Plus

«Der Mensch gehört nicht ins Beuteschema des Wolfes»

Mit einem Sonderkredit von 5,7 Mio für den Herdenschutz wehrt sich der Bund gegen den Wolf. Die Gründe für die hohe Wolfspräsenz sind vielfältig. Am Fachabend Herdenschutz vom Strickhof wurde über das Grossraubtier und die verschiedenen Herdenschutzmassnahmen informiert.

In der Schweiz gibt es katzenartige (z. B. Wild- und Hauskatze) und hundeartige (z. B. Wolf und Fuchs) Raubtiere. Ebenfalls vertreten in der Schweiz sind der Luchs, der Marderhund und der Marder. Mit diesem Überblick startete Jürg Zinggeler sein Referat zum Thema «Der Wolf in der Schweiz und im Kanton Zürich» beim Fachabend Herdenschutz vom Strickhof.

Der Wolf ähnelt in seinem Aussehen stark dem Schäferhund. Männliche Tiere wiegen bis zu 36 kg und weibliche bis zu 28 kg. Die Körpergrösse liegt zwischen 60 bis 80 cm Schulterhöhe und einer Körperlänge von 100 bis 150 cm.

Menü: 4 kg Fleisch

Der tägliche Fleischbedarf liegt zwischen 2 bis 4 kg. Das verdeutlicht, dass bei einer Rudelgrösse von drei bis acht Tieren eine grössere Menge Fleisch zur Verfügung stehen muss.

Der Wolf frisst neben Kleinnagern, Rehen, Gämsen, Schafen, Ziegen und Rindern auch Aas und Abfälle. Bei uns lebt der Wolf in waldreichen Zonen der Alpen und Voralpen, kommt aber regional sehr verschieden vor. Die Wohngebietsgrösse kann zwischen 100 (Abruzzen) und 2000 km2 (Skandinavien) variieren. Im April oder Mai werden drei bis sieben Junge geboren. Dabei ist der Wolf ein Hetzjäger, er rennt seiner Beute also nach.

148 Wölfe in der Schweiz

In der Schweiz gibt es aktuell elf Rudel und fünf grenzüberschreitende Rudel, welche total 148 Tiere ausmachen. Entsprechend zu der steigenden Anzahl an Wölfen sind auch die Risse in den letzten Jahren angestiegen, jedoch nicht im Jahr 2021. Eine mögliche Erklärung ist die Verbesserung des Herdenschutzes. Im Gegensatz zum Luchs wurde der Wolf in der Schweiz nicht wieder angesiedelt, sondern ist selbstständig zurückgekehrt. Gründe dafür sind, dass er 1975 in Italien unter Schutz gestellt wurde, Waldflächen zugenommen haben, die Erholung der Beutetier-Population und die hohe Anpassungsfähigkeit des Raubtieres. Auch die geänderte Einstellung eines Grossteils der Bevölkerung gehört zu den Gründen.

Die Überwachung des Bestandes kann durch verschiedene Methoden umgesetzt werden:

  • tote Grossraubtiere
  • gerissene Nutztiere
  • Zufallsbeobachtungen
  • Fotofallenmonitoring
  • akustisches Monitoring
  • Besenderung
  • genetische Analysen.

Das genetische Monitoring hat mehrere Ziele, z. B. die Erkennung von Wolf-Hund-Hybriden, Rudelzusammensetzung oder genetischer Austausch mit benachbarten Populationen feststellen.

Der erste Wolf im Kanton Zürich wurde 2015 zufällig durch eine aufgestellte Fotofalle registriert. Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema eines Wolfes, auch nicht bei Hunger.

In Europa kam es in den letzten 50 Jahren zu fünf Fällen von tödlichen Wolfsangriffen und bei allen Fällen waren die Wölfe krank. In Spanien wurden in der gleichen Zeit allerdings vier Menschen von gesunden Wölfen getötet. Hier konnten die Gründe nicht eruiert werden.

In den letzen Jahren hat die Wolfspräsenz stark zugenommen. Dies spiegelt sich in den Zahlen von Rissen wieder.
In den letzen Jahren hat die Wolfspräsenz stark zugenommen. Dies spiegelt sich in den Zahlen von Rissen wieder.

Mindestens 3000 Volt

Andrea Sulig von der Agridea und Isa Steenblock vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) gaben beim Strickhof Fachabend Herdenschutz einen Überblick über die verschiedenen Herdenschutzmassnahmen.

Beim Herdenschutz mit Zäunen wird zwischen einem Grundschutz und einem empfohlenen Schutz, der finanziell unterstützt wird, unterschieden. Weidenetze der Höhe 0,9 m gut gespannt und mit einer Stromspannung von mindestens 3000 Volt sowie Litzenzäune mit vier Litzen fallen unter den Grundschutz. Diese werden nicht finanziell unterstützt. Finanziell unterstützt werden Weidenetze mit einer Höhe von 1,05 m. Litzenzäune müssen fünf Litzen aufweisen, die unterste darf maximal 20 cm Bodenabstand aufweisen und muss immer stromführend sein. Diese Zäune werden mit 1 Franken pro Laufmeter entschädigt. Der Antrag kann alle fünf Jahre erneuert werden und das maximale Kostendach für die elektrische Verstärkung und den erschwerten Unterhalt beträgt Fr. 10'000.– pro fünf Jahre.

