Frida steht müde im Laufgang. Der Blick stumpf, die Ohren hängend. Die Red-Holstein-Kuh in sechster Laktation hat vor knapp fünf Monaten gekalbt und war richtig im Schuss – nun hat sie 39,8 Grad Fieber.
Was ist nur los mit Frida?
Am Abend zuvor hat sie noch weit über 20 Liter Milch gegeben, heute sind es noch elf. Ihr Durchfall schiesst wässrig und übelriechend aus ihr heraus. Ihr Besitzer steht ratlos daneben. Noch vor einer Woche zeigte das Thermometer auf seinem Betrieb im Berner Mittelland über 35 Grad im Schatten, inzwischen ist es merklich kühler geworden – und ausgerechnet jetzt, nach der Hitze, wird Frida krank. Zwölf Stunden später erwischt es zwei junge Kühe gleich mit. Bis zum Donnerstag erkrankt rund die Hälfte des ganzen Bestandes.
Die Zahl der Meldungen nimmt rasant zu
Anfang dieser Woche waren es einzelne Meldungen. Ein Betrieb hier, ein Betrieb dort, verstreut über das Mittelland. Dann wurden es von Tag zu Tag mehr: Durchfall, der wie ein Domino von Kuh zu Kuh durch die Herde geht, Fieberschübe, ein Milchleistungseinbruch, der weit über das hinausgeht, was Hitze bislang allein erklären liess.
Die Redaktion begann, Kontakte in den betroffenen Regionen abzutelefonieren. Und mit jedem Gespräch wurde klarer: Wir tappten im Dunkeln. Niemand – nicht die Tierärzte vor Ort, nicht die kontaktierten Fachstellen – konnte mit Sicherheit sagen, was hier eigentlich vor sich ging.
Bovines Coronavirus oder Winterdysenterie?
Vereinzelt wurden auf den betroffenen Betrieben Proben genommen. Unter den nachgewiesenen Erregern fand sich dabei immer wieder das bovine Coronavirus, kurz BCoV – eigentlich ein alter Bekannter. Es verursacht bei Kälbern in den ersten Lebenswochen einen der häufigsten Durchfallerreger überhaupt, mit einer Sterblichkeit von bis zu 20 Prozent im Ernstfall. Weniger bekannt ist eine dritte Verlaufsform, die erwachsene Rinder trifft und in der Fachliteratur Winterdysenterie heisst – explosionsartiger, oft dunkelgrüner bis blutiger Durchfall, Fieber zwischen 39,5 und 40,5 Grad (nicht bei allen Tieren; manche zeigen sogar Untertemperatur), ein Milcheinbruch von durchschnittlich der Hälfte, in Einzelfällen bis 95 Prozent.
Eine Herde kann innert einer bis zwei Wochen nahezu vollständig durchseucht sein. Auffällig: Ausgerechnet die Kälber bleiben auf den meisten betroffenen Betrieben verschont – anders als beim klassischen Kälberdurchfall trifft es fast nur die erwachsenen Kühe.
Der Name Winterdysenterie kommt nicht von ungefähr: Die Krankheit tritt klassischerweise nach Kälteeinbrüchen im Winter auf. Ein Ausbruch mitten im Sommer, über mehrere Betriebe hinweg, ist beispiellos. Mehrere Betriebe melden Zellzahlen bis 400 000, deutlich über dem Zielwert von 100 000, und mehrere hundert Liter Milch, die täglich fehlen. Erste Betriebe melden zudem bakterielle Lungenentzündungen als Folgeerkrankung – ausgerechnet dann, wenn die Temperaturen bereits wieder sinken.
Ist es ein Virus oder doch «nur» die Hitze?
Nicht alle glauben an ein Virus als Erklärung. Der Schweizer Bauernverband und Kontakte am Tierspital Bern ordnen das Geschehen zurückhaltender ein: Je trockener und wärmer, desto ausgeprägter das Problem – schlicht Hitzestress, der die Tiere allgemein anfällig mache. BCoV möge es eigentlich kühl, heisst es von dieser Seite; dass es in einzelnen Betrieben nachgewiesen wird, mache es noch nicht zur Ursache.
Beni Wyss, Tierarzt der Praxisgemeinschaft im luzernischen Willisau, bringt es auf den Punkt: Verdauungsprobleme in Hitzephasen seien normal – aber eine solche Häufung von Durchfallerkrankungen habe er in 30 Jahren Praxistätigkeit noch nie erlebt. Besonders hart trifft es Hochleistungsbetriebe, deren Tiere stoffwechselseitig ohnehin am Limit arbeiten. Auffällig: Die Krankheit breitet sich nicht von Region zu Region aus, sondern taucht praktisch gleichzeitig in fast jedem Dorf des Einzugsgebiets auf.
