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Richtpreisdebatte: Migros und Coop zwischen Bekenntnis und Schweigen

Neue Vollkostenberechnungen zeigen: Weizenproduzenten erhalten beim heutigen Richtpreis bereits weniger, als ihnen das Landwirtschaftsgesetz zuspricht. Die Müller fordern trotzdem eine Senkung um 8 bis 10 Franken. Wir haben Migros und Coop konfrontiert.

Am Montag hätte Swissgranum die Ernterichtpreise für Brotgetreide festgelegt. Die zuständige Kommission hat den Entscheid verschoben. Am 19. Juni 2026 soll es nun dazu kommen. Die Grundlage für die Diskussion liegt auf dem Tisch. Sie ist brisant.

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hat im Auftrag von Faire Märkte Schweiz (FMS) Vollkostenberechnungen auf Basis von Agroscope-Daten durchgeführt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Weizenproduzenten erzielten zwischen 2016 und 2023 im Schnitt rund 50 Franken pro Dezitonne. Für ein angemessenes Einkommen gemäss Landwirtschaftsgesetz wären jedoch 54 Franken notwendig gewesen. Das heisst: Bereits beim bisherigen Preisniveau wurden die Produzentinnen und Produzenten unter dem gesetzlich vorgesehenen Einkommensniveau entlöhnt.

Richtpreis um acht bis zehn Franken senken

Wer zudem die unternehmerischen Risiken einrechnet, die in der Landwirtschaft strukturell vorhanden sind – wetterbedingte Ertragsschwankungen, Qualitätsverluste, Marktpreisrisiken –, erhält gemäss den Vollkostenberechnungen einen wirklich kostendeckenden Produzentenpreis von 60 Franken pro Dezitonne.

Das ist genau der heutige Richtpreis. Und die Müller wollen ihn um acht bis zehn Franken senken.

FMS-Präsident Stefan Flückiger sagt dazu unmissverständlich: «Angesichts dieser Ergebnisse wäre eine Senkung der Richtpreise trotz der derzeitigen mengenmässigen Herausforderungen im Brotgetreidemarkt der falsche Weg. Die Diskussion muss beleuchten, wie eine faire und kostendeckende Preisbildung für die Produzentinnen und Produzenten sichergestellt werden kann.» FMS hat sich mit ihrer Empfehlung bereits direkt an Swissgranum gewandt.

Macht und Markt: Wer verhandelt hier wirklich auf Augenhöhe?

Faire Märkte Schweiz kritisiert nicht nur das Preisniveau, sondern auch die Strukturen, die es hervorbringt. Die Produzentenseite stehe grossen Detailhandels- und Verarbeitungsunternehmen gegenüber, die über eine deutlich stärkere Marktposition verfügten. Hinzu kämen enge vertikale Verflechtungen entlang der Wertschöpfungskette – etwa Mühlen, die sich im Besitz von Detailhändlern befinden oder eng mit ihnen verbunden sind.

Das ist kein abstrakter Vorwurf. Coop besitzt mit Swissmill eine eigene Mühle – eine der grössten der Schweiz. Und Coop beliefert sich über die eigene Tochtergesellschaft Panofina mit Backwaren. Die Wertschöpfungskette vom Korn bis zum Brot liegt also weitgehend in einer Hand.

FMS nennt noch einen weiteren strukturellen Nachteil: Informationsasymmetrien. Die Produzentenseite verfüge nicht über gleichwertige Informationen zu den tatsächlichen Kostenstrukturen, Margen und zur Kalkulation der Endverkaufspreise. Unter solchen Voraussetzungen bestehe die Gefahr, dass Richtpreise nicht das Ergebnis von Verhandlungen auf Augenhöhe seien, sondern bestehende Machtverhältnisse widerspiegelten.

SGPV-Präsident David von Wattenwyl bringt es auf eine andere Formel: Eine Preissenkung deklassiere Schweizer Brot und Backwaren und vernichte auf allen Stufen Wertschöpfung. Er sagt zudem, die Grossverteiler hätten sich für kostendeckende Preise auf allen Stufen ausgesprochen. Das ist eine Aussage, an der sich Migros und Coop messen lassen müssen.

