Wildpflanzen-Saatgut produzieren: lukrativ, aber anspruchsvoll

Familie Burri hat jahrelange Erfahrung im Anbau von Wildpflanzen für diverse Mischungen. Entscheidend sind ein gutes Unkrautmanagment – und eine hohe Motivation.

Die Samen in Johannes Burris Hand sind winzig. Sie stammen vom wilden Oregano und wurden in mehreren Durchgängen mit speziell dafür  gebauten Felderntern geerntet. Jetzt trocknet das Pflanzenmaterial in  einer der zahlreichen Trocknungspaloxen auf dem Ebnethof in Lenggenwil SG. Gleich daneben liegen Ziest, Flockenblumen oder Wiesenschwingel in ihren Boxen.

Die Samen von Wildpflanzen sind sehr unterschiedlich. Diejenigen des wilden Oreganos werden mit einem speziell gebauten Feldernter geerntet. Anderes lässt sich dreschen. (Bild: Jil Schuller)

Von vorn anfangen, wenn sich eine Sorte bildet

Familie Burri produziert Saatgut, das sich nicht nur in seiner Grösse und Vielgestaltigkeit von Getreide oder Kartoffeln unterscheidet. Diese Kulturen kennt man aus der Vermehrung in der Schweiz. Aber beim Wildpflanzengeschäft ist genetische Vielfalt das oberste Ziel. «Wenn sich aus einer Art eine Sorte herausbildet, müssen wir wieder von vorn beginnen», bekräftigt Johannes Burri.

«Reinkulturen mit toleriertem Unkraut», um Saatgut zu vermehren

Während Getreidesaatgut sortenrein sein und ein Bestand möglichst gleichmässig abreifen sollte, betreiben Burris mit den Wildpflanzen einigen Aufwand, um das Gegenteil zu erreichen. Johannes Burri leitet für UFA Samen die Vermehrungsorganisation (VO) für Wildpflanzen in der Schweiz und macht sich der Nachfrage entsprechend auf die Suche nach der gewünschten Art in der passenden Region.

«Pre-Basissaatgut sammeln wir – mit Erlaubnis des Besitzers und des Kantons – in mehreren Durchgängen im Abstand einiger Wochen», erläutert der Landwirt. So landen Pflanzen derselben Art mit unterschiedlichen Blühzeitpunkten im Pre-Basissaatgut. Um weiterhin alle Eigenschaften der eingesammelten Population zu erhalten, folgt als nächster Schritt die Aussaat in Schalen. Anschliessend kommen die Pflanzen ins Feld, streifenförmig je Art getrennt. Burri spricht von «Reinkulturen mit toleriertem Unkraut».

Die erste Station des Wildpflanzensaatguts sind solche Ansaatkistchen. Was von aussen wie ein schlecht gepflegtes Wuchern aussieht, hat ein klares System. Einige Arten brauchen ein bis mehrere Jahre, ehe sie auskeimen. (Bild: Jil Schuller)
Hier sind die Wildpflanzen bereits pikiert. Sie kommen in Presstöpfen aufs Feld. (Bild: Jil Schuller)
«Reinkultur mit toleriertem Unkraut», nennt Johannes Burri den Anbau im Feld. Hier blüht Mitte September das Echte Seifenkraut. Verkauft wird es z. B. in der UFA-Mischung «UFA Hochstaudenflur feucht CH-G», einer Saumgesellschaft für schattige und feuchte Standorte. (Bild: Jil Schuller)

Kann ein sehr guter, spannender Betriebszweig sein

Das so gewonnene Basissaatgut lagert UFA-Samen, sorgfältig nach Herkunft getrennt. «Wir haben aktuell 576 Arten, 1600 Herkünfte und arbeiten mit 18 Produktionsregionen», erklärt Michael Burri, Bereichsleiter Wildblumen bei UFA-Samen und Sohn von Johannes Burri.