Ernst Wandfluh erreichen tragische Berichte
Dann kamen die Berichte, die aus einer Fachdebatte eine menschliche Geschichte machten. Ernst Wandfluh, SVP-Nationalrat, Landwirt im Berner Oberland und Präsident der Interessengemeinschaft öffentliche Märkte, war in Burgdorf BE, wo Bauern ihre Tiere auf den Schlachtviehmarkt brachten. Was diese ihm dort erzählt hätten, sei teils zutiefst tragisch gewesen, sagte er der BauernZeitung – darunter Berichte von Kühen, die an der Krankheit gestorben waren. Verschärft wird die Lage durch die Trockenheit: leere Weiden, knappes Grundfutter, dünnhäutige Bauern. Bemerkenswert: Der Handel an den öffentlichen Märkten bleibt trotzdem stabil.
Der Roboter zeigt Werte und Kurven
Ein Betrieb im Kanton Luzern schickte der Redaktion Screenshots aus seiner Melkroboter-App. Sie zeigen Kurven, die sonst brav um ihren Erwartungswert pendeln, und plötzlich einbrechen – bei mehreren Kühen um über 50 Prozent innert weniger Tage. Im Winter 2025/26 hatte derselbe Betrieb einen ähnlichen, kurzen Einbruch bei drei Tieren über vier Monate verteilt beobachtet. Jetzt, zwei Wochen nach dem ersten Fall dieses Sommers, sind 30 Prozent der 42-köpfigen Herde betroffen. Was früher ein Randphänomen war, ist binnen zwei Wochen zum Herdenproblem geworden. Und die üblichen Erklärungsmuster greifen nicht.
Auch robuste Rassen sind betroffen
Ein Landwirt aus dem Berner Seeland berichtete, dass es bei ihm keineswegs nur die empfindlichen Hochleistungstiere getroffen habe – auch robuste Rassen seien betroffen. Weidebetriebe und ganzjährige Laufstallhaltung melden gleichermassen Fälle. Weder Robustheit noch Haltungsform scheinen einen Unterschied zu machen. Praktisch jeder kontaktierte Betrieb hat in irgendeiner Form Fälle zu vermelden – ein Bild, das sich längst nicht mehr auf Bern und Luzern beschränkt. Auch aus dem Aargau, aus Solothurn, aus dem Baselland und mittlerweile auch aus der Ostschweiz laufen Meldungen ein. Heftig ist vor allem, wie viele Betriebe und wie viele Tiere von ganz ähnlichen, teils identischen Symptomen betroffen sind – quer durch die Regionen.
Ein Landwirt berichtete der BauernZeitung, bei ihm klappe derzeit jede sechste Kuh der Herde zusammen. Auffällig ist zudem, wie zurückhaltend viele Bauern mit der Öffentlichkeit geblieben sind: Die meisten wollen nicht namentlich genannt werden – aus Sorge, als Betrieb mit Problemen dazustehen. Die Bauern schweigen, während ihre Ställe voller kranker Tiere stehen.
Ein Verdächtiger, den man leicht übersieht
Selbst die Übertragung ist bislang rätselhaft geblieben – wenn es denn überhaupt etwas zu übertragen gibt. Ein Betrieb ohne jeden Tierarztkontakt, ohne besondere Bedenken, erkrankt trotzdem. Warum aber so viele Betriebe fast gleichzeitig, quer über mehrere Kantone hinweg und ohne erkennbaren Zusammenhang untereinander? Das spricht ebenso gut für einen gemeinsamen, nicht übertragbaren Auslöser wie für eine Ansteckungskette.
Die Fachliteratur liefert für Letzteres immerhin einen Verdächtigen, den man leicht übersieht: den Lastwagen. Eine norwegische Studie zeigt, dass BCoV auf Stethoskopen und Armbanduhren mindestens 24 Stunden infektiös bleibt; eine italienische Modellierung nennt Milchsammelwagen und Viehtransporter als Risikokategorien – Fahrzeuge, die praktisch jeden Betrieb regelmässig anfahren, unabhängig davon, ob sonst ein Besucher auf den Hof kommt.
Was die Tierärzte in dieser Sache diskutieren
Auch Gespräche mit weiteren Tierärztinnen und Tierärzten zeigten: Man läuft in Sachen Betreuung am Anschlag. Zur eigentlichen Ursache gehen die Einschätzungen dabei auseinander – ein Teil sieht den Hitzestress als Hauptursache, ein anderer hält einen viralen Auslöser für wahrscheinlicher. Einigkeit gibt es nicht.
