«Emotional ist es ein Auf und Ab. Es gibt Tage, an denen ich meinen Mann aufzufangen versuche, und andere, an denen ich verzweifelter bin», sagt Helen Imhof aus Balterswil TG. Die Thurgauerin bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Betrieb mit 24 Hektaren Grünland, 20 Milchkühen, Jungvieh und 2000 Bio-Legehennen. Beide arbeiten Vollzeit auf dem Hof. Dazu kommen drei Kinder im Alter von 8, 12 und 14 Jahren.
Viel zu wenig Futter und das Virus im Stall
Die Trockenheit setzt dem Betrieb stark zu. «Wir haben viel zu wenig Futter», sagt Helen Imhof, die man aus der «Landfrauenküche» 2022 kennt. Die Kühe könnten morgens noch drei Stunden auf die Weide, «um etwas zu knabbern». Einen weiteren Schnitt gebe es nicht mehr, die Wiesen seien dürr. Siloballen und Heu fehlten, bereits jetzt werde Winterfutter verfüttert. Zwar dürfen Biobetriebe inzwischen auch konventionelles Futter zukaufen, doch eine sichere Zusage, um Futter zu kaufen, hat die Familie noch nicht.
Auch die Tiere leiden unter der Hitze: Die Hühner fressen weniger, die Legeleistung sinkt, die Zahl der Todesfälle steigt. Bei den Kühen drückt zusätzlich das Orthobunya-Virus auf die Milchleistung. Vier Tiere hat die Familie bereits abgegeben – darunter Kühe, die sie sonst noch behalten hätte.
Die ernsthaften Sorgen um den Mann
Ihr Mann telefoniere unermüdlich herum und suche nach Futter, erzählt Helen Imhof. «Kürzlich hat er wieder einmal gelacht. Da war ich sehr froh, zu merken, dass es ihm gerade nicht so schlecht geht.» Manchmal mache sie sich ernsthaft Sorgen um ihn. In besonders schwierigen Momenten komme auch die Frage auf, wie es überhaupt weitergehen könne. Dann würden sie gemeinsam nach Ideen suchen, was sie auf dem Hof verändern könnten, damit es auch in Zukunft weitergeht. Dazu komme die fehlende Aussicht auf Besserung.
Wenn der Lichtblick fehlt
Normalerweise folgen auf arbeitsreiche Zeiten auch Momente, in denen etwas geerntet wird und man sieht, wofür man gearbeitet hat. Dieses Jahr fehlt vielerorts genau das. Es gibt wenig zu ernten, kaum Abwechslung und stattdessen immer neue Sorgen. Das schlägt mit der Zeit auch auf die Motivation.
Auch die drei Kinder von Familie Imhof spüren es, wenn die Situation auf dem Hof ihre Eltern belastet. Deshalb versuchen Helen Imhof und ihr Mann, offen mit ihnen darüber zu sprechen. Nicht, um ihnen die Sorgen aufzubürden, sondern damit sie verstehen, warum die Eltern manchmal dünnhäutiger sind, weniger Geduld haben oder die Stimmung zu Hause angespannter ist. So können die Kinder einordnen, was gerade los ist.
Jeden Morgen neu anfangen
Gleichzeitig plant das Paar eigentlich einen Neubau, weil der Stall sehr alt ist. Doch die Finanzierung stehe bisher nicht, Rücklagen werde man dieses Jahr kaum bilden können. Kraft gibt beiden, jeden Tag neu anzufangen. «Am Abend gehen wir ins Bett und schliessen den Tag ab. Am nächsten Morgen sind die Sorgen zwar noch da, aber wir starten wieder mit mehr Energie.»
Auch auf Instagram, wo Helen Imhof als «@bauernfrau» ihren Alltag teilt, geht sie ehrlich damit um, wie es der Familie mit der aktuellen Situation geht. «Ich teile sehr offen, wie es uns geht, aber man macht sich damit auch angreifbar», sagt sie. Die meisten Rückmeldungen seien positiv. Viele Menschen schätzten das und meldeten zurück, dass es ihnen auf ihren Betrieben gerade ähnlich gehe.
