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Maulläsionen bei Wiederkäuern und Neuweltkameliden durch Borstenhirse

Fressunlust, Speicheln, Schleimhautdefekte im Maul: Es gibt viele mögliche Ursachen für Läsionen der Maulschleimhäute bei Wiederkäuern und Neuweltkameliden.

Kurz & bündig

- Borstenhirsehaltiges Dürrfutter kann zu Verletzungen im Maul der Tiere führen. - Viele weitere Erkrankungen können Ursache solcher Läsionen sein und sollten mit dem Bestandestierarzt abgeklärt werden. - Die Ausbreitung der Borstenhirse sollte rechtzeitig eingedämmt werden. - Eine Zufütterung von Mineralstoffen ist bei Neuweltkameliden und kleinen Wiederkäuern unerlässlich.

In einer grösseren Alpakaherde in den Voralpen waren im Winter mehrere Tiere aller Altersklassen aufgefallen mit Abmagerung, Fressunlust und Speicheln. Die beigezogene Tierärztin fand bei den betroffenen Alpakas Läsionen («Defekte») und Abszesse in der Maulschleimhaut ohne Auftreten von Fieber.

Läsionen im Maul und an der Zunge können bei Tierseuchen wie der Blauzungenkrankheit oder auch bei der Maul- und Klauenseuche beobachtet werden. Darum ist der Tierhalter verpflichtet, beim Auftreten solcher Symptome seinen Bestandestierarzt zu kontaktieren.

Die Blauzungenkrankheit grassiert momentan in der Schweiz, wobei alle Wiederkäuer, aber auch Alpakas und Lamas, empfänglich sind und erkranken können. Daher wurden drei der erkrankten Tiere dieses Bestandes darauf untersucht. Diese wurden alle in der PCR als Blauzunge-negativ getestet.

Lippengrind, verursacht durch ein ansteckendes Virus, führt ebenfalls zur Bildung von Blasen und Krusten an den Schleimhäuten und oft auch ums Maul. Diese Infektion trifft man nicht selten bei Schafen und Ziegen an, und sie kann auch bei Neuweltkameliden vorkommen. Mit einer Laboruntersuchung konnte diese Erkrankung ebenfalls ausgeschlossen werden.

Eine weitere mögliche Differenzialdiagnose ist die Nekrobazillose, eine bakterielle Infektion in der Mundhöhle. Diese führt zu Schleimhautentzündungen in der Maulhöhle mit gelblichen Belägen. Bekannt ist dies vor allem beim Kalb als Kälberdiphtheroid. Eine bakterielle Untersuchung konnte diese Infektion als Ursache ebenfalls ausschliessen.

Feststeckende Pflanzenteile als Ursache

Bei der genaueren Untersuchung der Veränderungen im Maul wurden bei einigen der betroffenen Tiere in den Läsionen feststeckende Pflanzenteile festgestellt.

Dabei handelte es sich um Borsten der graugrünen Borstenhirse, welche sich bei Vorkommen im Dürrfutter in die gesunde Schleimhaut bohren können und somit die Verursacher dieser Maulverletzungen sind.

Feststeckende Pflanzenteile in den Läsionen.
Feststeckende Pflanzenteile in den Läsionen.

Zusätzlich wurde bei mehreren Tieren der Herde eine Blutuntersuchung durchgeführt, um die Versorgung mit Spurenelementen zu überprüfen. Dabei wurde festgestellt, dass drei von fünf Tieren einen Zinkmangel und ein Tier einen Selenmangel aufwiesen.

Futterwechsel und Optimierung der Mineralstoffversorgung

Das borstenhirsehaltige Dürrfutter wurde abgesetzt und stattdessen ein feines Emd verfüttert. Sobald es die Witterung und das Graswachstum zuliess, wurden die Tiere geweidet.

Um die Abheilung zu unterstützen, wurde das Maul der stärker betroffenen Alpakas mit einer Kamillelösung gespült und die Tiere erhielten ein Schmerzmittel. Bei Anzeichen einer zusätzlichen bakteriellen Infektion wurden sie über mehrere Tage mit einem Antibiotikum behandelt.

Als Massnahme wurde unter anderem das Dürrfutter ausgetauscht.
Als Massnahme wurde unter anderem das Dürrfutter ausgetauscht.

Die Mineralstoffversorgung wurde optimiert, insbesondere die Zinkversorgung, um das Immunsystem der Tiere und die Hautgesundheit zu stärken. In der Schweiz sind die natürlichen Quellen von Mineralstoffen im Futter für Neuweltkameliden, aber auch für kleine Wiederkäuer, oft unzureichend, und es ist daher unerlässlich, ihren Mineralstoffbedarf durch Supplementierung abzudecken.

Bis auf ein Tier mit sehr tiefen Wunden im Maul, konnten sich alle Alpakas von der Erkrankung erholen.

Lückenbüsser mit zunehmender Ausbreitung

Bei der graugrünen Borstenhirse, lateinisch Setaria pumila, handelt es sich um Lückenbüsser, welche ursprünglich aus warmen Gebieten stammen. Diese breiten sich mit den zunehmend hohen Temperaturen infolge des Klimawandels in der Schweiz immer mehr aus und sind schwer zu kontrollieren. Besonders bei hohen Temperaturen, wenn die anderen Gräser unter der Trockenheit und Hitze leiden, sind sie konkurrenzstark und bewachsen kahle Stellen.

Die Borstenhirse hat einen niederen Futterwert. Auf der Weide werden sie von den Tieren verschmäht. Im Dürrfutter können die Borsten zu Verletzungen in der Maulhöhle führen. Dies wurde nicht nur bei Alpakas, sondern auch bei Rindern beobachtet. Darum sollte aus Wiesen mit einem hohen Anteil an Borstenhirse Silage und kein Dürrfutter hergestellt werden.

Zur Sanierung stark borstenhirsehaltiger Wiesen sollten futterbauliche Bestandeslenkungsmassnahmen getroffen werden, wie das Vermeiden von Lücken in der Grasnarbe und die Förderung von qualitativ wertvollen Futtergräsern, allenfalls mit einer Übersaat oder Neuansaat. Die Einschleppung und Verbreitung der Borstenhirsesamen sollte vermieden werden: aufgepasst bei überbetrieblichem Maschineneinsatz oder beim Zukauf von Dürrfutter. Eine höhere Schnitthöhe von mindestens 8 bis 10 cm stärkt die Futtergräser und lässt der Hirse weniger Platz zur Ausbreitung.

Im Dürrfutter können die Borsten zu Verletzungen in der Maulhöhle führen, zudem hat die Borstenhirse einen niedrigen Futterwert.
Im Dürrfutter können die Borsten zu Verletzungen in der Maulhöhle führen, zudem hat die Borstenhirse einen niedrigen Futterwert.

Auch andere Pflanzenfresser können sich verletzen

Die harten Borsten der graugrünen Borstenhirse im Dürrfutter können Lippen, Gaumen und/oder Zunge der Tiere verletzen. Dies ist vor allem bekannt beim Rind.

Wie in diesem Fallbericht bei Alpakas beschrieben, ist es sehr gut möglich, dass auch andere Pflanzenfresser wie Schafe, Ziegen oder Pferde sich ähnliche Verletzungen durch die Borsten zuziehen könnten.

Marianne Gloor Arato ist Tierärztin und arbeitet in der Sektion Neuweltkameliden des Beratungs- und Gesundheitsdienstes für Kleinwiederkäuer (BGK/ SSPR).

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