Am Mittwoch hat die BauernZeitung mit Judith Peter-Egli gesprochen, Tierärztin und operative Leiterin beim Rindergesundheitsdienst. Der Dienst ist eigentlich für die Prävention eingerichtet, nicht für die Betreuung akuter Krankheitswellen – dennoch ist man dort sehr bemüht, sich einen Überblick zu verschaffen. Man wolle wissen, was da auf einen zukomme, und gewappnet sein, falls sich das Geschehen wiederhole, so Peter-Egli.
Sie erklärt den Mechanismus so: Bei Hitze leitet der Kreislauf der Kuh Blut vermehrt zur Haut, um Wärme abzugeben – auf Kosten der Durchblutung von Darm und Nieren. Der Darm wird dadurch schlechter versorgt und durchlässiger, Giftstoffe gelangen ins Blut, der Körper reagiert mit Fieber und Durchfall. Genau dieser Kreislauf, sagt Peter-Egli, mache über mehrere Tage hinweg den Unterschied zwischen einer Kuh, die sich erholt, und einer, die kippt.
Daten erfassen für das nächste Ereignis
Judith Peter-Egli und ihre Kolleginnen und Kollegen beim Rindergesundheitsdienst sammeln über einen Fragebogen systematisch, was auf den Betrieben passiert ist – nicht in erster Linie, um die aktuelle Welle zu stoppen, sondern um für die nächste Hitzeperiode besser vorbereitet zu sein. Die wichtigste Frage laute nicht «Virus oder Hitze», sondern: Wie können sich Betriebe künftig auf solche Ereignisse vorbereiten?

Ihre Empfehlung: Beregnung einsetzen, bei erkrankten Tieren gemeinsam mit dem Tierarzt die Symptome behandeln und das Futter überprüfen – faserarmes, rasch wachsendes Weidegras liefere dem Pansen oft nicht genug Puffer. Wahrscheinlich seien auch Viren mit im Spiel, sagt Peter-Egli. Entscheidend sei aber, das System der Kuh so zu unterstützen, dass es rasch wieder ins Gleichgewicht komme. Ihr Fazit: «Dieser Sommer bringt die Kühe an die Grenze. Manche sogar darüber hinaus.»
Ein Blick ins Archiv
Um einzuordnen, ob dieser Sommer wirklich aussergewöhnlich ist, lohnte der Blick zurück auf den Jahrhundertsommer 2003. Damals war praktisch der ganze Sommer heiss, mit einem Rekord-Juni und einem noch extremeren August (41,5 Grad in Grono GR, bis heute Schweizer Rekord) – kaum eine Verschnaufpause dazwischen. 2026 zeigte sich anders: zwei klar getrennte Hitzewellen mit einer kühleren Phase dazwischen. Die erste, vom 17. bis 29. Juni, gehörte laut Meteo Schweiz zu den intensivsten der Messgeschichte seit 1864 (34,5 Grad in Bern-Zollikofen BE, 39,0 Grad Spitzenwert in Basel BS, ein neuer Rekord von 13 Hitzetagen in Folge). Die zweite, schwächere Welle vom 9. bis 13./14. Juli brach um den 15./17. Juli mit Gewittern zusammen, die Temperaturen fielen auf 20 bis 25 Grad. Ohne Klimawandel, so die World Weather Attribution, wäre die Juni-Welle rund 3,5 Grad kühler ausgefallen.
Zu den Folgen von 2003 liefert ein Fachartikel von Agrarforschung Schweiz die verlässlichsten Zahlen: Ernterückgänge bis 20 Prozent, Gesamtverluste bis 500 Millionen Franken. Zu Durchfallwellen oder Todesfällen bei Milchkühen findet sich darin nichts – wobei Melkroboter mit Einzeltier-Tracking, die das heutige Bild überhaupt erst sichtbar machen, 2003 kaum verbreitet waren. Ob es damals ein ähnliches Geschehen gab, das schlicht nicht erfasst wurde, lässt sich nicht mehr klären.
Und dann die Daten, die am meisten zu denken gaben: Die Roboter-Kurven aus Luzern LU zeigten, dass die grosse Krankheitswelle nicht während der Hitze einsetzte, sondern drei bis sechs Tage nach deren Ende – exakt jenes Zeitfenster, das für eine verzögerte Reaktion auf Hitzestress beschrieben ist. Die Hitze war längst vorbei, als die Kühe reihenweise krank wurden.