Zur Vermehrung kommt das Basissaatgut auf einen von aktuell rund 60 Betrieben, verteilt durch die ganze Schweiz. Die hohen Preise machen die Produktion von Wildpflanzen-Saatgut attraktiv. «Es kann ein sehr guter, spannender und lukrativer Betriebszweig sein», bestätigt Johannes Burri. «Aber es ist alles andere als leicht verdientes Geld – es wird einem nichts geschenkt», betont er.

Viele Arten – einige passen immer

Die schiere Menge von Wildpflanzen verunmöglicht pauschale Aussagen zur Vermehrung. Jede Art hat ihre eigenen Bedürfnisse und Eigenschaften, die es zu berücksichtigen gilt. «Zuerst zeigen wir den interessierten, zukünftigen Saatgutproduzenten jeweils, was wir machen», schildert Michael Burri.

Später stehen die Voraussetzungen auf dem jeweiligen Betrieb inklusive Standorte und Mechanisierung im Vordergrund. Hier ist die Vielfalt ein Vorteil: «Wir haben noch immer etwas gefunden, das passt», meint Burri. Da auch Anspruchsvolleres vermehrt werden sollte – z. B. Glockenblumen, deren kleine Samenkapseln man von Hand erntet und wo erst 35 000 Samen ein Gramm ergeben – gibt es meist eine Kombination mit einfacheren Arten auf demselben Betrieb. Das senkt auch das Risiko, das bei Wildpflanzen ohnehin erhöht ist: Die Produktionsmenge des Saatguts kann laut Burris von Jahr zu Jahr stark schwanken.

Manches «Unkraut» ist sogar hilfreich, es kommt auf den Einzelfall an

Es gibt ein- und mehrjährige Wildpflanzen für die Vermehrung. «Wenn z. B. eine Parzelle während mehrerer Jahre belegt sein soll, wählen wir die Art entsprechend aus», sagt der UFA-Fachmann. Wichtig ist das Unkrautmanagement – wobei, wie angetönt, ein absolut reiner Bestand nicht unbedingt zielführend ist. «Es kommt darauf an, welche Art vermehrt werden soll, wie gross die Konkurrenz wird und ob sich Samen der Begleitflora vom Zielsaatgut trennen lassen», erläutert Johannes Burri.

Was nicht stört, kann bleiben – und hat mitunter positive Effekte. So schützen Begleitpflanzen den Boden vor Erosion und können ein Mikroklima schaffen, in dem die gewünschten Wildpflanzen erst richtig gedeihen. Auch seien diese mit Begleitung gesünder, beobachten Burris. «Heuer hat die Hirse vor Hitze und Sonnenbrand geschützt – als Reinkultur ging der Wiesenschwingel an einem Südhang ein», so Johannes Burri.

Mit den richtigen Maschinen und dem nötigen Willen lässt sich seiner Erfahrung nach auch ein Bestand mit gewisser Verunkrautung schadlos ernten, mit anschliessender Aufbereitung der gewünschten Art.

Im linken Streifen wächst Knoblauchhederich. Die Pflanze ist zweijährig und blüht früh im Jahr, weshalb die Gesellschaft von Knöterich und Ehrenpreis kaum stört. (Bild: Jil Schuller)
Zum Trennen des geernteten Wildpflanzensaatguts kommen Maschinen zum Einsatz, wie man sie aus Getreidesammelstellen kennt (siehe Bild) – nur allenfalls etwas kleiner. Darunter ist aber auch modernste Technik, etwa ein Farbausleser mit KI-Erkennung. (Bild: Jil Schuller)

Die Produktionsparzellen von Wildpflanzen-Saatgut sind keine BFF

Michael Burri spricht lieber von Begleitflora als von Unkraut. «So gesehen wären sonst alle Wildpflanzen Unkraut», gibt er zu bedenken. Was heute zur Förderung der Biodiversität auf BFF ausgesät wird, waren früher vielfältige, spontane Begleiter normaler Ackerkulturen.

Die Vermehrungsflächen von Wildpflanzen ziehen zwar je nach Art mitunter scharenweise seltene Insekten und rare Vögel an. So tummeln sich Distelfinken oder Schmetterlinge an ihren Futterpflanzen, die in so ungewohnter Fülle zur Verfügung stehen. Die Produktionsparzellen selbst gelten aber als intensiver Ackerbau und sind keine BFF. Da stellt sich die Frage nach der Düngung. Zumal von Landwirt(innen) immer wieder zu hören ist, ihre BFF würden aushungern und dadurch verarmen.

