Die letzten beiden Jahre zeigten deutlich, was uns die Klimaveränderung in Zukunft bringen wird: in erster Linie «Unsicherheit»! Nasse Jahre gefolgt von Dürreperioden erschweren die Anbauplanung und die Arbeit im Feld. Wenn Regenzeiten ausfallen, Bäche und Flüsse austrocknen, Grundwasserpegel sinken oder übermässiger Niederschlag in kurzer Zeit zu Erosion oder gar Überschwemmungen führt, dann sind nicht nur Bauern und Bäuerinnen, sondern die gesamte Branche gefordert.
Einseitigkeit hat ausgedient
Eine standortgerechte und abwechslungsreiche Fruchtfolge sowie gesunde Böden mit gutem Wasserhaltungsvermögen sind eine Grundvoraussetzung, um widrige Umstände besser zu überstehen. Doch dies wird in den kommenden Jahren nicht genügen. Ein volatiles Klima mit Extremausschlägen bedingt vor allem Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit. Einseitigkeit hat ausgedient!
Der Kulturen- und Sortenwahl kommt eine wichtige Bedeutung zu. Eine Diversifizierung der Feldfrüchte vermindert Anbaurisiken, neue Kulturen wie Hirse oder Kichererbsen bieten unter den veränderten Klimabedingungen neue Chancen. In Trockenperioden bewährte sich im Futterbau an vielen Orten die tiefwurzelnde Luzerne, war sie doch oft die einzige noch grüne Pflanze auf dem Feld. Biosorten mussten sich bereits bei ihrer Züchtung dem Versorgungsstress stellen, weshalb sie unter schwierigen Bedingungen zwar nicht maximale, aber oft stabilere Erträge bringen.
Robustheit ist eine komplexe Sache
Mit dem Einzug neuer gentechnischer Methoden verbreitet sich irrtümlich die Meinung, diese könnten auf der Suche nach robusteren Nutzpflanzen eine rasche Lösung bieten. Robustheit entsteht jedoch durch das Zusammenspiel verschiedenster genetischer Eigenschaften und kann nicht durch die Veränderung einzelner weniger Eigenschaften erreicht werden. So stellte Professor Andreas Stahl vom Institut für Resistenzforschung und Stresstoleranz am Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg (D) gegenüber der «NZZ» vom 5. September 2022 fest, dass gentechnische Veränderungen hier nicht wirklich weiterhelfen würden.
Selbst das eine Merkmal der Resistenz gegen den Falschen Mehltau bei Salaten wird immer wieder rasch durchbrochen, weshalb neue resistente Sorten in kurzer Reihenfolge folgen müssen. Anstelle von Resistenzzüchtungen kann hier die Suche nach Toleranzen vielversprechendere Resultate liefern, wie dies die Sativa Rheinau AG seit einigen Jahren mit ihrem Projekt «Mit vereinten Gärten» durch partizipative Züchtungsmethoden versucht.
Technik ist mit hohen Kosten verbunden
Neben der Sortenfrage wird auch in der Schweiz zunehmend über Bewässerung nachgedacht, zumal hierzulande nur etwa vier Prozent der Ackerflächen bewässert werden. Diese lohnt sich indessen nur, wenn Wasser tatsächlich verfügbar ist bzw. genutzt werden kann und sich der finanzielle Aufwand dafür lohnt. In Spanien und Portugal stehen die stetig wachsenden Bewässerungsflächen einem landesweit sinkenden Grundwasserpegel gegenüber. Dabei entsteht durch die vielen Pivot-Beregnungssysteme ein hoher Verlust an Wasser durch Verdunstung. Die neueren Tröpfchen-Bewässerungssysteme sind effizienter, aber aufwendiger und erschweren mechanische Pflegemassnahmen.
Technokratische Lösungen mögen auf den ersten Blick verlockend erscheinen, doch haben sie nicht selten unerwartete Folgen bei hohen Kosten. In der Landwirtschaft schmälern sie das oft knappe Einkommen von Bauern und Bäuerinnen zu Gunsten hoher Einkommen in der Pharmaindustrie und Agrartechnik. Das Überdenken des eigenen Hofkonzeptes verbunden mit Eigenverantwortung und Selbsthilfe ist meist erfolgreicher.
Zum Autor
: Martin Graf ist Geschäftsführer des Vereins Gen Au Rheinau. Er schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

