Pflanzliche Vielfalt und Alltagstauglichkeit statt Verzicht und erhobener Zeigefinger: So lautet das Motto der Kampagne «Gönnt euch gut», die Lidl zusammen mit dem WWF lanciert hat. Sie soll der Kundschaft aufzeigen, wie sich der tägliche Menüplan im Alltag einfach, fein und ressourcenschonender gestalten lässt.
«Eine radikale Umstellung ist nicht nötig», lässt sich Mariella Meyer, Senior Manager Corporate Sustainability beim WWF, zitieren. Wer öfter zu Linsen, Kichererbsen oder Nüssen greife, tue Umwelt und Gesundheit gleichermassen etwas Gutes.
Pflanzenbetont mit mehrfachem Vorteil
Um Umweltbelastungen wirksam zu senken, bilde die pflanzenbetonte Ernährung einen zentralen Ansatzpunkt, heisst es in der Mitteilung von Lidl zum Kampagnenstart. Pflanzliche Mahlzeiten würden im Vergleich zu tierischen Produkten meist weniger Ressourcen benötigen und weniger CO₂‑Emissionen verursachen.
Auch die Schweizer Lebensmittelpyramide des Bundes betont seit ihrer Revision 2024 pflanzliche Produkte stärker – aus Gründen der Gesundheit und des Umweltschutzes. «Gönnt euch gut» basiert aber nicht auf diesen offiziellen Schweizer Empfehlungen, sondern fusst auf der Planetary Health Diet (PHD).
Diese stammt von der Eat-Lancet-Kommission, einem internationalen Wissenschaftsgremium, und ist reich an pflanzlicher Kost: Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, Nüsse und Hülsenfrüchte machen einen grossen Teil der Empfehlung aus. Fisch, Milchprodukte und Fleisch sollen nur in mässigen bis geringen Mengen konsumiert werden.
Auf Gesundheit ausgelegt, aber gut für die Umwelt
Interessanterweise wurde die PHD nach Angaben ihrer Autoren ausschliesslich auf Basis des aktuellen Wissensstands zu den direkten Auswirkungen verschiedener Ernährungsweisen auf die menschliche Gesundheit entwickelt – nicht aufgrund ökologischer Kriterien. Die Bezeichnung PHD – übersetzt: «Planeten-Gesundheits-Ernährung» – leitet sich aus der Erkenntnis ab, dass die Umsetzung der PHD die Umweltbelastungen und Ernährungsmängel der meisten gängigen Ernährungsweisen verringern würde.
Die PHD war damals die einzige umfassende Empfehlung
Lidl und WWF wollen nun also zeigen, wie das in der Praxis am heimischen Herd oder am Familientisch aussieht, wobei Umwelt- und Klimawirkung bei ihrer Kooperation in dieser Sache wichtig sind. Warum aber ziehen sie dafür nicht die Lebensmittelpyramide zurate?
Der Discounter bekenne sich schon seit einigen Jahren zu einer gesunden und bewussten Ernährung, erklärt Lidl-Mediensprecherin Nicole Graf auf Anfrage der BauernZeitung. «Die PHD war seit 2019 lange die einzige wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlung, die Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen ganzheitlich gedacht hat», fährt sie fort. Es sei auch die einzige gewesen, die die Ernährungssicherheit bei einer wachsenden Weltbevölkerung und schwindenden natürlichen Ressourcen berücksichtigt habe.
«Im internationalen Kontext, in dem Lidl eingebettet ist, bietet die PHD eine verlässliche Grundlage, um eine gesunde Ernährung zu fördern und gleichzeitig Umweltbelastungen zu reduzieren», schlussfolgert Graf. Zudem lasse die Ausgestaltung Spielraum, indem sie ihre Empfehlungen in Bandbreiten angibt, was eine optimale Rücksichtnahme auf standortangepasste Ernährungsformen ermögliche.
Pyramide und PHD «in sehr ähnlichem Rahmen»
Apropos standortangepasst – passt die international entwickelte PHD zum «Grasland» Schweiz? Die Empfehlungen liessen sich tatsächlich gut an den nationalen Kontext hierzulande anpassen, sagt Nicole Graf. Die erwähnten Bandbreiten zeigten sich etwa bei den Milchprodukten, sie reichen von 0–500 g pro Tag.
