Westbengalen: Wie die indische Bäuerin Sitarani Gayan gegen den Klimawandel kämpft

In Westbengalen prägen Überschwemmungen, versalzte Böden und Schädlinge den Gemüseanbau von Sitarani Gayan. Mit Mischkulturen und Fruchtfolgen macht sie ihre Produktion widerstandsfähiger. Beim Absatz unterstützt sie die Frauengenossenschaft (MCG).

Wenn Sitarani Gayan, 55 Jahre alt, durch ihr Gemüsefeld läuft, gibt der Boden leicht nach: Er ist weich und leicht feucht. Ein Zeichen dafür, dass hier alles gut läuft. Sitarani Gayan und ihre Familie leben im Dorf Durbachoti in Westbengalen, Indien. Zusammen mit ihrem Mann Panchanan Gayen (58) baut sie verschiedene Gemüsesorten an.

Swissaid unterstützt Frauengenossenschaft

Sitarani Gayan ist Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Und sie ist Landwirtin, Kleinunternehmerin und zudem Mitglied der Mutual Cooperative Group (MCG), einer von der Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) Swissaid unterstützten, gemeindebasierten Organisation, die Frauen in der Landwirtschaft vernetzt und stärkt. Die Mitglieder teilen Ressourcen, verbreiten Wissen und setzen sich für die Rechte von Bäuerinnen ein.

«Seit ich der Gruppe beigetreten bin, spielt das Lernen eine noch grössere Rolle in meinem Alltag», sagt sie. Die Frauen nehmen an Schulungen zur Agrarökologie teil, die inklusivere und nachhaltigere Anbaumethoden fördert. Sitarani Gayan wendet nun Fruchtfolge und Mischkulturen an und stellt ihre Betriebsmittel selbst her: «Wir verwenden organisches Material für Bohnen und Gemüse sowie Neemöl. Wir kochen die Neemblätter aus und tragen den Extrakt auf. Indem wir Wasser und Dünger auf diese Weise einsetzen, können wir unsere Pflanzen nachhaltig anbauen.» Mit Erfolg, wie das Gemüse, von dem sie umgeben ist, deutlich zeigt.

Neue Geschäftsmodelle erschliessen

Die Anwendung agrarökologischer Methoden ist umso wichtiger, da die Region stark vom Klimawandel betroffen ist. So haben die Familien Lösungen, um mit den enormen Herausforderungen wie Schädlingsbefall, hohem Salzgehalt oder verheerenden Überschwemmungen umzugehen.

Auch neue Geschäftsmodelle werden in der MCG diskutiert, wie etwa das Konzept des Direktverkaufs, um sich ein zusätzliches Einkommen zu sichern. Denn es gibt in der Region keine einfachen Transportmöglichkeiten und keinen Zwischenhändler. Die Gruppe begann, das Gemüse zu Fuss auszuliefern.

Die Frauen zogen durch das Dorf, um ihre Abnehmer zu erreichen. Mittlerweile beliefern sie im Umkreis von 4 km mehr als 70 Familien mit Gemüse. Es sei nicht alles eitel Sonnenschein, gibt die Bäuerin Sitarani Gayan zu. Die Arbeit ist schwer, die Wege lang. «Wir leiden schon. Wenn wir die Körbe auf dem Kopf tragen, verursacht das immense Schmerzen.» Dennoch machen sie weiter.

Der Kreislauf des ländlichen Lebens

Sitarani Gayans Entschlossenheit hält ihre Familien am Leben. Produzieren, verkaufen, einkaufen, wieder produzieren – der Kreislauf des ländlichen Lebens wird durch die Arbeit und das Wissen der Frauen angetrieben. Sitarani Gayan betont: «So laufen unsere Haushalte. So sichern wir unseren Lebensunterhalt.» Das macht deutlich, warum es für die Frauen so wichtig ist, sich zusammenzuschliessen.

Wie das Sprichwort sagt: Gemeinsam sind wir stark. Als Teil einer Genossenschaft können die Frauen ihre finanziellen Ressourcen bündeln, besseren Zugang zu Krediten, Land und Gesundheitsversorgung aushandeln, ihren Kundenstamm erweitern, Waren in grossen Mengen einkaufen und teure Werkzeuge gemeinsam nutzen.