Einzelne negative Kommentare träfen dafür umso mehr. Gleichzeitig erlebt Imhof über die sozialen Medien viel Unterstützung: Sie erhält Tipps zum Umgang mit Krankheiten im Stall oder Adressen von Heuhändlern. «Man unterstützt sich.»

Bald geht es ans Winterfutter
Auf den Weiden von Familie Fuss in Teuffenthal bei Thun BE finden die Kühe ebenfalls kein Futter mehr. «Wir lassen die Tiere vor allem noch zur Bewegung raus, sie sind aber gar nicht motiviert, und wir füttern gleichzeitig im Stall voll zu», erzählt Bäuerin Franziska Fuss, die zu 70 % als Primarlehrerin auswärts arbeitet. Zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn bewirtschaftet sie einen Milchwirtschaftsbetrieb mit rund 23 Milchkühen und 60 Stück Jungvieh auf 50 ha Land. Der Sohn ist auf dem Betrieb angestellt, arbeitet aber noch zwei Tage auswärts. Die Familie sömmert all ihre Tiere selbst, bis auf 2 Kühe.
«Wir haben sicher einen Schnitt weniger. Aktuell überlegen die Männer, ob wir noch probieren sollen, Siloballen zu produzieren.» Bald müssen sie die Vorräte, die für die Winterfütterung gedacht waren, anzapfen. Man überlege laufend, ob man Futter zukaufen solle, «aber es gibt ja eigentlich europaweit wahrscheinlich kaum mehr etwas», oder ob noch mehr Tiere als üblich verkauft werden. Zusätzlich leide die ganze Landwirtschaft in der Gegend stark unter Wassermangel. Umso dankbarer ist die Familie für ihre eigene Quelle.
«Da liegt eine Anspannung in der Luft»
Die Kühe seien «mudrig» und bräuchten dann den Tierarzt. Einen Fall des Orthobunya-Virus hatte die Familie bisher noch nicht. Die Gedanken rattern, die Diskussionen drehen sich ständig um die gleichen Themen. «Wenn ich von meinem Job als Lehrerin nach Hause komme, spüre ich das. Da liegt eine Anspannung in der Luft, eine Trauer, dass man der Natur so machtlos ausgeliefert ist», sagt Franziska Fuss. Die Laune sei oft schlecht, die Diskussionen würden dann auch mal gehässig.
Die Motivatorin in der Familie
Franziska Fuss versucht, positiv zu bleiben. «Ich habe familienintern die Rolle der Motivatorin inne, gerade bei den Kindern. Wir planen die Hofübergabe, ich bin dann die, die sagt: Das kommt schon gut, es hat schon immer schwierige Jahre gegeben, es geht immer irgendwie weiter.»
Die Büroarbeit wird noch wichtiger. «Laufende Kosten bleiben, gleichzeitig ging die Milchleistung der Kühe zurück und wertvolle Zuchttiere mussten verkauft werden.» Auch ob man investieren wolle, müsse man sich derzeit sehr gut überlegen.
Umso dankbarer ist Franziska Fuss für ihren Lohn als Lehrerin, der jeden Monat fix kommt. «Gleichzeitig merke ich: Ich muss funktionieren, ich könnte jetzt nicht ausfallen.»
Reden hilft, die Sorgen einzuordnen
Innerhalb der Landwirtschaft merkt Franziska Fuss einen grossen Zusammenhalt. «Mein Mann ist durch die Viehzucht gut vernetzt und sehr viel im Gespräch mit anderen Bauern. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass sich jetzt viele Bauernfamilien noch mehr zurückziehen.»
Das findet die Bäuerin gefährlich und möchte allen Berufskolleginnen und Berufskollegen raten, über Probleme zu reden. «Wenn man merkt, dass andere Familien mit den genau gleichen Problemen kämpfen, hilft das auch, die eigenen etwas ins Verhältnis zu setzen.»
«Die Frage ist, ob wir Futter finden werden und zu welchem Preis»
Im Baselbiet, einem Gebiet, das von der landesweiten Trockenheit besonders hart getroffen wurde, bewirtschaftet Stefanie Spycher-Gass mit ihrem Mann Rolf und den drei Töchtern einen Bio-Milchwirtschaftsbetrieb mit momentan noch 30 Milchkühen (statt wie üblicherweise 35).