«Auch beim Fleischkonsum bewegen sich die Empfehlungen der Schweizer Lebensmittelpyramide und jene der PHD in einem sehr ähnlichen Rahmen», ergänzt die Lidl-Sprecherin. Die Pyramide arbeitet allerdings mit Angaben in «Portionen», was den Vergleich erschwert. Sie rät zu 2–3 Portionen Milchprodukten täglich, wobei eine Portion 2 dl Milch, 150–200 g Joghurt, 30 g Hartkäse oder 60 g Weichkäse entspricht.
Studie zur PHD im Schweizer Kontext
Vor einigen Jahren hat sich Lidl laut eigenen Angaben selbst gefragt, ob die PHD überhaupt zur Schweiz passt. Deshalb hat der Discounter ein Forschungsprojekt der Universität St. Gallen (HSG) mitunterstützt, das unter anderem konkrete Grenzwerte für den Schweizer Kontext innerhalb der Bandbreiten der PHD definiert hat.
Für Erwachsene liegt dieser Grenzwert für Milchprodukte bei maximal 500 g Milch oder Äquivalenten täglich, im Fall von Fleisch bei maximal 43 g pro Tag. Seit 2024 unterscheidet die Lebensmittelpyramide nicht mehr zwischen tierischen und pflanzlichen Proteinquellen, sondern rät zu Abwechslung und täglich einer Portion – z. B. zwei bis drei Eiern, 120 g Tofu, 100 bis 120 g Fleisch oder drei gehäuften Esslöffeln Kichererbsen.
Die HSG-Studie stammt von 2024 und verglich auch die aktuellen Essgewohnheiten mit der angepassten PHD. «Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die Einhaltung der PHD-Grenzwerte für Lebensmittel tierischen Ursprungs herausfordernd ist», so das Fazit der Autoren. Kritisch seien insbesondere Fleisch, Butter und Rahm.

«Produktion tierischer Proteine bleibt weiterhin sinnvoll»
Sowohl aus der Lebensmittelpyramide als auch aus der PHD gehe klar hervor, dass ein vermehrter Verzehr von pflanzlichen Proteinen empfohlen wird, fasst Nicole Graf zusammen. Gleichzeitig fügt sie an, dass der Anbau von Pflanzen wie Leguminosen auch für die Schweizer Böden zahlreiche Vorteile bringe. «Die Erzeugung tierischer Proteine auf dem hiesigen Grasland bleibt weiterhin sinnvoll und wird von keiner der beiden Empfehlungen ausgeschlossen», betont sie.
Aus Schweizer Zutaten?
Der Discounter hat sich für die Förderung pflanzlicher Proteine in der Ernährung ein Ziel gesetzt: Bis 2030 soll deren Anteil im Lidl-Sortiment 20 Prozent betragen. Bekanntermassen stehen im Schweizer Detailhandel viele Produkte mit Pflanzenprotein aus ausländischer Herstellung bzw. importierten Zutaten.
Zur Schweizer Herkunft gibt es bei Lidl offenbar in diesem Zusammenhang keine Zielmarke. «Die Schweizer Landwirtschaft bleibt für unsere Sortimentsgestaltung weiterhin von zentraler Bedeutung», meint Nicole Graf. Man prüfe den Einsatz von einheimischen Rohstoffen kontinuierlich im Rahmen der marktlichen Verfügbarkeit sowie der betrieblichen Machbarkeit und stehe dazu im stetigen Austausch mit den entsprechenden Branchen. «Wir bitten um Verständnis, dass wir darüber hinaus keine detaillierteren Aussagen zu künftigen Bezugsquellen machen», so Graf.
Unmittelbare persönliche Vorteile
Gemäss PHD sollen Gemüse, Früchte, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte und Nüsse die tägliche Basis der Ernährung bilden. Tierische Produkte sind die Ergänzung. Lidl schreibt, dass aktuell in der Schweiz rund zwei Drittel der konsumierten Proteine aus tierischen Quellen stammen. Das Modell der PHD strebe langfristig etwa ein Drittel an. «Für die Konsument(innen) bringt die pflanzenbetonte Ernährung auch unmittelbare persönliche Vorteile: Sie liefert reichlich Ballaststoffe und enthält weniger gesättigte Fette», heisst es beim Discounter weiter.
Genuss und Freude am Essen sollen bei «Gönnt euch gut» im Vordergrund stehen. Zwar mit einer wissenschaftlichen Grundlage, aber ohne komplizierte Diskussionen und radikale Umstellungen, könnte man zusammenfassen. Zum Beispiel mit Linsen-Bolognese, Porridge, einer Handvoll Nüssen als Snack oder Gemüsesticks mit Hummus.

