Wochenlang war unklar, was hinter Fieber, Durchfall und Milchrückgang bei den Kühen steckt. Jetzt haben Labore in Deutschland und Frankreich den Übeltäter gefunden: ein neues Orthobunyavirus. Was Bäuerinnen und Bauern jetzt wissen müssen.
Begonnen hat alles schon vor Mitte Juli: Erste einzelne Höfe in den Kantonen Bern und Luzern meldeten Kühe mit Fieber, Durchfall und Milcheinbruch. Erst als sich die Fälle häuften, wurde daraus ab Mitte Juli ein Thema in den Medien – seither ist die Welle in weiten Teilen des Landes angekommen, mit teils empfindlichen Milchmengen-Einbussen: Bei der Mooh-Genossenschaft etwa lagen die Einlieferungen zeitweise 8 Prozent unter dem Vorjahr, betroffen waren vor allem das Mittelland und die Westschweiz.
Hitze und ein geschwächter Darm durch Hitzestress galten lange als Hauptverdächtige. Parallel wurde auf Coronavirus, Rotaviren, Blauzungenvirus und das Schmallenberg-Virus getestet – in den meisten Fällen fielen diese Tests negativ aus oder blieben ohne eindeutiges Ergebnis. Auf einzelnen Betrieben, etwa in Alterswil FR, hatte ein Tierarzt sogar auf Blauzunge Typ 8 getippt – ebenfalls ein von Gnitzen übertragenes Virus.
Jetzt zeigen drei Untersuchungen, warum: Es handelt sich vermutlich um einen bisher in Mitteleuropa unbekannten Erreger.
Was die Labore gefunden haben
Das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, hat in Proben erkrankter Rinder aus Baden-Württemberg ein neues Virus nachgewiesen.
Vier betroffene Rinderbestände hatten über das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg Proben eingeschickt; innerhalb von 48 Stunden konnte das FLI den Erreger charakterisieren. Eine sogenannte Pan-Simbu-PCR, die auf die ganze Virusgruppe anspricht, ergab in mehreren Serum- und Blutproben deutlich positive Signale – ein Hinweis auf hohe Virusmengen im Blut der Tiere zum Zeitpunkt der Probenahme.
Die vollständige Erbgutanalyse zeigte für alle drei Genabschnitte des Virus die höchste Übereinstimmung mit dem Shamonda-Virus: 99 Prozent auf dem kleinsten Genabschnitt, 95 Prozent auf dem mittleren und 97 Prozent auf dem grössten. Ausgerechnet der für die Immunantwort entscheidende mittlere Genabschnitt zeigt aber deutlich weniger Übereinstimmung mit dem Schmallenberg-Virus als die beiden anderen Abschnitte – unter 50 Prozent. Die endgültige taxonomische Einordnung ist deshalb noch nicht abgeschlossen, das FLI spricht vorläufig von einem «Shamonda-artigen» Virus.
Das bestätigt sich in Frankreich: Die Veterinärhochschule ENVT in Toulouse hatte im Blutplasma von Kühen aus Betrieben in Haute-Savoie, direkt an der Genfer Grenze, ergänzend ein vergleichbares Virus aus der Simbu-Gruppe nachgewiesen – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Deutschen mit ihrem Fund richtig liegen.
Nachdem Deutschland und Frankreich informiert haben, kam auch die Bestätigung in der Schweiz. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Bern hat ebenfalls sequenziert.
Was das IVI zur Schweiz sagt
Am späteren Nachmittag des 3. August hat das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern BE seine eigene Mitteilung veröffentlicht. Der Befund ist jetzt offiziell: Das IVI hat in Proben von Rindern mit Fieber, Durchfall und Milchrückgang selber ein Orthobunyavirus der Simbu-Gruppe nachgewiesen, verwandt mit dem Schmallenberg-Virus. Damit ist es das erste Mal seit dem ersten Schmallenberg-Ausbruch 2012, dass ein weiteres Virus dieser Gruppe in der Schweiz auftritt.
Die Schweizer Ergebnisse decken sich laut IVI mit jenen aus Frankreich und Deutschland. Die Erbgutanalyse des deutschen FLI zeigt eine hohe Verwandtschaft zum Shamonda-Virus.
