählt. Sie entsprach den Vorstellungen des Vorstands, der sich eine Person aus dem Bernbiet wünschte, die bilingue ist und frischen Wind in den Verband bringt. Etwas schwieriger gestaltete sich die vorherige Nominierung durch den bernischen Verband. Dort gab es die eine oder andere Diskussion, plaudert sie aus dem Nähkästchen.
Schwierige Mengenberechnung
Zu den Beweggründen, sich im Verband zu engagieren, betont Jill Maria Blum: «Mir liegt der Viehhandel am Herzen. Wir haben eine wichtige Position im Gefüge des gesamten Viehabsatzmarktes inne. Hierbei wichtig sind insbesondere auch die öffentlichen Schlachtviehmärkte; sie sind für die Preisfindung und -transparenz von enormer Bedeutung.»
Sie wolle mithelfen, die vielen Herausforderungen der Branche zu meistern. Trotz sinkender Tierzahlen und steigender Nachfrage nach Fleisch will sie den Kunden die richtigen Tiere in benötigter Qualität und zum richtigen Zeitpunkt liefern können. Während rund 45 Wochen im Jahr sei das Vieh rar. Nur gerade während sieben Wochen gebe es eine Überproduktion.
Dass zudem mittlerweile rekordhohe Preise bezahlt und der Unterschied zwischen Nutz- und Schlachtkühen manchmal bei null sein kann, vereinfacht die Arbeit bezüglich Margenberechnung nicht.

Viehhändler seien auch ein wichtiges Element im Bereich Tierseuchen. «Wir sind gut informiert, viel auf den Betrieben unterwegs und können beraten.» Und wichtig: «Als Verhandlungspartner von den grossen Abnehmern wie Bell, Micarna oder Reber AG können wir uns zwischen Produzenten und Abnehmerseite vermitteln und uns für einen funktionierenden Markt einsetzen.»
Weinbau ist im Aufbau
Auf dem Betrieb geniesst Jill Maria Blum viele Entscheidungsfreiheiten. So konnte sie sich vor drei Jahren einen Traum erfüllen und auf zwei Hektaren betriebseigenem Land in Muri BE einen Rebberg anlegen. Heuer kann sie den zweiten Jahrgang abfüllen. Sie rechnet mit 7000 Flaschen Wein. Die Vorfreude ist ihr deutlich anzusehen.
Ziel ist es, in wenigen Jahren bis zu 20 000 Flaschen produzieren zu können. Momentan liegt die grösste Herausforderung für die Winzerin darin, abzuschätzen, wie viel Marketing betrieben werden muss, damit genug, aber dennoch nicht zu viel Kundschaft für die kleine Weinmenge gefunden wird.

Bio im Glas, das schmeckt
Bei der Sortenwahl war der Winzerin wichtig: «Die Reben sollen nicht nur cool zum Bewirtschaften sein, sondern auch cool im Glas schmecken.» Jill Maria Blum entschied sich, den Weinberg nach den Richtlinien der Bioverordnung zu bewirtschaften. Der Rest des Betriebes wird nach ÖLN-Richtlinien geführt. Daher trägt der Betrieb nicht das Knospe-Label.
Die Winzerin setzt auf pilzresistente Sorten, sogenannte Piwis. Im Weinberg wachsen nun die Weissweinsorten Sauvignac und Souvignier gris, sowie Rotweine der Sorte VB Cal1-28. Diese Sorte ist so neu, dass sie noch keinen Namen hat. Zudem wurden Stöcke von Pinot Noir und Gamaret gesetzt.
In Zeiten, in denen weniger Wein getrunken wird, hat die junge Frau trotzdem den Mut, einen Rebberg anzulegen. Hat sie keine Angst zu scheitern? «Nein», sagt sie ganz klar. Es stimme, dass die Westschweizer Winzer Mühe hätten, ihre Weine zu verkaufen.
«Doch in der Deutschschweiz haben lokale Kleinproduzenten Potenzial», ist sie überzeugt. Gelegentlich finde sie es wahnsinnig, wenn sie darüber nachdenke, wie viel Geld und Zeit sie bereits in ihren Traum gesteckt hat.
Dass so etwas und langfristiges Denken aber manchmal nötig sind, hat sie von ihren Eltern gelernt. Sie gesteht, dass der Viehhandel momentan den Weinbau noch querfinanziert. «Doch ich bin ehrgeizig und habe den Anspruch, bald schwarze Zahlen zu schreiben.» Dabei lacht sie einmal mehr. Und es herrscht kein Zweifel daran, dass die umtriebige Frau dies auch schafft.
«Ich bin froh um die Sichtweise von aussen. Die tut sehr gut.»
Jill Maria Blum
Auf den Bauch hören
Danach gefragt, was Jill Maria Blum anderen Frauen rät, die Führungsrollen auf Landwirtschaftsbetrieben übernehmen wollen, studiert sie kurz. Dann erklärt sie: «Wir Frauen haben eine gute Intuition. Hört auf diese und auf euch selbst. Wir geben viel Herzblut in unsere Arbeit. Das ist gut so. Geht eure eigenen Wege, seid mutig, bleibt nicht stehen, weil man dies und das immer schon so gemacht hat. Bleibt dabei aber immer anpassungsfähig – mit dem Wetter, anderen Menschen und sich ändernden Marktsituationen», zählt sie auf.
Und dann ist da auch noch die Aussensicht. Dass ihr Mann Andi nicht in der Landwirtschaft tätig ist, findet Jill Maria Blum eine grosse Bereicherung. Sie macht deutlich: «Ich bin froh um die Sichtweise von aussen. Die tut sehr gut.»
Diese helfe ihr zuweilen auch im Umgang mit den vier Mitarbeitenden, wenn bei ihr die Grenze zwischen Arbeit und Privatem etwas zu verschwinden drohe. «Externe Inputs zu nutzen, kann ich allen nur empfehlen», betont sie, während ihr Blick durch den Garten in die Weite schweift.