Migros: Keine Mühle, kein Rohweizen – aber viel Selbstlob

Migros kauft keinen Rohweizen ein, sondern verarbeitetes Mehl. Sie ist deshalb nicht direkt in die Richtpreisverhandlungen eingebunden. Mediensprecher Andy Zesiger stellt das unmissverständlich klar: «Die Migros nimmt nicht an den Verhandlungen zu Richtpreisen teil, da sie keinen Rohstoff einkauft.»

Damit entzieht sich Migros formal jeder Verantwortung für den Ausgang der Verhandlungen. Ob sie sich hinter den Kulissen für kostendeckende Preise einsetzt – wie es David von Wattenwyl behauptet – bleibt unklar. Auf die direkte Frage, ob sie aktiv eine Richtpreissenkung zu verhindern versuche, kommt von Migros keine klare Antwort. Zesiger schreibt lediglich, man setze sich «aktiv für eine faire Getreidewertschöpfung ein, indem wir auf inländische Mühlen setzen, langfristige Abnahmeverträge mit IP-Suisse und Sammelstellenbetreibern für Bio Suisse schliessen und die Richtpreise respektieren».

Den Vorwurf, die laufenden Tiefpreisaktionen im Detailhandel gingen letztlich auf Kosten der Landwirtschaft, weist Migros zurück. «Wir finanzieren die Verkaufspreisreduktionen in unseren Verkaufsstellen vollständig durch interne Effizienzsteigerungen, nicht durch tiefere Produzentenpreise», sagt Zesiger. Das klingt beruhigend. Doch die Frage bleibt: Was genau sind diese «internen Effizienzsteigerungen»? Und wie lange reicht dieses Potenzial, wenn der Preiskampf anhält?

Zur Frage nach vertikalen Verflechtungen in der Wertschöpfungskette hat Migros eine klare Antwort: «Die Migros betreibt keine eigene Mühle und kauft Mehl bei unabhängigen Partnern ein. Unser Ziel ist eine partnerschaftliche und transparente Gestaltung der Wertschöpfungskette.» Anders als Coop ist Migros also nicht direkt in die Mühlenstufe integriert – das ist ein echter Unterschied.

Migros nennt sich den bedeutendsten Abnehmer von IP-Suisse

Beim Thema Teiglinge aus dem Ausland – Fenaco GOF weist darauf hin, dass die politischen Rahmenbedingungen deren Import strukturell begünstigen – gibt sich Migros defensiv: «Teiglinge aus dem Ausland werden von uns nur in geringem Umfang als Ergänzung des Sortiments importiert. Die grossen Importzunahmen in diesem Bereich sind nicht von uns ausgelöst worden.» Laut Andy Zesiger, investiere man stattdessen in neue Produktionslinien der eigenen Fresh Food & Beverage Group für hochwertige Schweizer Backwaren.

Migros nennt sich zudem «klar den bedeutendsten Abnehmer» bei IP-Suisse und nimmt «sehr bedeutende Mengen» bei Bio Suisse ab. Rund 90 Prozent der Mehle in Brot- und Backwaren stammten aus Schweizer Produktion – ein Niveau, das man halten wolle. Ausserdem fördere man nachhaltige Projekte wie den pestizidfreien IP-Suisse-Anbau und kooperiere mit Forschungspartnern wie ETH, HAFL und Delley Samen und Pflanzen AG.

Das alles klingt vorbildlich. Aber hier zeigt sich eine Lücke: Migros beteuert, sich «aktiv für eine faire Getreidewertschöpfung» einzusetzen – sagt aber gleichzeitig, sie wolle die Richtpreise «respektieren». Respektieren bedeutet: akzeptieren, was andere entscheiden. Eine Senkung um 8 bis 10 Franken würde Migros also mittragen, solange sie formell von Swissgranum beschlossen wird. Ob Migros hinter den Kulissen dagegen lobbyiert, bleibt offen. Auf die direkte Frage antwortete Zesiger nicht.