Zum Zusammenhang mit der Hitzewelle äussert sich das IVI vorsichtig: Ob ein Zusammenhang zwischen den hohen Temperaturen und dem Krankheitsgeschehen besteht, sei derzeit nicht klar. Hitze belaste aber besonders Hochleistungsmilchkühe stark und könne die Tiere anfälliger für Krankheiten machen.
Wichtig für Betriebe: Das IVI stuft die Krankheit ausdrücklich nicht als durch die Tierseuchenverordnung geregelte Tierseuche ein. Beim typischen Verlauf dauert das Krankheitsgeschehen pro Betrieb etwa 14 bis 21 Tage, mit Fieber über 40 Grad während ein bis zwei Tagen, massivem Milchrückgang, Fressunlust und Durchfall.
Das IVI betont: Weil solche unspezifischen Symptome auch auf eine hochansteckende Tierseuche hindeuten könnten, sollten Tierhaltende bei betroffenen Tieren umgehend die Bestandestierärztin oder den Bestandestierarzt informieren.
Wie das Virus übertragen wird
Übertragen wird der Erreger, wie auch das Schmallenberg- und das Blauzungenvirus, durch Gnitzen – kleine, blutsaugende Mücken der Gattung Culicoides. Eine direkte Ansteckung von Tier zu Tier ist nicht bekannt. Ob ausgerechnet die anhaltende Hitze- und Trockenperiode die Ausbreitung begünstigt hat, ist offen: Für Gnitzen sind extreme Hitze und Trockenheit nicht zwingend optimale Bedingungen, ein einfacher Zusammenhang lässt sich also nicht herstellen.
Die Gnitzensaison dauert je nach Witterung bis in den November, mit der höchsten Aktivität zwischen Juli und Oktober. Solange die Mücken aktiv sind, muss laut FLI mit einer weiteren Ausbreitung gerechnet werden.
Die eigentliche Gefahr: nicht die Kuh, sondern das Kalb
Bei erwachsenen Rindern verläuft eine Infektion meist mild, heisst es weiter: kurzes Fieber, Durchfall, vorübergehender Milchrückgang. Die meisten Tiere erholen sich innert ein bis zwei Wochen von selbst.
Entscheidend ist eine andere Gefahr, die sich erst mit Verzögerung zeigt: Infiziert sich eine trächtige Kuh, die noch keine Abwehrstoffe gegen das Virus hat, während einer empfindlichen Phase der Trächtigkeit, kann der Erreger über die Plazenta das ungeborene Kalb erreichen. Beim verwandten Schmallenberg-Virus führte das zu Aborten, Totgeburten oder Fehlbildungen bei Kälbern – etwa verdrehten Gliedmassen, einem schiefen Hals oder einer unvollständigen Entwicklung des Gehirns.
Ob das neue Virus ähnliche Schäden verursacht, weiss aktuell niemand. Man hat schlicht noch keine Erfahrung damit – das Virus ist neu in Europa, und es gibt keine Vergleichswerte aus der Vergangenheit. Das lässt sich erst in den kommenden Monaten beurteilen, wenn Kälber von Kühen zur Welt kommen, die sich diesen Sommer angesteckt haben.
Was das FLI zur Gefahr für Menschen sagt
Für eine klinische Erkrankung des Menschen durch das Shamonda-Virus gibt es laut dem deutschen Friedrich-Loeffler-Institut bislang keinen Nachweis. Auch generell gelten Viren der Simbu-Gruppe nach bisherigem Kenntnisstand nicht als Zoonoseerreger und stellen laut FLI kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar.
Das FLI schränkt aber selbst ein: Weil es sich um ein neu aufgetretenes und bislang unzureichend charakterisiertes Virus handelt, muss ein mögliches zoonotisches Potenzial vorsorglich weiter untersucht und beobachtet werden. Eine endgültige Entwarnung ist das also nicht, sondern der aktuelle Wissensstand.
Für die Schweiz kommt hinzu: Vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen blieb es zum neuen Virus selbst bislang still. Man sei nicht zuständig, hiess es von dort – die Krankheit sei nicht meldepflichtig. Eine eigene Einschätzung des Bundesamts zu einem allfälligen Risiko für Konsumentinnen und Konsumenten durch Milch oder Fleisch aus Schweizer Betrieben steht damit noch aus.