«Vor zwei Monaten hatten wir noch mehr als genug Futterreserven. Mittlerweile sieht es anders aus», erzählt die Bäuerin aus Oltingen. In einem normalen Jahr muss der Betrieb nur wenig Futter von Bio-Bauern im eigenen Dorf zukaufen. «Dieses Jahr werden auch wir viel Futter kaufen müssen, die Frage ist, ob wir es finden werden und zu welchem Preis.» Denn natürlich habe in der Region jetzt niemand zu viel Futter.
In anderen Jahren können sie das Jungvieh bis Oktober oder November auf der Weide lassen, aktuell füttern sie dort schon Heu zu. «Es tut weh, diese braune Einöde zu sehen. Gleichzeitig kommen natürlich Sorgen auf, bis hin zu Existenzängsten.» Während sich ihr Mann eher Sorgen um die finanzielle Zukunft mache, falle es Stefanie Spycher-Gass besonders schwer, Kühe in die Metzg geben zu müssen, die man eigentlich noch hätte behalten wollen.
Weder hamstern noch horten
Dass Bio-Bauern mittlerweile mit einer Ausnahmebewilligung auch konventionelles Futter zukaufen dürfen, sorgt für einzelne gehässige Reaktionen aus der Bauernschaft. Das findet die Baselbieterin schade: «Jetzt sollten wir doch umso mehr zusammenhalten und solidarisch sein. Weder Futter hamstern noch horten. Wir werden die Situation sicher nicht ausnutzen und nicht mehr Futter zukaufen als unbedingt nötig.»
Auch von der übrigen Bevölkerung würde sich die Bäuerin etwas mehr Feingefühl wünschen: «Während wir uns fragen, wie wir unsere Tiere durch den Winter bringen, trampelten zum Beispiel die Besucher der Sonnenfinsternis auf der Schafmatt noch die letzten paar übrig gebliebenen Grashalme nieder. Das tat schon weh.»
Die Tierärztin sieht die Belastung auf den Höfen
Eine, die die Stimmung auf diversen Höfen hautnah erlebt, ist Tierärztin Anna Vetter vom Tiermedizinischen Zentrum Bornblick in Olten SO. Sie bekommt zu spüren, wie angespannt die Bauernfamilien sind. Die Mischung aus Sorge um die Tiere wegen der Hitze und des Orthobunya-Virus, wegen des Futtermangels und noch höherer Arbeitsbelastung durch das ständige Bewässern und das Präsentsein nagt an den Bauernfamilien.
Dazu kommen die grossen finanziellen Sorgen. Der Dieselverbrauch steigt massiv, Futter muss zugekauft werden. Gleichzeitig kommt aber weniger Geld wegen fehlender Milch der kranken Kühe rein. Anna Vetter befürchtet, dass diese Situation einige Betriebe zum Aufgeben zwingen wird.
Wenn Tiere abgegeben werden müssen
Nicht zu unterschätzen ist die emotionale Belastung für die Tierhaltenden, weil sie wegen Futtermangels Tiere schlachten müssen, hat Anna Vetter bei ihren Besuchen festgestellt. Auch der Blick auf den Herbst und Winter mit fehlenden Futtervorräten bereitet grosse Sorgen. Die emotionale Belastung vieler Betroffener, über die Situation und Verluste um ihre Tiere, wiege bei einigen fast noch schwerer als der finanzielle Druck.
Anna Vetter hat grosses Verständnis für die Bauern und bei Bedarf ein offenes Ohr. Mit Berufskolleginnen hat sie sich erst kürzlich darüber ausgetauscht, dass sie als Tierärzte eine gewisse Verpflichtung hätten, auf den Höfen hinzuschauen und allenfalls geeignete Beratungsstellen zu empfehlen. Denn sie würden den Blick von aussen mitbringen, aber dennoch immer wieder mit den Bauern Kontakt haben und daher Veränderungen bemerken.
Das rät der Landwirtschaftscoach Marc Vuilleumier
Die Bauernfamilien sind mit einer Extremsituation auf diversen Ebenen konfrontiert. Im Gesamtpaket kann das bei dem einen oder der anderen zu einer Überbelastung führen, die der Körper nicht mehr zu tragen vermag. Marc Vuilleumier ist Landwirtschaftscoach aus Herisau AR.
