Es war ein Samstagabend im November 2021 in Knonau ZH. Ein 59-jähriger Bauer geriet aus unbekannten Gründen in einen laufenden Futtermischwagen und starb noch auf der Unfallstelle. Die Unfallursache blieb unklar. Der Fall wurde kurz gemeldet, dann verschwand er aus den Schlagzeilen. Das ist kein Einzelfall.
Die Landwirtschaft ist privat versichert, und die Unfallzahlen der Versicherungen müssen nicht zentral zusammengefasst werden. Was Agriss und die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) zusammentragen, basiert auf Polizeiberichten, Medien und persönlichen Rückmeldungen. Es ist eine lückenhafte Erhebung. Insbesondere bei Unfällen mit leichten oder mittleren Verletzungen gehen die Experten von einer erheblichen Dunkelziffer aus.
Jährlich 22 Tote, Tendenz sinkend
Gemäss der aktuellen Medienmitteilung von Agriss und BUL wurden im Jahr 2025 in der Schweiz 22 tödliche Unfälle im Zusammenhang mit der Landwirtschaft erfasst. Das ist der tiefste Wert seit Beginn der Erhebungen. Zwischen 2016 und 2025 waren es 283 Todesfälle, also knapp 28 pro Jahr. In den 1990er-Jahren lagen die Zahlen noch regelmässig bei über 55 bis 60 Todesfällen jährlich, im Jahr 1996 und 2000 je 61. Die Präventionsarbeit zeigt Wirkung.
[IMG 2]
[IMG 3]
[IMG 4]
Doch 22 Tote in einem Jahr, das sind immer noch fast zwei pro Monat. Und bei den Maschinenunfällen ist kaum Entspannung in Sicht. Auffällig beim Blick auf die Motorfahrzeugunfälle: Tödliche Stürze mit landwirtschaftlichen Motorfahrzeugen sind über die Jahrzehnte massiv zurückgegangen. Wurden in den 1970er und den 1980er Jahren noch regelmässig über 20 Personen pro Jahr durch Fahrzeugsturz getötet, waren es 2025 nur noch zwei. Hier haben Sicherheitskabinen und Gurttragepflicht viel bewirkt.
Trotzdem bleibt das Berufsunfallsrisiko hoch
Das Berufsunfallrisiko in der Landwirtschaft bleibt dennoch weit überdurchschnittlich hoch. Gemäss SSUV-Daten 2023 verzeichnet die Landwirtschaft 113 Berufsunfälle pro 1000 Vollbeschäftigte, fast doppelt so viele wie der Schweizer Durchschnitt von 60. Nur Forstwirtschaft mit 222, Gartenbau mit 177 und Baugewerbe mit 150 liegen noch höher. Immerhin: Auch hier zeigt die Tendenz nach unten. 2014 lag die Landwirtschaft noch bei 137 Berufsunfällen pro 1000 Vollbeschäftigten.
Was die Zahlen verraten
Checkliste: sicherer Umgang
Mischer beim Beladen von Hand nicht laufen lassen
Absturzsicherung an Hocheinfahrt und Abwurfschacht installieren
Schutzgitter über den Einwurföffnungen montiert
Vor jedem Eingriff: vollständigen Sicherheitsstopp ausführen
Personen von der Maschine fernhalten, auch vom Überwachungspodest
Vor dem Losfahren: Blick unter die Maschine, Rückfahrkamera nutzen
Schutzausrüstung bei Wartung und Reinigung tragen
«In den letzten fünf Jahren habe die BUL Kenntnis von mindestens drei tödlichen und drei schweren Unfällen im Zusammenhang mit Futtermischwagen und stationären Futtermischern», antwortete Cornelia Stelzer, Sicherheitsfachfrau bei der BUL, auf Anfrage der BauernZeitung.
«Bei Unfällen ohne Todesfolge, insbesondere bei solchen mit leichten oder mittleren Verletzungen, gehen wir von einer nicht quantifizierbaren Dunkelziffer aus.»
Vier Unfalltypen sind auszumachen
Die dokumentierten Unfallhergänge lassen sich in vier Typen einteilen: Eine Person fällt in den laufenden oder stehenden Futtermischwagen. Eine Person fährt auf dem Futtermischwagen mit und wird zwischen Maschine und Gebäudeteil eingeklemmt. Eine Person befindet sich im Futtermischer und löst diesen durch Funkfernsteuerung unbeabsichtigt aus. Und schliesslich verletzt sich eine Person bei Reinigungs- oder Unterhaltsarbeiten an den Messern.
Stelzer nennt Gründe für die grössten Sicherheitslücken
Cornelia Stelzer benennt klar, wo die grössten Lücken in der Praxis liegen. Erstens bei ungesicherten Abwurfstellen: Jeder Heu- oder Strohabwurf braucht eine korrekte Sicherung gegen Absturz in Form eines Geländers oder Trichters.
Zweitens das Befüllen bei laufendem Mischwagen. Stehe übrigens in der Regel auch so in der Bedienungsanleitung, schreibt Stelzer. Muss der Futtermischer während des Befüllens laufen, sind technische Hilfsmittel wie Förderbänder, Greifer oder Hebefahrzeuge zu verwenden. Drittens fehlt vor dem Eingreifen in die Maschine oft der vollständige Sicherheitsstopp gegen unbeabsichtigtes Wiedereinschalten.
Viertens müssen Personen konsequent von der Maschine ferngehalten werden, auch vom Überwachungspodest: Mitfahren auf dem Futtermischwagen ist verboten. Fünftens warnt Stelzer vor der schlechten Übersicht beim Rangieren: Anfahren oder Überfahren von Personen, vor allem Kindern. Eine Rückfahrkamera oder Hilfsperson sowie ein Blick unter die Maschine vor dem Losfahren können Leben retten. Sechstens fehlt bei Wartungs- und Reinigungsarbeiten im Mischer regelmässig die persönliche Schutzausrüstung: Schutzhandschuhe, Sicherheitsschuhe, feste Arbeitskleidung.
Die BUL bietet unter info.bul.ch kostenlos das Merkblatt «Fahrzeuge und Maschinen sicher bedienen» mit einem eigenen Kapitel zu Futtermischwagen an. Eine Videoanleitung zum korrekten Sicherheitsstopp findet sich auf der Website.