Matthias Hollenstein steht in kniehohem, sattgrünem Federkohl. «Dieses Feld widerspricht der gängigen Düngerlehre», sagt der Landwirt. «Denn die hinkt gewaltig», doppelt er nach.
Ein neues Anbausystem skalierbar machen

Nach 13 Jahren Tüfteln und acht Jahren Pionierarbeit auf den über 60 ha des Hoflabors und des Betriebs Slow Grow in Mönchaltorf ZH sieht sich Hollenstein zwar nicht am Ende seines Werks. Aber er kann aufzeigen, dass in seinem System der Mosaik-Landwirtschaft vieles anders funktioniert, als man üblicherweise erwarten würde. Er kann es mit Erträgen, Beobachtungen und Messungen beweisen.
Das Ziel von Hollenstein und seinem Team: den Anbau in streifenförmigen Beeten mit integrierter Biodiversitätsförderung, ohne Hof- oder Handelsdünger und Pflanzenschutzmittel skalierbar machen. Und zwar dank angepasster Maschinen. «Wenn man keine technischen Lösungen hat, schickt man Leute los und lässt sie es von Hand machen – das ist aber weder bezahlbar noch skalierbar», verdeutlicht er. Wie es anders geht, erläuterte der Landwirt bei einer Führung anlässlich der Tage der Agrarökologie.
Weissklee sichert Befahrbarkeit und wird von selbst zur Untersaat
Die Mosaik-Landwirtschaft wird in Mönchaltorf maschinell umgesetzt. Die 1,77 m breiten Beetstreifen sind mit GPS erfasst, darauf wachsen drei Reihen Gemüse oder sieben Reihen Ackerkulturen wie Getreide.
Die Wege zwischen den Beeten sind mit Weissklee bedeckt, der die Befahrbarkeit auch bei Nässe gewährleistet und zugleich den Boden vor Verdichtung schützt. Nur diese Wege werden befahren. Die Leguminose wuchert im Verlauf der Saison dank ihrer Ausläufer in die Beete hinein und wird so zur Untersaat in den Kulturen.
Die Gemüsesetzlinge wachsen – maschinell mitgepflanzt – in einer Mulchschicht aus Ökoheu und Riedstroh von weiter entfernten Parzellen des Betriebs. Insgesamt 20 ha Wiese und Naturschutzflächen dienen als Quelle für Mulchmaterial.


«Erntereste gehören aufs Feld, nicht auf einen Haufen»
«Wir ernten das Heu spät und zetten es kräftig, so hat es im Mulch keine Samen mehr», erklärt Matthias Hollenstein. Pro Jahr gebe es 200–300 Rundballen à 300 kg. Zwei davon reichen für 200 m Beete, sodass der Mulch etwa 5 cm dick liegt. «Das ist genug, um die Temperatur am Boden auch an Tagen mit 36 Grad Hitze bei 28 Grad zu halten», schildert der Zürcher. Der Mulch wird per angepasstem Ladewagen verteilt und Hollenstein sieht noch Potenzial zur Effizienzsteigerung. Dann bräuchte es pro Fläche weniger Ballen.
Das System an sich aber überzeugt ihn rundum. «Erntereste gehören aufs Feld, nicht auf einen Haufen», findet er. Im Mulch passiere eine Flächenkompostierung, Pflanzen und Boden könnten direkt von der Aktivität der Mikroorganismen profitieren. Wertvolle Huminstoffe sickerten dort in die Erde, wo die Kultur wurzelt. Damit spart sich Hollenstein das Brauen und Ausbringen von Komposttee. Das ligninreiche Heu und Stroh, kombiniert mit angerotteten Holzhackschnitzeln, schafft ihm zufolge ein pilzfreundliches Milieu. Gemeint sind nützliche Pilze im Boden – denn die Kulturen sind im fruchtbaren Boden sehr gesund.
Mäuse und Schnecken trotz Mulch unter Kontrolle
Bei Mulch klingeln bei vielen sofort die Alarmglocken, weil sich Mäuse und Schnecken darin wohlfühlen. Das Hoflabor hat eine pragmatische Lösung gefunden, indem die Nager mit einem oberflächlichen Einsatz einer Kreiselegge vertrieben werden. Stützräder sorgen für eine exakte Tiefenführung. Das Gerät trägt Zinken, die wie Korkenzieher Erdmaterial nach oben arbeiten. «So reisst es Wurzelunkräuter aus und schleudert sie weg», beschreibt der Tüftler.
Die Arbeit mit tiefen Drehzahlen verhindert schwere Schäden an der Bodenstruktur. Diese Art der Mäusebekämpfung helfe auch gegen Schnecken, fährt Matthias Hollenstein fort: «Schnecken ziehen sich bei Trockenheit in Mäusegänge zurück und legen dort auch ihre Eier ab.» Ohne Mäuse also auch weniger Schnecken.


