Mehrjähriges Getreide: Dreschen, weiden, stehenlassen

Das mehrjährige Getreide Kernza bietet verschiedene Vorteile und soll auch auf Schweizer Äckern erprobt werden. Dafür sind Betriebe gesucht.

Lea Frey muss ihr Schraubglas mit Saatgut im Blick behalten – das Interesse an Kernza ist gross an dieser Projektpräsentation. «Das Saatgut ist kostbar, bitte nicht mitnehmen», mahnt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. An der Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) sind zwei Kleinflächen mit Thinopyrum intermedium bepflanzt, das unter dem Namen Kernza international vermarktet wird. Der Ertrag aus den schmalen Ähren ist bisher mager, die Körner sind nicht viel grösser als Raigrassamen. Trotzdem ruhen Hoffnungen auf Kernza, denn es ist ein mehrjähriges Getreide mit dem Zeug zur Doppelnutzung.

Korn und Raufutter

«Wir haben Kernza hier im dritten Hauptnutzungsjahr», erklärt Lea Frey, die sich an der HAFL vor allem mit Futterpflanzen befasst. Seit 2020 wird T. intermedium an der HAFL in Kleinparzellenversuchen getestet. Versuche auf Landwirtschaftsbetrieben wurden im Domleschg GR, in Onnens VD und Langenthal BE durchgeführt. «Bisher fand die Beweidung im Herbst statt, wir wollen aber auch die Frühlingsweide ausprobieren», schildert Frey. Das System funktioniert so, dass das Getreide im Sommer wie gewohnt gedroschen wird und im Herbst sowie allenfalls im Frühling Raufutter für die Tiere liefert. «Es sind Tests zur Verdaulichkeit von Kernza geplant», ergänzt Lea Frey. Die Parzelle bleibt drei Jahre oder mehr unberührt wie eine Dauergrünfläche, denn das Getreide wächst wieder auf und kann erneut geerntet werden.

sind die Härchen an den Blatträndern.
sind die Härchen an den Blatträndern.
Die Verfügbarkeit von Kernza-Saatgut ist beschränkt, die Anbaufläche weltweit klein.
Die Verfügbarkeit von Kernza-Saatgut ist beschränkt, die Anbaufläche weltweit klein.

Als Futterpflanze verbreitet

Die Züchtung von Kernza begann bereits 1983 in den USA, läuft aber weiter und ist noch längst nicht abgeschlossen. Die heute verfügbaren Sorten des mehrjährigen Getreides wachsen etwa bis auf Brusthöhe und der Ertrag liegt laut Lea Frey in den USA bei rund 7 dt/ha. Zur optimalen Bestandsführung (Beweiden, Unkrautkontrolle, Düngung usw.) sammeln Landwirte in den USA und weltweit Erfahrungen. Lange war T. intermedium, das mittlere Weizengras, in den Vereinigten Staaten flächendeckend als Futterpflanze angebaut worden. Wie der Name es sagt, ist T. intermedium mit Weizen verwandt, der Handelsname Kernza steht für die Bestrebungen, es für die menschliche Ernährung bzw. eine Doppelnutzung zu züchten. Nach Angaben des in Sachen Kernza federführenden Land Institutes mit Sitz in Kansas (USA) wird mit dem derzeitigen Zuchtfortschritt die Korngrösse in den nächsten zehn Jahren 50 Prozent dessen erreichen, was man von gewöhnlichem einjährigem Weizen gewohnt ist. Der einzigartige Geschmack werde geschätzt, schreibt das Land Institute. Die schmalen Körner sind demnach bereits in Form von «klimasmarten» Frühstücksflakes, als Bier sowie in der Gastronomie in Amerika im Verkauf – angesichts von total rund 24 Hektaren registrierter Anbaufläche in den USA allerdings derzeit noch im kleinen Rahmen.

Kernza ist ein Getreide, das beides kann: Tiere können es beweiden und das Korn kann gedroschen werden. Damit wäre die Flächenkonkurrenz zwischen der Produktion von Lebens- und Futtermitteln auf andere Art gelöst. Ausserdem ermöglicht es die Doppelnutzung, einen Teil des agronomischen und markttechnischen Risikos der neuen Kultur abzufedern.

Die gereinigten Körner sehen eher aus wie Raigrassamen; in den USA werden aber bereits Kernza-Produkte verkauft.
Die gereinigten Körner sehen eher aus wie Raigrassamen; in den USA werden aber bereits Kernza-Produkte verkauft.

Ein Acker wie eine Kunstwiese

Muss der Getreideacker nicht jedes Jahr neu bestellt werden, funktioniert er eher wie eine Kunstwiese. Das hat folgende Vorteile: Bodenruhe: Auf Bodenbearbeitung nach der Ernte kann verzichtet werden. Das spart Zeit sowie Diesel und schont den Untergrund. Wurzeln: Gemäss Land Institute wird das Wurzelwerk bei mehrjährigem Getreide auf die Masse bezogen bis zu siebenmal grösser, als dies bei einjährigem der Fall ist. Wasser: Durch das ausgedehntere Wurzelwerk ist die Kultur besser gewappnet gegen Trockenheit. Unkraut: Dichte Bestände unterdrücken Unkraut, die heikle Phase des Auflaufens und Wachstums mit viel offener Fläche fällt nach dem ersten Jahr weg. Dünger: Die mehrjährige Kultur soll einen geringeren Nährstoffbedarf haben. Doppelnutzung: Nach der Ernte kann das Getreide beweidet oder gemäht werden, eventuell auch im Frühling. Weitere Informationen, Versuchsergebnisse und Empfehlungen aus internationalen Versuchen: www.kernza.org

Futterwert verbessern

Es ist allerdings zu erwarten, dass das Beweiden oder eine Schnittnutzung zu Futterzwecken – je nach Zeitpunkt mehr oder weniger – Einfluss auf den Kornertrag hat. Es gibt auch Versuche mit Intercropping, in denen der Futterwert von Kernza durch die Mischung mit Leguminosen (Klee) auf derselben Fläche verbessert wird.

Projekt mit IP-Suisse

«Das Land Institute hat die Lizenz für die Vermarktung von Kernza, dafür muss man also einen kleinen Betrag bezahlen», sagt Lea Frey. Schweizer Sammelstellen haben bereits kleine Mengen des neuen Getreides gereinigt, einer weiteren Verarbeitung stünde also technisch nichts im Wege. Um mehr über den optimalen Anbau von Kernza unter Schweizer Bedingungen herauszufinden, will die HAFL in Zusammenarbeit mit IP-Suisse und Landwirtschaftsbetrieben weitere Versuche durchführen. Die Finanzierung müsse noch aufgegleist werden, so Frey. «Interessierte Landwirte müssten etwa eine Fläche von ¼ ha zur Verfügung stellen».

Bei Interesse melden Sie sich bei:

Sarah Christinat, IP-Suisse; sarah.hofmann@ipsuisse.ch oder Lea Frey; lea.frey@bfh.ch