Das Formular für einen Antrag findet man auf der Website von Herdenschutz Schweiz unter Downloads. Wichtig ist, dass das ausgefüllte Formular immer zuerst an den kantonalen Herdenschutzbeauftragen gesendet werden muss und die Kaufbelege mit eingereicht werden müssen. Dieser bearbeitet das Formular, nimmt bei Fragen Kontakt mit dem beantragenden Betrieb auf und sendet es dann weiter an die Agridea. Für den Kanton Zürich ist das Bruno Zähner. Kantone ohne Herdenschutzbeauftragte nehmen Kontakt mit der Agridea auf.

Die Betriebszaunpauschale

Im Mai 2022 beschloss das Bafu einen Sonderkredit für den Herdenschutz im Umfang von 5,7 Millionen Franken – finanziert zu 80 % durch das Bafu und 20 % durch den Kanton. Durch diesen Sonderkredit sollen zusätzliche Aufwände im Bereich Herdenschutz für dieses Jahr abgegolten werden. Dafür wurden Kriterien festgelegt, die gefördert werden sollen.

Neben Massnahmen auf der Alp gibt es auch Beiträge für Heimbetriebe, sogenannte Betriebszaunpauschalen. Diese Pauschalen werden anhand der vorhandenen Dauerweidefläche eines Betriebes berechnet und der Kanton stellt einen Antrag an das Bafu. Die Kantone müssen diese Anträge bis Ende November an das Bundesamt weitergeleitet haben. Nähere Informationen findet man im Anhang 3 Beitragsliste Herdenschutz.

Aufgrund der Vorkommnisse mit Mutterkühen in diesem Sommer stellt sich immer mehr die Frage, wie Mutterkühe und ihre Kälber geschützt werden können. Aktuell gelten Rinder, die älter als zwei Wochen sind, als geschützt.

Live vom Praxisteil des Fachabends: Bruno Zähner vom Strickhof stellt die verschiedenen Herdenschutzzäune vor.
Live vom Praxisteil des Fachabends: Bruno Zähner vom Strickhof stellt die verschiedenen Herdenschutzzäune vor.

Zäune schnell abräumen

Bruno Zähner machte im Praxisteil vom Fachabend klar, wie wichtig es ist, die Zäune, seien es Netze oder Litzen, zum Schutz der Wildtiere schnellstmöglich nach Verlassen der Weiden abzuräumen. Auch um dem Wolf nicht beizubringen, dass Zäune keine Gefahr für ihn darstellen, sollten Zäune ohne Stromführung und ohne eingezäunte Tiere nicht stehengelassen werden. Damit unter den diesjährigen trockenen Bedingungen mit dem entsprechenden Gerät eine Stromspannung von 3000 Volt erreicht werden kann, muss mit vier Stäben geerdet werden und die Erdungsstelle nass sein.

Die Standortwahl des Stromgerätes soll, wenn möglich die nässeste Stelle der Weide sein. Bruno Zähners Tipp dazu: Bei der täglichen Wasserkontrolle, das zu wechselnde Wasser aus dem Kessel oder Wanne für die Befeuchtung der Erdungsstelle verwenden. Der Unterhalt der Zäune ist für einen funktionierenden Schutz ebenso wichtig: regelmässiges Ausmähen, auch bei mässigem Bewuchs und straff gespannte Netze.

Bruno Zähner empfiehlt weiter, beim Grundschutzzaun zusätzliche Flatterbänder in blau-weisser-Farbe für eine bessere Sichtbarkeit anzubringen. Die blau-weissen Flatterbänder können gratis bei der Agridea beantragt und bezogen werden. Neuere Herdenschutzzäune verfügen über verschiedene Farben, bei welchen die Empfehlung über das Anbringen von Flatterbänder für eine verbesserte Sichtbarkeit entfällt.

Er schlüpft unten durch

Untersuchungen haben gezeigt, dass der Wolf bei einem Angriff meist unter dem Zaun hindurch in die Herde eindringt. Kratz- und Scharrspuren sind oft eindeutige Wolfsspuren. Deshalb wurde beim neu empfohlenen Herdenschutzzaun auf einen speziell verstärkten Bodenbereich geachtet. Der neue Herdenschutzzaun verfügt ausserdem über ein neues Verstrebungssystem, welches die Zäune auch bei Schnee und schlechten Witterungsbedingungen besser gespannt hält.

Weitere Informationen zum Herdenschutz finden Sie hier.

Weiterlesen

  • Die Bergkäserei Marbach richtet die Segel neu aus

    Die Bergkäserei Marbach richtet die Segel neu aus

    Zehn Millionen wurden in Käserei, Lagerung, Erlebnis, Bistro und Laden investiert. Anstatt Masse, werden nun eigene und Emmi-Spezialitäten produziert.
    Show more
  • Sind die heutigen Landwirte morgen Energiewirte?

  • Eine Petition will die Bio-Schule Schwand retten

    Plus