Der stille Rückbau des einstigen Vorzeigeprojekts Agrovet-Strickhof

Neun Jahre nach der gefeierten Eröffnung ordnen ETH, Universität Zürich und Strickhof ihre Nutztier-Kooperation neu. Auskunft gab es erst auf mehrfache Nachfrage – und über einen Umweg via Kanton, nachdem die ETH die Rückzugs-Gerüchte im Frühling brüsk vom Tisch gewischt hatte.

Als Agrovet-Strickhof im September 2017 eröffnet wurde, sparten die Verantwortlichen nicht mit grossen Worten. Von einer Kooperation mit «Vorzeigecharakter» war die Rede, von einem Zentrum, das «in seiner Form einmalig» sei und «nationale und internationale Ausstrahlung» entwickeln solle. Über 60 Millionen Franken hatten der Bund und der Kanton Zürich zu etwa gleichen Teilen in die neuen Ställe und Labors in Lindau ZH investiert. Der damalige ETH-Präsident Lino Guzzella betonte an der Eröffnungsfeier, Interdisziplinarität sei «einer der wichtigsten Schlüssel für Innovation».

Neun Jahre später zeigt sich: Diese Kooperation zwischen ETH Zürich, Universität Zürich und dem kantonalen Kompetenzzentrum Strickhof wird neu geordnet – und zwar deutlicher, als es lange den Anschein machte.

Was die BauernZeitung wissen wollte

Ende Mai 2026 erreichten die Redaktion Hinweise, wonach sich die ETH Zürich aus der Kooperation zurückziehen wolle. Die BauernZeitung fragte deshalb am 26. Mai schriftlich bei der ETH-Medienstelle nach: Steigt die ETH aus? Wenn ja, warum? Welche finanziellen und personellen Verpflichtungen bestehen laut Kooperationsvertrag? Steckt das allgemeine Sparprogramm der ETH dahinter, oder eine inhaltliche Neuausrichtung?

Eine schriftliche Antwort blieb aus. Stattdessen meldete sich Rainer Borer von der ETH-Medienstelle telefonisch – mit einer Auskunft, die keine war: Man könne die Fragen zwar problemlos beantworten, das mache aber wenig Sinn, weil die Grundthese schlicht nicht stimme. Die ETH ziehe sich nicht aus Agrovet-Strickhof zurück, Punkt.

Aus Sicht der ETH war die Sache damit erledigt, bevor sie richtig begonnen hatte. Eine weitere schriftliche Anfrage der Redaktion im Juni blieb gänzlich unbeantwortet – keine Antwort, kein Dementi, kein Wort mehr. Die Gerüchte um Veränderungen bei Agrovet-Strickhof rissen derweil nicht ab.

Die Antwort kommt schliesslich vom Kanton

Erst eine erneute Anfrage brachte am 12. August 2026 Klarheit – dieses Mal von der Medienstelle der Baudirektion des Kantons Zürich, in deren Zuständigkeit der Strickhof fällt. Die Auskunft fällt deutlich konkreter aus als das, was die ETH im Frühling zu vermitteln versuchte:

Die drei Partner haben die Kooperationsvereinbarung gemeinsam angepasst. Sie tritt am 1. Januar 2027 in Kraft. Die Grundidee – ein institutionell vernetztes Zentrum für Bildung, Forschung und Wissenstransfer bei landwirtschaftlichen Nutztieren – bleibt zwar bestehen. Einzelne Zuständigkeiten und Nutzungen werden aber neu geordnet:

  • Die beiden Aussenstandorte Früebüel (Kanton Zug) und Alp Weissenstein (Kanton Graubünden) werden künftig ausschliesslich durch die ETH Zürich betrieben und nach deren Forschungsprioritäten weiterentwickelt.
  • Der Standort Wülflingen wird per 2027 aus der Kooperation herausgelöst. Er steht zwar weiterhin für Forschungsprojekte von ETH und Universität Zürich zur Verfügung, wird vom Strickhof aber – wie bereits im Frühling angekündigt – auf Bio-Landbau umgestellt. Der Betrieb soll künftig als Ausbildungs- und Versuchsbetrieb für die Weiterentwicklung des Biolandbaus dienen. Neu werden dort auch Tierhaltungsversuche unter Bio-Bedingungen möglich.
  • Wegen der Neuordnung am Standort Früebüel fallen beim Strickhof drei Stellen weg. Die betroffenen Mitarbeitenden seien frühzeitig persönlich informiert worden, teilt der Kanton mit. Eine Weiterbeschäftigung am Strickhof sei nicht in allen Fällen möglich; der Kanton unterstütze die Betroffenen bei der Stellensuche.

Kein Rückzug – aber ein Rückbau

Von einem vollständigen ETH-Ausstieg, wie ihn die ursprünglichen Hinweise an die Redaktion nahelegten, kann man nach diesen Angaben nicht sprechen. Die ETH bleibt Trägerin von Agrovet-Strickhof und übernimmt an zwei Standorten sogar mehr Verantwortung als bisher. Richtig ist aber auch: Von der Kooperation, wie sie 2017 mit derart grossem Aufwand gefeiert wurde, bleibt nach der Neuordnung 2027 weniger übrig. Ein Standort verlässt das gemeinsame Konstrukt ganz. Drei Stellen beim Strickhof fallen weg. Und dass diese Anpassungen erst auf mehrfache Nachfrage und über den Umweg der Baudirektion kommuniziert wurden, wirft die Frage auf, weshalb die ETH-Medienstelle im Frühling nicht von Anfang an offen über die laufenden Gespräche informiert hat. Ein Widerspruch bleibt zwischen der brüsken Erledigung «Die These stimmt nicht» im Mai und dem, was nun schwarz auf weiss vorliegt.

Was bringt Agrovet-Strickhof den Bauern konkret?

Agrovet-Strickhof ist keine reine Institutsangelegenheit fernab vom Betriebsalltag. Unter dem Ansatz «From Feed to Food» wird hier praxisnah zu Fütterung, Tiergesundheit, Zucht und Haltung von Nutztieren geforscht – mit direktem Bezug zum Bauernhof:

  • Zuchtprogramme: Bereits kurz nach der Eröffnung 2017 begann die ETH damit, sämtliche Rinder von Agrovet-Strickhof zu genotypisieren – als Grundlage für effizientere Zuchtprogramme, von denen letztlich auch die Milchviehhaltung in der Praxis profitiert.
  • Ausbildung: Am Standort werden angehende Agronominnen und Tierärzte praxisnah ausgebildet – die Fachleute, die morgen in der Beratung, in Tierarztpraxen oder in der landwirtschaftlichen Forschung tätig sind.
  • Betriebsnahe Versuche: Der Milchviehstall mit rund 130 Kühen sowie das Stoffwechselzentrum ermöglichen Fütterungs- und Haltungsversuche unter Bedingungen, die nahe an der betrieblichen Realität liegen.
  • Neue Bio-Forschung Wülflingen: Mit der Umstellung auf Bio-Landbau werden am Standort Wülflingen künftig auch Tierhaltungsversuche unter biologischen Bedingungen möglich – eine Lücke, die bisher bestand und die für die Weiterentwicklung des Biolandbaus in der Schweiz relevant ist.

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