Nährstoffe sind erwünscht, verändern aber die Konkurrenz

«Jede Pflanze  braucht Nährstoffe zum Wachsen und Gedeihen», stellt Michael Burri klar. Das gilt auch für Wildpflanzen – inklusive jener, die auf Magerstandorten typisch sind. Daher baut man auch sie in der Vermehrung auf gut versorgten Ackerböden an. «Mit der Düngung werden Gräser stärker», beschreibt Burri das generelle Muster in der Natur. Der Nährstoffgehalt des Bodens bestimmt die Konkurrenzstärke verschiedener Arten. «Wenn man aber Gräser und andere Profiteure im Griff behält, danken es die zu vermehrenden Wildpflanzen, indem sie grösser werden und mehr Samen produzieren.»

Um unerwünschtes Grün in Schranken zu weisen, wird bei Bedarf gejätet, gestriegelt oder – in Ausnahmesituationen und in Absprache – ein selektives Herbizid eingesetzt. Insektizide und Fungizide sind in der Produktion von Wildpflanzensaatgut hingegen tabu.

Bei der Frage der Düngung gelte es also, auf die Pflanzengesellschaft zu achten. Eine behutsam gedüngte Fromentalwiese erhält ihren Bestand, Trespenwiesen bestehen aus Magerspezialisten und brauchen keine Nährstoffzufuhr. «Früher wurde auch noch ganz anders gedüngt», merkt Michael Burri an. Es kam praktisch nur Mist aufs Feld, und zwar ungleichmässig verteilt. «Wo der Mist lag, verbrannten die Pflanzen und es entstand ein nährstoffreicher Flecken.» Insgesamt war das Resultat ein kleinteiliges Mosaik verschiedener Lebensräume. Moderne Düngertechnik ist auf das Gegenteil – gleichmässiges Ausbringen – ausgelegt und somit für BFF kaum förderlich.

Das Saatgut ist gefragt und bringt Vorteile

UFA-Samen kann aktuell die steigende Nachfrage nach hochwertigem Wildpflanzen-Saatgut kaum decken. Zur Kundschaft gehören neben der Landwirtschaft (für BFF) auch Gärtner, Gemeinden oder Private, etwa für Dachbegrünungen.

Neue landwirtschaftliche Vermehrungsbetriebe sind gesucht. Und damit Betriebsleiter(innen), die sich auf diese spezielle Produktion einlassen wollen. Der Aufwand lohne sich und die hohen Preise seien gerechtfertigt: «Regionales Saatgut verspricht ausdauernde BFF von hoher Qualität und grossem Blumenanteil», sagt Michael Burri.

Eingeschränkte Vielfalt bei einer Mahdgutübertragung

Früher stammte das Saatgut aus dem Ausland, erinnert sich Johannes Burri. Der nächste Schritt waren Schweizer Ökotypen, die an die hiesigen Verhältnisse angepasst sind und entsprechend besser mit dem Klima umgehen können. Jetzt gibt es regionale Ökotypen, deren Saatgut hochwertige BFF verspricht. Ein anderer Weg wäre eine Mahdgutübertragung, bei der Schnittgut von einer passenden Spenderfläche auf die vorbereitete Parzelle gebracht wird.

Solche Spenderflächen sind allerdings rar. Und: «Der Schnittzeitpunkt schränkt die Vielfalt der Pflanzen ein, die man so transportieren kann», bemerkt Johannes Burri. Diverse Blühzeitpunkte sind in Burris Pre-Basissaatgut enthalten. Dementsprechend wird die Erntemethode gewählt, z.B. Handernte, Feldernter, Saubsauger oder Parzellenmähdrescher. Die kostbare Ware lagert bei UFA und wird an die Vermehrungsbetriebe abgegeben. Damit dereinst Mischungen entstehen können, aus denen regional passende, farbenfrohe BFF keimen.

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