2006 starben in den USA 40 000 Kühe
Tagelang tappt die Schweiz im Dunkeln: ein Erreger, der sich nicht eindeutig nachweisen lässt; eine Hitzestress-These, die zwar plausibel klingt, aber nicht erklärt, warum robuste Tiere ebenso leiden wie empfindliche, warum Weidebetriebe ebenso betroffen sind wie Vollstallhaltungen, warum die extremen Symptome manchmal erst Tage nach der eigentlichen Hitze eintreten. Genau an diesem letzten Punkt setzt eine wissenschaftliche Arbeit an, die für dieses dunkle Bild überraschend viel Licht bringt.
2022 veröffentlichte eine US-Forschungsgruppe um den Tierphysiologen Lance Baumgard im «Journal of Dairy Science» ein Übersichtsreview zum Thema Hitzestress bei Milchkühen. Die zentrale Erkenntnis: Hitze kann bei Kühen ein eigenständiges, kaum beachtetes Krankheitsbild auslösen, das notorisch unterdiagnostiziert wird – auch weil sich die Folgen oft erst Tage nach der eigentlichen Hitzebelastung zeigen, wenn die Umgebungstemperatur längst wieder harmlos erscheint. Entscheidend ist dabei: Hitze wirkt nicht nur auf einzelne, besonders empfindliche Tiere, sondern kann ganze Herden und ganze Regionen gleichzeitig treffen, weil praktisch jede Kuh unter denselben Bedingungen steht. Ein grossflächiger Krankheitsherd, ausgelöst durch dasselbe Wetter, nicht zwingend durch einen einzelnen, sich ausbreitenden Erreger. Als Beispiel für das Ausmass, das eine solche Welle annehmen kann, nennen die Autoren die Hitzewelle 2006 in Kalifornien, die rund 40 000 Milchkühen das Leben kostete.
Hitzetoxizität und Hitzesepsis führen zum Tod
Die Autoren beschreiben zwei ineinandergreifende Pfade zum Tod: «Hitzetoxizität», die direkte thermische Gewebeschädigung, und «Hitzesepsis» – letzteres bedeutet, dass körpereigene Darmbakterien über einen durchlässig gewordenen Darm («Leaky Gut») in die Blutbahn gelangen und eine echte Sepsis auslösen, ganz ohne dass ein neuer, von aussen eingeschleppter Erreger nötig wäre. Die Kaskade: Der Kreislauf leitet bei Hitze Blut zur Haut um, der Darm wird schlechter durchblutet und durchlässig, bakterielle Endotoxine gelangen ins Blut, es folgen eine überschiessende systemische Entzündungsreaktion (SIRS), eine Gerinnungsstörung, schliesslich Multiorganversagen und Kreislaufversagen.
Der Tod, so die Autoren, trete «akut oder Tage nach der Hitzebelastung» ein – selbst wenn die Umweltbedingungen längst nicht mehr belastend seien.
Diese eine Arbeit könnte auf einen Schlag mehrere Rätsel dieser Geschichte beantworten: warum der Tod bei einigen Kühen erst nach der Abkühlung eintrat; warum kein neuer Erreger nachweisbar sein musste, damit Tiere schwer erkrankten; warum das Geschehen so breit über Regionen, Rassen und Haltungssysteme streute – denn Hitzestress selbst, nicht ein spezifischer Keim, ist der gemeinsame Nenner. Die Arbeit erklärt weiter, warum praktisch niemand auf Anhieb eine Diagnose stellen konnte: Genau das beschreiben die Autoren als typisch. Lethal Heat Stress wird, ihren eigenen Worten zufolge, «fast immer falsch diagnostiziert».
Wie es weitergeht
Ganz aufgeklärt ist die Geschichte damit nicht. Ob tatsächlich das bovine Coronavirus als Mitspieler beteiligt ist, oder ob der Hitzestress allein für das gesamte Bild verantwortlich ist, lässt sich nach heutigem Stand nicht abschliessend beantworten. Am selben Mittwoch, an dem das Gespräch mit dem Rindergesundheitsdienst stattfand, meldete auch der Kanton Thurgau erste Fälle – die Ostschweiz ist damit ebenfalls dort angekommen, wo zuvor schon Bern, Luzern, Aargau, Solothurn und Baselland betroffen waren. Unter den Meldungen sind immer wieder besonders heftige: Kühe, deren Stoffwechsel sich regelrecht verabschiedet, wie es ein Kontakt formulierte. Die Meldungen aus den Regionen nehmen unterdessen weiter zu, nicht ab.