Was Betriebe jetzt tun können
- Zeigen Tiere Fieber, Durchfall oder einen plötzlichen Milchrückgang, lohnt sich die Meldung an die Bestandstierärztin oder den Bestandstierarzt – gerade jetzt, wo die Gnitzen aktiv sind.
- Kälber, die mit Fehlbildungen, tot oder als Frühgeburt zur Welt kommen, sollten besonders aufmerksam untersucht werden. Nur so lässt sich ein Zusammenhang mit dem Virus erkennen.
- Ein Impfstoff gegen das neue Virus existiert noch nicht. Grundsätzlich liessen sich laut FLI Impfstoffe gegen Orthobunyaviren entwickeln, das braucht aber Zeit. Ob ein bestehender Schmallenberg-Impfstoff auch gegen das neue Virus wirken würde, ist unklar – dazu kann derzeit niemand eine verlässliche Aussage machen.
- Klassischer Schutz vor Gnitzen – etwa Repellentien oder das Weglassen von Weidegang in der Dämmerung – bietet keinen vollständigen, aber einen gewissen Schutz und ist derzeit die einzige greifbare Massnahme.
Was noch offen ist
Die endgültige taxonomische Einordnung des Virus ist noch nicht abgeschlossen. Auch der ursächliche Zusammenhang zwischen Virus und den beobachteten Krankheitsfällen muss weiter erhärtet werden.
Für die Schweiz gilt: Ein offizieller Virusnachweis aus einheimischen Proben steht noch aus, eine Kommunikation des IVI ist noch ausstehend. Ob und wie stark das Virus auf Kälber übergreift und ob bestehende Impfstoffe helfen könnten, weiss aktuell niemand. Fachleute in Deutschland, Frankreich und der Schweiz stehen dazu in Kontakt. Die BauernZeitung bleibt an dem Thema dran.

Nicht zuständig ist keine Haltung
Seit Wochen kämpfen Bäuerinnen und Bauern mit kranken Kühen. Fieber, Durchfall, eingebrochene Milchmengen, vereinzelt tote Tiere. Jetzt endlich zeigt sich, was dahintersteckt: ein neues Orthobunya-Virus, nachgewiesen vom deutschen Friedrich-Loeffler-Institut, bestätigt von einem französischen Labor. Zwei ausländische Institutionen liefern innert Tagen Antworten. Und unser eigenes Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen?
Schweigt. Und wenn man nachfragt, kommt: Man sei nicht zuständig. Die Krankheit sei ja nicht meldepflichtig.
Das mag formal korrekt sein. Als Haltung gegenüber einer Branche, die seit Wochen im Ungewissen steckt, ist es unhaltbar.
Eine Krankheit ist nicht deshalb harmlos, weil sie nicht auf einer Liste steht. Sie wird auch nicht meldepflichtig, weil das BLV wartet, bis sie es ist. Genau umgekehrt müsste es laufen: Wenn reihenweise Kühe in mehreren Kantonen gleichzeitig erkranken, wenn die Milchmenge im Tank einbricht, wenn Tierärztinnen und Tierärzte von «noch nie dagewesenen» Fällen sprechen, dann ist das ein Fall für den Bund. Nicht erst, wenn ein Gesetzestext es erlaubt.
Während das FLI in Deutschland innert Stunden Proben analysiert und die Öffentlichkeit informiert und Frankreich unabhängig zum gleichen Ergebnis kommt, bleibt in der Schweiz genau das aus, was Bäuerinnen und Bauern am meisten brauchen: eine offizielle Stimme, die sagt, was Sache ist.
Das Institut für Virologie und Immunologie in Bern arbeitet, das ist anzuerkennen. Aber dass ausgerechnet das BLV sich mit Verweis auf die fehlende Meldepflicht aus der Verantwortung stiehlt, ist der falsche Reflex zur falschen Zeit.
Zuständigkeit ist keine Frage des Gesetzestexts allein. Sie ist eine Frage der Haltung. Und die Haltung, die die Betriebe jetzt bräuchten, heisst: Wir kümmern uns, auch wenn es formal noch nicht unsere Pflicht ist. Stattdessen kriegen sie: Zuständig sind wir nicht.
Das reicht nicht.