Coop: Starke Zahlen, schwache Antworten

Coop präsentiert beeindruckende Zahlen zur Schweizer Herkunft. Mediensprecher Caspar Frey schreibt: «Die Bedeutung von einheimischem Getreide ist für Coop sehr hoch. So werden beispielsweise Brote mit den Labels Bio Suisse und IP-Suisse derzeit vollständig mit Schweizer Weizen hergestellt. Auch bei konventionellen Broten ist der Anteil an Schweizer Rohstoffen so hoch wie möglich.»

Coop produziert in vier Regionalbäckereien der eigenen Tochtergesellschaft Panofina – in Schafisheim AG, Gossau SG, Aclens VD und Castione TI – sowie in 80 Hausbäckereien in den Supermärkten. Über 95 Prozent des Brotsortiments werde in der Schweiz hergestellt, so Frey.

Das ist ein beachtlicher Wert. Doch genau hier liegt ein handfester Widerspruch: Coop besitzt mit Swissmill eine eigene Mühle – eine der grössten der Schweiz. Swissmill kauft Rohweizen ein, verarbeitet ihn zu Mehl und liefert an Panofina. Panofina backt Brot für Coop. Coop verkauft es im eigenen Laden. Es ist eine vollständig integrierte Kette – vom Korn bis zur Kasse. Faire Märkte Schweiz bezeichnet genau solche Strukturen als Problem für faire Preisverhandlungen, weil sie Machtasymmetrien gegenüber den Produzenten strukturell verstärken. Coop ist das Paradebeispiel dafür.

Coops Antwort auf diesen Vorwurf ist kurz und abweisend: «Die Kritik ist nicht nachvollziehbar und aus unserer Sicht unbegründet. Verallgemeinernde Vorwürfe werden der komplexen Situation nicht gerecht und sind daher nicht zielführend.» Was genau nicht nachvollziehbar ist und warum die Kritik unbegründet sein soll, erklärt Coop nicht. Die Fakten – Swissmill, Panofina, Coop-Supermarkt – stehen im Raum.

Zu den Richtpreisen selbst sagt Coop gar nichts. Auf drei der fünf Fragen – zur drohenden Richtpreissenkung, zur Verantwortung im Preiskampf und zu den Teiglingimporten – verweist Coop schlicht auf Antwort 1: die Verschiebung des Entscheids. Das ist der zweite Widerspruch: SGPV-Präsident von Wattenwyl sagt, die Grossverteiler hätten sich für kostendeckende Preise auf allen Stufen ausgesprochen. Coop aber schweigt zu genau dieser Frage. Wer sich zu kostendeckenden Preisen bekennt, müsste das auch sagen können – bevor der Entscheid fällt, nicht danach.

Auch beim Inlandanteil für das Sortimentsjahr 2026/27 bleibt Coop vage. Eine konkrete Zahl nennt Frey nicht. Man setze «wenn immer möglich» auf Schweizer Rohstoffe und wolle das hohe Niveau halten. Das ist keine Verpflichtung – das ist eine Absichtserklärung.

Was bleibt

Beide Grossverteiler betonen lautstark ihre Partnerschaft mit der Schweizer Landwirtschaft. Migros nennt sich den bedeutendsten IP-Suisse-Abnehmer. Coop verweist auf 95 Prozent Schweizer Brotproduktion. Das sind keine leeren Worte – aber sie beantworten die eigentliche Frage nicht.

Die Vollkostenberechnungen der FHNW zeigen klar: Der heutige Richtpreis von 60 Franken pro Dezitonne entspricht gerade noch dem kostendeckenden Niveau, wenn man Risiken einrechnet. Ohne Risikoberücksichtigung reicht er nicht einmal für das gesetzlich vorgesehene Einkommen. Und die Müller wollen genau diesen Preis um 8 bis 10 Franken senken.

Wer sich in diesem Umfeld als Partner der Landwirtschaft bezeichnet, muss mehr tun, als Prozentzahlen nennen. Er muss Haltung zeigen – auch dann, wenn der Entscheid noch aussteht.

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