Er rät dazu, über seinen Schatten zu springen und darüber zu sprechen, welche Sorgen einen plagen. Allein das Sprechen löse zwar die Probleme nicht, doch es helfe, etwas vom empfundenen Druck abzulegen. Zudem könne für fachspezifische betriebliche Fragen eine kantonale Beratungsstelle aufgesucht werden.
«Manchmal braucht es einen Schupf von aussen»
Nehmen die psychischen Beschwerden zu und zeigen sie sich etwa in den vielfältigen Burn-out-Symptomen wie immer mehr rotierenden Gedanken, Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit, oder Zurückziehen aus dem sozialen Leben und Einigeln, dann empfiehlt es sich, einen Arzt oder einen Coach aufzusuchen.
Marc Vuilleumier rät allen, die Augen im Umfeld offen zu halten. Wenn etwa bei Freunden, dem Partner oder der Partnerin Symptome wie die oben genannten auffallen, soll die Person darauf angesprochen werden, dass sie sich Hilfe holen sollte. «Manchmal braucht es einfach einen Schupf von aussen», erklärt der Coach.
Der Griff zum Telefon, der hilft
Auch beim Bäuerlichen Sorgentelefon blickt das Team mit Sorge auf die aktuelle Lage der Landwirtschaft. Zu wenig Futter, hohe Produktions- und Bewässerungskosten, tiefe Produzentenpreise, Ernteausfälle und kranke Tiere – unheimliche Belastungsfaktoren, die auf Bäuerinnen und Bauern niederprasseln. Dabei gehe es ums «Läbige».
«Besonders belastend wird es, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig auftreten und sich verstärken. Dann rücken existenzielle Fragen in den Vordergrund», sagt Marie Louise Koller, Öffentlichkeitsbeauftragte des Vereins. Schnell komme in einer solchen Lage nicht nur die Frage nach dem Heute, sondern auch nach dem Morgen auf – wie geht es mit dem Betrieb weiter?
«Und wie lange können die finanziellen, körperlichen und persönlichen Belastungen noch getragen werden?», ergänzt die Öffentlichkeitsbeauftragte.
Die Anfragen kommen oft später
Die Frage, ob sich schon mehr Menschen an das Bäuerliche Sorgentelefon wenden, verneint Marie Louise Koller. «Häufig kommen die Anfragen zeitlich verzögert. In akuten Situationen funktionieren viele zunächst weiter und versuchen, die anstehenden Arbeiten zu bewältigen.»
Erst wenn der akute Druck nachlasse und die finanziellen und betrieblichen Folgen «unter dem Mist» sichtbar würden, komme auch die psychische Belastung zum Vorschein. «Der Griff zum Telefon ist in solchen Momenten kein einfacher – auch wenn er in anderen täglichen Situationen die erste Reaktion ist.»
Hier gibt es Hilfe: Anlaufstellen, wenn die Sorgen zu sehr drücken
Bäuerliches Sorgentelefon: 041 820 02 15
Montag 8.15–12.00 Uhr, Dienstag 13.00–17.00 Uhr, Donnerstag 18.00–22.00 Uhr
https://baeuerliches-sorgentelefon.ch/de/page
Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft: 079 200 00 44
Montag bis Freitag 7.30–12.00 und 13.00–16.00 Uhr
https://aul-be.ch/
Kantonale Anlaufstellen:
Liste der Landfrauen Schweiz
https://www.landfrauen.ch/hilfe-unterstuetzung/kantonale-anlaufstellen/
Bei finanzieller Unterstützung:
Bäuerliche Sorge-Chrattä
http://www.sorgechratte.ch/kontakte/index.html
Therapeutische Unterstützung:
Dargebotene Hand – Reden kann retten: 143
https://www.reden-kann-retten.ch/
Hier dürfen Sie sich auch melden, wenn Sie sich um eine Person sorgen.
Falls Sie langfristige psychologische Hilfe benötigen: Melden Sie sich bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Sie oder er kann Sie an eine entsprechende Stelle weiterverweisen. Unter https://www.doc24.ch/de finden Sie alle Ärzt(innen) und Therapeut(innen), die noch Patient(innen) aufnehmen.