Frida hat sich unterdessen erholt. Ihr Fieber ist innert Stunden gesunken, der Durchfall nach wenigen Tagen abgeklungen. Auch ihre alte Milchleistung hat sie schon fast zurück. Andere Kühe in anderen Ställen haben das nicht. Die Frage, die am Anfang stand – Virus oder Hitze? –, ist heute keine Entweder-oder-Frage mehr. Es könnte, das zeigt die Forschung, in vielen Fällen beides zugleich sein: eine Hitze, die zuerst den Kreislauf, dann den Darm und am Ende manchmal den ganzen Körper aus dem Gleichgewicht bringt. Genug Licht, um zu verstehen, was passieren kann. Nicht genug, um mit letzter Sicherheit zu sagen, was gerade tatsächlich passiert.
Nach der Hitze folgt die Krankheit
Derzeit erkranken reihenweise Milchkühe an Durchfall, Fieber und massivem Milcheinbruch – eine Kuh nach der anderen, einige Tiere sterben sogar. Die ganze Woche über war man auf der Suche nach der Ursache für den flächendeckenden Ausbruch im Mittelland und tappte lange im Dunkeln. Klar ist: Die Hitze scheint ein entscheidender Faktor zu sein. Auffällig ist aber, dass die Krankheit mehrheitlich erst mehrer Tage nach der eigentlichen Hitze ausbricht. Und genau das beschreibt schliesslich eine Studie als «Lethal Heat Stress»: Hitze kann über einen durchlässigen Darm eine Sepsis auslösen, ganz ohne neuen Erreger.
Was unterscheidet 2026 von 2003?
Die Temperaturen der beiden Sommer liegen nahe beieinander. Der Juni 2026 erreichte gemäss dem Klimabulletin von Meteo Schweiz eine landesweite Monatsmitteltemperatur von 16,2 Grad (+3,5 Grad zur Referenzperiode 1991–2020) und damit Rang 3 seit Messbeginn 1864 – knapp hinter dem bisherigen Rekordhalter Juni 2003 mit 17,3 Grad (+4,7 Grad). Für den Juli 2026 selbst gilt laut SRF Meteo etwas Überraschendes: Die aktuellen Werte fühlen sich nach der Hitze der letzten Wochen kühl an, liegen statistisch aber ziemlich genau im langjährigen Durchschnitt. Es ist also nicht tatsächlich kälter als sonst, es fühlt sich nur so an. Was sich effektiv unterscheidet, ist der Verlauf: 2003 zog sich die Hitze praktisch ohne Unterbruch durch den Sommer, 2026 folgte auf die Rekordwelle im Juni ein deutlicher, mehrtägiger Kälteeinbruch und genau in dieses Fenster fällt der Beginn der aktuellen Krankheitswelle.
Naheliegend ist dabei der Einwand: Es ist doch gar nicht mehr heiss, wie kann das dann noch Hitzestress sein? Genau das widerlegt die Forschung zu «Lethal Heat Stress»: Krankheit und Tod treten den Studien zufolge häufig erst Tage nach der eigentlichen Hitzebelastung ein, wenn die Umgebungstemperatur längst wieder harmlos erscheint. Das ist mit ein Grund dafür, dass das Syndrom in der Praxis so oft übersehen oder falsch diagnostiziert wird.
Deutlicher als beim Wetter ist der Unterschied bei der Kuh selbst. Auf Anfrage liefert Swissmilk dazu Zahlen aus der Milchstatistik der Schweiz: Die Milchleistung pro Kuh ist in den wichtigsten Rassen zwischen 2001/02 und 2025 um 5 bis 25 Prozent gestiegen, im Schnitt rund zehn Prozent. Bei Holstein ging es von 7567 auf 9321 Kilogramm pro Standardlaktation hoch, ein Plus von 1754 Kilogramm; bei Red Holstein von 7567 auf 8386 Kilogramm. Selbst das robuste Braunvieh legte gemäss Braunvieh Schweiz um 923 Kilogramm zu, von 6374 auf 7297. Für 2003 selbst zeigt die damalige Milchstatistik der Schweiz, dass die Leistung pro Tier im Milchjahr 2003/04 nicht tiefer lag als 2001/02 – der Hitzesommer drückte die Jahresleistung damals also nicht sichtbar runter.
Zusammengenommen: Dieselbe Hitze trifft heute eine Kuh, die im Schnitt rund zehn Prozent mehr leistet als 2003 – und einen Wetterverlauf, der statt einer durchgehenden Hitzeperiode einen scharfen Wechsel von Hitze zu Kälte bringt.