Um den Frauen auch auf intellektueller Ebene die nötigen Werkzeuge an die Hand zu geben, bietet Swissaid Schulungen zur Kompetenzentwicklung an, wie fortgeschrittene landwirtschaftliche Techniken, Finanzwissen, Führungskompetenzen und Unternehmensführung.

Kleinbäuerinnen sind mehr als Ernährerinnen

Sich gegenseitig zu stärken, trägt zu einem Wandel bei, der nicht nur den Frauen, sondern ihrer gesamten Gemeinschaft mehr Wissen und Autonomie, widerstandsfähige Ernährungssysteme und finanzielle Unabhängigkeit beschert.

Sitarani Gayan ist ein Beispiel für Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit. Sie und die Frauen der Mutual Cooperative Group beweisen: Kleinbäuerinnen ernähren nicht nur ihre Gemeinschaften – sie leiten sie aktiv.

Sitarani Gayan stellt Pflanzenschutzmittel aus Neemblättern selbst her und liefert ihr Gemüse gemeinsam mit anderen Bäuerinnen zu Fuss an über 70 Familien in der Umgebung.(Bild: Sri Kolari / SWISSAID)

Landwirtschaft in Indien

Indien verfügt über 153 Millionen Hektaren (37x die Fläche der Schweiz) landwirtschaftlicher Nutzfläche und ist weltweit der zweitgrösste Agrarproduzent. Fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in diesem Sektor, viele davon Kleinbäuerinnen mit 1 bis 2 Hektaren Land. Indien verfügt über eine Vielzahl von Bodentypen, die für den Anbau unterschiedlichster Nutzpflanzen geeignet sind. Jedoch spürt das Land den Klimawandel massiv. Starkniederschläge, Stürme, Hitze und lang anhaltende Dürren beeinträchtigen die Ernte.

70 Prozent weniger Kunstdünger und Pestizide

Bauernbetriebe in Indien bekommen Subventionen aus einem nationalen Fonds und können auch finanzielle Unterstützung für den Erwerb von Saatgut, Vieh, Maschinen oder Saatgutversicherungen beantragen. Die Kosten für künstlichen Dünger und Pestizide können das Budget einer Kleinbauernfamilie jedoch stark belasten, trotz staatlicher Subventionen.

Sitarani Gayan und die Betriebe der Region setzen auf Agrarökologie, eine nachhaltige Form der Landwirtschaft ohne künstliche Betriebsmittel. Die Agrarökologie stärkt auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel. Heute benutzen sie dadurch 70 Prozent weniger künstlichen Dünger und Pestizide.

Traditionen hindern Frauen am Landbesitz

In Indien können verheiratete Landwirtinnen das gemeinsame Landrecht mit dem Ehemann erhalten. De facto hindern aber althergebrachte Traditionen die Frauen daran, Land zu besitzen. Weniger als 14 Prozent der Landwirtinnen besitzen in Indien Land. Ohne Grundbesitzurkunde werden sie nicht als Landwirtinnen anerkannt und können keine Subventionen erhalten oder Kredite beantragen.

Die juristische Situation steht in krassem Gegensatz zu der Tatsache, dass Frauen in der Landwirtschaft Indiens und in vielen anderen Ländern der Welt eine zentrale Rolle spielen. Sie generieren die Verwendung der Lebensmittel, die Lager und kennen die Bedürfnisse des Haushalts.

Weiterlesen

  • Wo sonst Futter für die Kühe wächst, sind die Weiden ausgedörrt: Hier etwa aktuell im Fricktal. Futtermangel belastet viele Bauernfamilien im Sommer 2026. Das sorgt auch für grosse psychische Belastungen.

    «Manchmal mache ich mir ernsthaft Sorgen um meinen Mann»: Wenn die Probleme mit am Küchentisch sitzen

    Trockenheit, Futtermangel und kranke Tiere setzen den Betrieben nicht nur finanziell und organisatorisch zu. Bäuerinnen erzählen, wie die schwierige Situation ihre ganze Familie emotional belastet. Eine Tierärztin und ein Landwirtschaftscoach beobachten Ähnliches auf anderen Höfen – und raten, psychische Warnzeichen ernst zu nehmen.
    Show more
    ABO
  • Kulinarisches Berner Oberland: Gewinnen Sie das Buch «Alpe-Chuchi»

  • Luzern soll Verpflichtungen für Beseitigung von Gebäuden aufheben

    ABO