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«Geschätzte Herren, Sie wissen es alle»: Steigt jetzt der Milch-Richtpreis?

Der Richtpreis für A-Milch ist bis Dezember 2026 eingefroren. Seit diesem Entscheid hat sich die Lage allerdings grundlegend verändert und der Ruf nach einem Preissignal wird lauter.

Seit Februar dieses Jahres gilt ein Richtpreis für A-Milch von 78 Rp/kg. Nach dem Entscheid der Branchenorganisation Milch (BOM) von Mitte Dezember 2025 soll er noch bis Ende Dezember 2026 auf dieser Höhe fixiert bleiben. Dies aufgrund der damaligen Marktprognosen mit viel Milch und international sinkenden Preisen.

«Produzenten erwarten, dass die Branche handelt»

Seither ist einiges passiert. Hitze und Infektionen mit dem Orthobunya-Virus führen auf zahlreichen Betrieben zu Leistungseinbrüchen. Das Raufutter wird knapper und teurer, während sich eine Hitzewelle an die andere reiht. Gleichzeitig steigen die Preise für Energie und Hilfsstoffe. «Geschätzte Herren, Verantwortliche des Milchmarktes. Sie wissen es alle», schreibt Hans Jörg Rüegsegger in einem Brief an die BOM. «Die Ausgangslage ist im August 2026 eine ganz andere.»

Der Berner SVP-Nationalrat wendet sich «im Namen vieler Milchproduzent(innen)» mit einem «Rückkommensantrag» an die Branchenorganisation. Sie solle auf die Richtpreis-Fixierung während elf Monaten zurückkommen und sie überdenken. «Die Milchproduzent(innen) erwarten, dass aufgrund der aktuellen Ausgangslage die Branche handelt und der Richtpreis deutlich nach oben und per sofort angepasst wird», so Rüegsegger. Die Situation sei für die Bauernfamilien dringlich, doppelt er nach.

Richtpreis wird an der nächsten Sitzung besprochen

«Der Antrag von Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger zu Handen des Vorstandes ist heute eingetroffen», sagt BOM-Geschäftsführer Stefan Kohler auf Anfrage. Formal habe der Absender kein Mitspracherecht im Vorstand und könne daher auch kein Thema auf die Traktandenliste setzen.

«Aber das Thema ist ernst genug und eine Diskussion über den Richtpreis erscheint mir ohnehin naheliegend», ergänzt er. Kohler geht davon aus, dass dieser oder ein ähnlich lautender Antrag entweder von einem Vorstandsmitglied aufgenommen oder das Thema auch ohne Antrag diskutiert wird. Generell lege der Vorstand den Richtpreis aufgrund der aktuellen und prospektiven Marktlage fest.

Ist die Milch schon knapp?

Aber wie sieht es denn mittlerweile auf dem Schweizer Milchmarkt aus? Hans Jörg Rüegsegger räumt zwar ein, die Milchmengen im Juli seien offiziell noch nicht bekannt. Trotzdem schreibt er, Industriemilch sei gesucht. «Das Angebot ist tief, entsprechend erwarten die Milchbauern, dass nun das Marktgesetz greift.» 

Auch im ersten Halbjahr 2026 habe die Milchproduktion deutlich über dem Vorjahr gelegen, gibt hingegen Stefan Kohler zu bedenken. «Die Vorräte von Butter, Käse und Milchpulver sind nach wie vor hoch», schildert er. Eine tiefere Produktion könne der Markt heute gut bewältigen, «die Milch ist heute also nicht knapp». Der BOM-Geschäftsführer unterscheidet jedoch zwischen dem Stand jetzt und dem kommenden Winterhalbjahr. Als Reaktion auf drohenden Futtermangel liege die Anzahl der Schlachtungen klar über den normalen Werten.

«Die Wahrscheinlichkeit, dass die Milchmenge ab Herbst deutlich unter dem Vorjahr liegen wird, ist sehr gross», so Kohler. Zudem sei ihm bewusst, dass sich die Milchproduktion in den von ausgedörrten Wiesen betroffenen Gebieten durch Verknappung des Futters deutlich verteuert habe.

Einfluss des Virus noch unklar

Da es noch keine nationalen Juli-Zahlen zur Milchproduktion gibt, ist der Einfluss des Orthobunya-Virus derzeit noch unklar. Umfragen der BOM bei den grossen Erstmilchkäufern zeigen laut Stefan Kohler aber zwei Tendenzen: Es gebe grosse regionale Unterschiede und die Kühe würden sich nach einigen Wochen wieder erholen.

«Ich gehe daher davon aus, dass der Milchrückgang aufgrund der fehlenden Futterbasis das grössere Problem ist als die Folgen dieses Virus», so seine Einschätzung.

El Niño beeinflusst die Prognose auf dem Weltmarkt

Wie hierzulande, so scheint der Milchmarkt auch im Ausland ein zweigeteiltes Bild zu zeigen. In Europa habe sich die Milchproduktion nach dem Einbruch von Anfang Juli wieder normalisiert, sagt Stefan Kohler. «Man ist in Deutschland bereits wieder auf Werten über dem Vorjahr.» Aber auch in den umliegenden Ländern sei das Futter knapp und teuer, weshalb er dort ebenfalls mit einer tieferen Milchproduktion im Herbst rechnet.

Was den Weltmarkt betreffe, hänge viel davon ab, was im Herbst in Neuseeland und Australien geschehe. «Sollte sich dort der sogenannte Super-EL-Niño auf die Witterung auswirken, geht auch dort die Milchproduktion zurück und die Preise werden stark steigen.»

El Niño ist ein Wetterphänomen, das alle paar Jahre im tropischen Pazifik auftritt und weltweit unterschiedliche Folgen haben kann bzw. Extremwetter verstärkt. In Australien und Südostasien droht dadurch Dürre. Aufgrund der derzeit rekordhohen Wassertemperaturen könnte El Niño 2026 besonders heftig ausfallen, ist von Meteorologen zu hören.

An einer Mengensteuerung wird weitergearbeitet

Alles in allem sieht es somit spätestens im Herbst nach sinkendem Angebot auf dem Milchmarkt aus, national und international. Trotzdem bleibt auch das Thema Mengensteuerung für die BOM aktuell. «Da wir an Grundsatzfragen für die kommenden Jahre arbeiten, setzt die Kommission ihre Arbeit unverändert fort», erklärt der Geschäftsführer. So habe man eine Lösung für eine Überschuss-Situation in der Zukunft, auch wenn es in diesem Herbst keine geben sollte.  

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