Die «Mosaiklandwirtschaft» gewinnt den ersten Prix Climat
Der Betrieb SlowGrow im zürcherischen Mönchaltorf arbeitet anders: Die Felder sind in Beete aufgeteilt, Biodiversitätsförderung und Produktion passieren auf derselben Fläche. Matthias Hollenstein, Petrissa Eckle und Samuel Bähler haben damit Erfolg und nun den Prix Climat der Klima-Allianz gewonnen.LesenGemüse in einer Art Wald – ohne Stickstoffsperre
Die andere Frage angesichts des Mulchs: Kommt es nicht zu einer Stickstoffsperre durch das kohlenstoffreiche Heu und Stroh? «Theoretisch haben wir hier eine N-Blockade», meint der Landwirt – und ergänzt lächelnd: «Zum Glück weiss das der Federkohl nicht.» Solange der Mulch obenauf liege und nicht eingearbeitet werde, baue ihn das Bodenleben schrittweise im natürlichen Tempo ab, so seine Erklärung.
Wenn Heu, Stroh und Hackschnitzel aber mit der Erde gemischt würden, müssten die Mikro- und Makroorganismen im Untergrund unmittelbar reagieren und die grosse Menge Kohlenstoff verdauen – was viel Stickstoff kosten würde. «Wir imitieren hier einen Wald», sagt Matthias Hollenstein. Je nach Witterung bleibe der Mulch etwa drei Monate auf den Beeten liegen, bevor er abgebaut ist. Danach sollte der Weissklee so weit ins Beet gewuchert haben, um als selbstständige Untersaat den Boden zu bedecken. Im Sommer 2026 hat die massive Trockenheit das verhindert und der Mulch liegt noch Anfang Oktober zentimeterdick. Wer darin wühlt, stösst schnell auf Wurzeln.
Nur das Unkraut wird bekämpft, und zwar maschinell
«Hier wurzeln die Nutzpflanzen an der Oberfläche», bestätigt der Zürcher. Das erlaube es ihnen, Tau zu sammeln und Symbiosen mit Mikroben einzugehen, die der Kultur Stickstoff aus der Luft zur Verfügung stellen. «In den obersten fünf Zentimetern Boden kann eine Pflanze ihre Fähigkeiten am besten nutzen», ist Matthias Hollenstein überzeugt. Daher will er sie nicht durch Bodenbearbeitung oder unbedeckte Erdoberfläche dazu zwingen, ihre Wurzeln nach unten zu strecken. Schliesslich seien in diesem System die Setzlinge quasi «ausgewildert»: «Wir schauen nur, dass das Unkraut nicht überhandnimmt», verdeutlicht Hollenstein.
Dazu kommt wiederum Technik zum Einsatz: in Form eines GPS-gesteuerten, elektrischen Raptrac-Geräteträgers mit Zwischenreihenmulcher. Eine rotierende Hacke haben die Pioniere weiterentwickelt, damit sie zwischen Kulturen und im Mulch arbeiten kann. Gewisses Unkraut wird toleriert. Dem Landwirt sind Taubnessel, Vogelmiere oder Franzosenkraut sogar willkommen. Denn diese Pflanzen bieten Nützlingen Nahrung – auch dann, wenn klassische BFF blütenlos sind. Für ihn muss Biodiversität in der Produktionsfläche stattfinden.
Langsam gewachsen und mit festen Zellen
Flächenkompostierter Mulch, Gründüngungen und der stickstofffixierende Weissklee sind die einzige Art «Dünger» in der Mosaik-Landwirtschaft des Hoflabors. «Hof- und Handelsdünger stören die Symbiosen im Boden», sagt Matthias Hollenstein. Sein Federkohl – der, der theoretisch gar nicht gedeihen dürfte – ist so grün und strotzt vor Wuchsfreudigkeit, als wäre er mindestens mit 100 kg/ha N gedüngt worden. Eher mehr. «Dann wäre er allerdings gezwungen gewesen, den leichtlöslichen Stickstoff aufzunehmen, und hätte grosse, wassergefüllte Zellen gebildet», erklärt der Landwirt.
Er strebt nach langsam gewachsenen, kompakten Zellen mit hohem Nährstoffgehalt – geschmackvolles Slow-Grow-Gemüse. Dank der guten Gesundheit der Kulturen kann im Hoflabor auf Pflanzenschutzmittel verzichtet werden. Die Bewässerungsmenge ist minimal, die Bodenbedeckung verhindert Verdunstungsverluste.


Die Erträge stimmen und das System spart Kosten
Mittlerweile müsse sich die Mosaik-Landwirtschaft nicht mehr verstecken, betont der Betriebsleiter. Man erreiche bei vielen Versuchsflächen durchschnittliche Bio-Erträge – obwohl durch die Weissklee-begrünten Fahrwege 20–25 Prozent der Produktionsfläche wegfallen.
Natürlich sind die Maschinen nicht billig – der Raptrac koste etwa 80 000 Franken. «Aber damit hat eine Person die Jätleistung von 10 Leuten», bemerkt Hollenstein. Der nächste Schritt ist, die Maschine autonom arbeiten zu lassen. Eingesparte Kosten für Pflanzenschutz- und Düngemittel, Bewässerung oder Bodenbearbeitung und Jäten sind ebenfalls Posten, die es in der Rechnung zu berücksichtigen gilt.
Hollenstein sieht keine Grenzen
Grenzen für die Umsetzung der Mosaik-Landwirtschaft sieht Matthias Hollenstein tatsächlich keine. An der Serienreife der Maschinen, die es dafür braucht, arbeitet das Hoflabor-Team weiter. «Man kann mechanisch noch viel mehr lösen und die Software wird mit KI auch immer besser», sagt er. «Wir fangen erst an, mit den Möglichkeiten der Mosaik-Landwirtschaft zu spielen.»

