«Es hat uns so begeistert! Was die Raupen innerhalb dieser kurzen Zeit leisten, ist gewaltig», beschreibt Daniel Spengeler seine ersten Erfahrungen mit seinen Seidenraupen. Er und sein Vater seien erst einmal skeptisch gewesen, als seine Mutter 2009 nach einem Radiobericht eine Seidenraupenaufzucht besichtigen wollte.
Vom Kinderzimmer zur professionellen Anlage
Hätte es Daniel Spengeler keine Freude bereitet, so hätten sie die Seidenproduktion nicht weiterverfolgt. Im Jahr 2010 startete die Familie und zwei Jahre später übernahm Daniel Spengeler den Betrieb im luzernischen Menznau. Investiert wurde vorerst nur in die Maulbeerbaumplantage, in geeignete Räumlichkeiten wollten die Spengelers vorerst nicht investieren. Deshalb wurden die ersten Raupen im Kinderzimmer aufgezogen.
Anschliessend haben sie in den Keller gewechselt, allerdings sei der Aufwand immens gewesen. Be- und Entfeuchter, Heizöfen und begrenzte Platzverhältnisse. Heute sieht es anders aus. Der 39-Jährige hat nebst einem neuen Wohn- und Ökonomiegebäude auch in professionelle Räumlichkeiten investiert. Als gelernter Zimmermann und Landwirt konnte er vieles in Eigenleistung umsetzen. Heute gehört seine Seidenfarm zu den vier grössten der Schweiz.
Nicht Hunderte, sondern Tausende von Raupen
70 000 Raupen könnte er gleichzeitig aufziehen, erzählt der dreifache Vater. «Aber man muss damit auch ‹z’schlag› kommen», relativiert er. Gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Frau seien 30 000 bis 40 000 Raupen pro Aufzucht gut zu versorgen.
«Es ist eine körperlich leichte Arbeit, aber sie ist sehr anspruchsvoll.» Daniel Spengeler kauft die Raupen als Eier und lässt sie bei sich schlüpfen. Sobald sie geschlüpft sind, beginnt das grosse Fressen. Rund 700 Maulbeerbäume liefern Nahrung für die Raupen.
Viermal täglich werden sie mit frischen Blättern versorgt. Bewährt haben sich da Bäume mit grossen Blättern, zum einen, weil die Ernte effizienter ist, zum anderen, weil sie sich besser abreissen lassen. Zunächst werden nur die jungen, noch zarten Blätter geerntet. Sie werden von Hand abgerissen und anschliessend maschinell auf die aktuelle Grösse der Raupen zerkleinert.
Das hat einen Grund: Die noch kleinen Raupen fressen immer vom Blattrand in die Mitte. Sind die Blätter zu gross, verlieren sie zu viel Energie, um an den Rand zu kriechen. Dadurch würden sich nicht alle Raupen gleichzeitig häuten und einspinnen, da sie unterschiedlich weit entwickelt wären.
Innerhalb der ersten 15 Tage häuten sich die Raupen viermal. Ihre Endgrösse beträgt sieben bis neun Zentimeter Länge und ein Gewicht von ungefähr fünf Gramm. Während dieser Zeit vertilgen die 35 000 Raupen ungefähr eine Tonne Blätter.

Raupen sind sensible Tiere
Es darf weder Spritzmittel in der Nähe der Maulbeerbäume ausgebracht werden, noch dürfen sich potenzielle Schadstoffquellen wie ein Mückenstecker im Nebenraum oder Weichspüler an einem Tuch befinden, das mit den Raupen oder dem Futter in Berührung kommt.
Denn all das kann eine komplette Brut vernichten. Nach etwa 28 Tagen beginnen die Raupen, sich einzuspinnen. Dafür werden sie in spezielle Kartonrahmen gebracht, wo jede Raupe ihren eigenen Platz sucht und sich während drei Tagen mit Seide umhüllt, bevor sie sich dann im Kokon verpuppt.

Aus einem Kokon gewinnt der Landwirt rund zwei Gramm Seide; der daraus entstehende Faden kann bis zu drei Kilometer lang sein. Allerdings lässt sich nur etwa die Hälfte davon als Rohseide nutzen, der Rest wird zu Schappeseide verarbeitet.
Während der Metamorphose werden die Kokons getrocknet und zum Abhaspeln gebracht. Aus der Schweizer Seide entstehen Schals, Accessoires, aber auch Produkte wie Cremes und Zahnimplantate.
Tiefe Seidenpreise, aber spannendes Handwerk
Aufgrund des vergleichsweise tiefen Seidenpreises sei es für die Betriebe entscheidend, zusätzlich Führungen anzubieten, um eine Mischrechnung zu erzielen. Die Puppen nimmt, nach dem Abhaspeln, der Verein «Swiss Silk», dem auch die Farm von Daniel Spengeler angehört, wieder zurück.
Der Verein verkauft die Puppen als Hamsterfutter. Der Kot der Raupen geht in das Güllenloch und dient später als Dünger für Felder und Wiesen.



Auch die Maulbeerbäume werden komplett genutzt


Im Frühling werden die Bäume tief heruntergeschnitten, ähnlich wie Weiden, damit sie kräftig austreiben. Während der Raupenaufzucht fährt der Landwirt alle zwei Tage mit dem Rasentraktor etappenweise durch die Plantage, um das Gras niedrig zu halten.
Nach der letzten Aufzucht im Herbst müssen sämtliche Blätter geerntet werden, damit diese nicht auf den Boden fallen und Pilze und Fäulnis begünstigen. Die Blätter füttert Daniel Spengeler einerseits seinen Schweinen, die sich regelrecht darauf stürzen. Andererseits stellen Spengelers daraus Tee her und lassen einen Teil als Sirup verarbeiten.
Die Beeren, die wegen der intensiven Blatternte zwar nicht besonders zahlreich sind, werden zu Maulbeersaft. Dieser enthält unter anderem Antioxidantien, Vitamin C, Eisen und weitere Nährstoffe.
Damit schliesst sich der Kreislauf nicht nur beim Seidenspinner – dem Falter der Seidenraupe – sondern auf dem gesamten Betrieb: von A wie Anpflanzen und Pflegen der Maulbeerbäume bis Z wie Zwirnen und Weiterverkaufen der Seide.

Betriebsspiegel Fluck Seidenfarm, Menznau
Betriebsleiter: Daniel Spengeler
LN: 12ha
Bäume: 700 Maulbeerbäume, diverse Hochstammfeldobstbäume
Tiere: 18 Mutterkühe, 12 Muttersauen, 5 Alpakas und tausende von Seidenraupen

